5 Arten, den Rollout zu bewältigen

Ob das intelligente Messwesen tatsächlich kommt und auf welche Weise es dann in Deutschland umgesetzt wird, war lange nicht klar. Der Markt hat sich nach Kräften vorbereitet, die Stadtwerke und Netzgesellschaften allerdings sind mit dieser Situation auf unterschiedliche Weise umgegangen. Dementsprechend unterscheiden sich auch die Startpositionen für den Rollout...

Die Vorreiter

Einige Stadtwerke nahmen bereits die Novelle des EnWG im Jahr 2008 zum Anlass, die Umstellung auf intelligente Messsysteme im Sinne der EU-Richtlinien tatsächlich anzugehen. Darunter das Stadtwerk der kleinen fränkischen Gemeinde Hassfurt. Bis 2012 wurden dort praktisch alle Strommessstellen - insgesamt rund 10.000 - umgerüstet. Die Hardware, bestehend aus digitalen Zählern und sogenannten Datenkonzentratoren für die Sammlung der Messdaten sowie die Organisation der Kommunikation mit den einzelnen Messgeräten, stammt vom amerikanischen Hersteller Echelon, die Verbrauchsdaten und Steuerbefehle werden verschlüsselt über die bestehende Breitband-Powerline-Verbindung übertragen, als Softwarekomponente wird die METERUS Middleware eingesetzt. Alle Messdaten sind für die Kunden stundengenau über ein Webportal abrufbar, die Abrechnung erfolgt anhand des tatsächlichen Verbrauchs. Nach Auskunft des Stadtwerks verursachte der Rollout keine zusätzlichen Kosten für den Kunden. Für Geschäftsführer Norbert Zösch ist die umgesetzte Lösung ein absolutes Erfolgsmodell und er hat viel positive Resonanz erfahren: "Viele Kollegen schauen sich unser Konzept an und fragen sich, warum man das nicht überall so macht." In Hassfurt baut man auf Bestandsschutz und schaut gespannt auf die weiteren Entwicklungen.

Die Gestalter

Die großen Versorger und Netzgesellschaften haben exzellente Zugänge zu den politischen Entscheidungsgremien und waren daher schon früh in die Ausgestaltung des neuen Messwesens eingebunden - zumindest wußten sie in der Regel früher, wohin der Weg im Einzelnen gehen wird. Auch die erforderlichen Ressourcen zur Entwicklung von Standardprodukten und -lösungen für den Rollout sowie zur Durchführung großangelegter Pilotversuche können dort leichter zur Verfügung gestellt werden als in einem kleinen Stadtwerk. Wichtige Weichenstellungen für Konzepte, Technologien und Prozesse sind daher in diesem Umfeld entstanden und vermutlich hätte ohne die Zusammenarbeit mit diesen Unternehmen kaum ein Hersteller sein Portfolio bis heute massentauglich machen können. Aus dem Entwicklungsprozess selbst sind bei praktisch allen Versorgern und großen Netzbetreibern differenzierte Dienstleistungs-Angebote entstanden, die teilweise sogar die Gründung neuer Metering-Gesellschaften befördert haben. Gerade darin zeigt sich, welche Chancen der Rollout auch für die Großen der Branche bietet - und dass diese Chancen ergriffen werden.

Die Macher

Auch die Unternehmen dieser Gruppe beschäftigt sich schon länger mit dem intelligenten Messwesen, denn sie wollen bei der Umsetzung die Fäden in der Hand behalten und sehen sich nicht als reiner Konsument vorhandener Lösungen. Entsprechend bereiten sich diese Stadtwerke allein oder mit einigen wenige Gleichgesinnten auf den Rollout vor. In der Regel gibt es dort engagierte Fachleute, die das Projekt treiben und meist schon sehr weit gekommen sind. Ausgehend von konkret geplanten Anwendungsfällen respektive der vorhandenen technischen Infrastruktur wurden dort nämlich frühzeitig ganz klare Vorstellungen entwickelt, welche Prozesse wie ablaufen sollten. Da sich diese Werke vielfach schon von Beginn an mit der Kür beschäftigten, fordern sie die Anbieter und haben so dazu beigetragen, Hard- und Softwarelösungen für die realen Herausforderungen zu schärfen. Die Pflicht des Rollouts werden diese Unternehmen wohl problemlos bewältigen.

Die Pragmatiker

Eine funktionsfähige, regelkonforme Lösung - nicht mehr und nicht weniger streben diese Stadtwerke an, die wahrscheinlich derzeit in Deutschland die Mehrheit bilden. Das große Rad will man hier im ersten Schritt nicht drehen, sondern einen sauberen, auch wirtschaftlich tragfähigen Einstieg schaffen. Angesichts der allerorts knappen Ressourcen und der Dimensionen des Rollouts ist das eine mehr als legitime Entscheidung mit großen Erfolgsaussichten für die Praxis. In diesen Unternehmen beschäftigen sich die Fachleute typischerweise seit ein bis zwei Jahren intensiver mit dem intelligenten Messwesen. Oftmals nutzt man für die Vorbereitung Netzwerke und Kooperationsprojekte, um Kapazitäten zu bündeln, gemeinsam Know-how aufzubauen und Skaleneffekte auszuschöpfen. Üblicherweise ist man in diesen Werken daher zumeist gut informiert. Die Verantwortlichen kennen ihren Bedarf und den Markt sehr gut, so dass sie Lösungen identifizeren, die den eigenen Aufwand sinnvoll begrenzen. Angebote von der gebündelten Gerätebeschaffung bis hin zur Auslagerung ganzer Geschäftsprozesse (Fachbegriff: Business Process as a Service) an einen entsprechend qualifizierten Dienstleistungspartner werden in dieser Anwendergruppe gerne wahrgenommen. Es steht zu erwarten, dass diese Strategie aufgeht und der Rollout erfolgreich umgesetzt wird.

Die Zögerlichen

Ob sie wirklich geglaubt haben, dass der Kelch des Smart Metering doch noch an ihnen vorübergeht? Wahrscheinlich nicht wirklich, aber trotzdem stellte sich manch ein Stadtwerke noch Anfang 2016 auf den Standpunkt: "Bevor es kein Gesetz gibt, tun wir nichts!" Prinzipiell ist gerade im Energiesektor eine gewisse Vorsicht gegenüber angekündigten Gesetzesvorhaben sicher nicht unangebracht, aber seit September läuft die Uhr. Damit wird die Umstellung des Messwesens vermutlich auf der Prioritätenliste der fraglichen Geschäftsführer deutlich nach oben rücken. Und das ist auch gut so, denn mit dem Eintreten der "technischen Verfügbarkeit" von BSI-konformen Gateways bleiben noch exakt 36 Monate Zeit, um die verbindliche Mindest-Umbau-Quote von 10 Prozent zu erreichen - unabhängig davon, wie weit man heute schon mit den Rollout-Vorbereitungen ist. Der Gesetzgeber sieht bei Nichteinhalten hier ausdrücklich die Zwangsübertragung der eigenen MSB-Grundzuständigkeit an einen Dritten vor (§ 45 Abs. 2 MsbG). Vielleicht wird dies aktuell noch vereinzelt etwas unterschätzt und es könnte hie und da demnächst ein wenig Hektik aufkommen. Da der Markt aber auch für diese Klientel ein umfangreiches Beratungs- und Serviceangebot bereithält, wird der Rollout wohl auch hier gelingen.