An den Start

Große Überraschungen hielt das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende bei seiner Verabschiedung nicht mehr bereit. Einige offene Fragen bleiben, doch die Pflichten sind klar.

Am Abend des 23. Juni 2016 verabschiedete der Deutsche Bundestag mit den Stimmen der großen Koalition den Gesetzentwurf zur Digitalisierung der Energiewende mit der Beschlussempfehlung des Ausschusses für Wirtschaft und Energie. Das lang erwartete Gesetz passierte den Bundesrat und trat mit der Veröffentlichung im Bundesgesetzblatt am 2. September 2016 in Kraft. Es enthält das Gesetz über den Messstellenbetrieb und die Datenkommunikation in intelligenten Energienetzen (Messstellenbetriebsgesetz MsbG), das speziell die Ausstattung von Messstellen mit intelligenten Messsystemen sowie die Datenkommunikation und -sicherheit regelt. Wie der Name sagt, geht es um den Punkt zwischen Netz und Kundenanlage, an dem der Stromverbrauch oder die Einspeisung einer Erzeugungsanlage gemessen wird, also die Messstelle. Grundzuständig für die Installation und den Betrieb der dort verbauten Messsysteme ist der Messstellenbetreiber (MSB) - im Sinne des Gesetzes zunächst der lokale Stromverteilnetzbetreiber (VNB). Es gibt jedoch auch wettbewerbliche Messstellenbetreiber, die auf Wunsch des Kunden die Messeinrichtungen zur Verfügung stellen können. Umgekehrt kann der grundzuständige Messstellenbetreiber seine Verpflichtung abgeben oder - bei Nichterfüllung der gesetzlichen Auflagen - auch entzogen bekommen.

Die Infrastruktur

Bis spätestens 2035 sollen Verbraucher und Erzeuger in mehreren Schritten mit intelligenten Messsystemen ausgerüstet werden. Intelligente Messsysteme bestehen aus einem digitalen Basiszähler und einem Smart Meter Gateway, das Zählerwerte abnimmt und verarbeitet, Steuerbefehle weiterleitet und in einer eigens vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) entwickelten Architektur in beide Richtungen kommunizieren kann. Direkten Zugang zum Gateway besitzt nur der Smart Meter Gateway Administrator, der auch den Zugriff autorisierter externer Marktteilnehmer (EMT) ermöglicht. Diese neue Aufgabe fällt ebenfalls in die Verantwortung des MSB. Während der VNB heute im Wege einer Kettenkommunikation Daten entweder selbst erhebt oder von externen MSB erhält, aufbereitet und danach an die berechtigten Marktteilnehmer weitergibt, soll künftig eine sternförmige Kommunikation direkt aus dem Gateway an alle Berechtigten erfolgen.

Für alle Messstellen, die noch nicht von der Einbauverpflichtung für intelligente Messeinrichtungen betroffen sind, werden moderne Messeinrichtungen ab 2017 zur verpflichteten Grundausstattung. Es handelt sich hierbei um digitale Stromzähler, die den tatsächlichen Elektrizitätsverbrauch und die tatsächliche Nutzungszeit widerspiegeln und über ein Smart-Meter-Gateway sicher in ein Kommunikationsnetz eingebunden werden können. Der Einbau von Steuerboxen für erneuerbare Energieanlagen ist nicht mehr verbindlich vorgeschrieben - nicht zuletzt, weil es noch keine finalen Spezifikationen für diese Geräte und ihre sichere Einbindung gibt.

Die Zeitschiene

Großverbraucher ab 10.000 kWh pro Jahr sowie Erzeugungsanlagen ab 7 kW sollen bereits ab 2017 mit intelligenten Messsystemen ausgestattet werden: Sobald drei BSI-zertifizierte Smart Meter Gateways am Markt verfügbar sind, bleiben dem Messstellenbetreiber 36 Monate Zeit, um mindestens zehn Prozent dieser Messstellen umzurüsten. Bis 2019 müssen zudem zehn Prozent der Messstellen unter 10.000 kWh pro Jahr moderne Messeinrichtungen erhalten. Anders als ursprünglich vorgesehen, sind ab 2018 auch Erzeugungsanlagen ab 1kW mit intelligenten Messsystemen auszustatten. Für Verbraucher mit einem Jahresverbrauch von über 6.000 kWh wird der Einbau intelligenter Messsysteme ab 2020 verpflichtend. Der Messstellenbetreiber ist aber berechtigt, auch Kunden mit einem geringeren Verbrauch ausstatten. Für die modernen Messeinrichtungen sollen "nicht mehr als 20 Euro brutto jährlich in Rechnung gestellt werden" (§32 MsbG). Die Preisobergrenzen für intelligente Messsysteme sind nach Verbrauch beziehungsweise Einspeiseleistung gestaffelt (siehe unten). Die Differenz zu den tatsächlichen Kosten trägt der Messstellenbetreiber. Eine Ausnahme sind die Kosten für eventuell erforderliche Umbauten am Zählerschrank, die der Verbraucher übernehmen muss.

Offene Fragen

An den Messstellen, die mit einem intelligenten Messsystem ausgestattet sind, wird künftige eine (viertelstündliche) Zählerstandgangmessung und Zählerstandgangbilanzierung durchgeführt werden. Das bislang übliche Standardlastprofilverfahren (SLP) sowie die registrierende Leistungsmessung (RLM) werden daher mittelfristig aussterben. Um entsprechende Abrechnungs- und Bilanzierungsverfahren einsetzen zu können, muss die aktuelle Marktkommunikation angepasst werden, da die aktuellen Festlegungen der Bundesnetzagentur (BNetzA) noch nicht auf die Kommunikation von Zählerstandsgängen ausgerichtet sind. Da das bis zum Beginn des Rollouts nicht zu leisten ist, darf die BNetzA bis maximal Ende 2019 ein sogenanntes Interimsmodell verwenden. Eine Projektgruppe von BDEW und VKU arbeitet daran: Im kommenden Jahr will man auf Basis der aktuell gültigen Vorgaben die Kommunikation von Zählerstandsgängen gewährleisten können. Vorhandene IT-Systeme müssen dann entsprechend ertüchtigt werden.

Auch hinsichtlich der Netzbilanzierung läutet das MsbG einen Paradigmenwechsel ein: Während heute der VNB für sein Bilanzierungsgebiet Energiemengen auf unterschiedliche Bilanzkreise aggregiert verteilt, überträgt der Gesetzgeber diese Aufgabe zukünftig dem Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) - allerdings nur im Bereich intelligenter Messsysteme. Für herkömmliche und moderne Messeinrichtungen verbleibt die Zuständigkeit beim VNB. Das erfordert umfassende Systemumstellungen und über lange Zeit hybride Zuständigkeiten. Wo der volkswirtschaftliche Nutzen liegen soll, fragen sich viele.