"Es geht um das künftige Geschäft"

Für Ruwen Konzelmann bietet der Einbau der intelligenten Messsysteme Stadtwerken die Chance, sich mit neuen Angeboten zu positionieren.

50,2: Herr Konzelmann, das Digitalisierungsgesetz ist da, aber nun warten wir auf die BSI-Zertifizierung der Gateways und die Interims-Marktkommunikation. Ist das nicht langsam etwas frustrierend?

Ruwen Konzelmann: Nein, so schnell lassen wir uns nicht frustrieren. Außerdem ist es wahrscheinlich gar nicht so schlecht, wenn die Mess- stellenbetreiber noch ein bisschen Zeit haben, sich vorzubereiten. Immerhin steht hier ein echter Kulturwandel an.

Was meinen Sie genau?

Auf der physikalischen Ebenen werden die Stadtwerke vorwiegend analoge Geräte mit klar definierten Einzelfunktionen sukzessive durch eine dynamische, multifunktionale Infrastruktur aus Hardware, IT und Kommunikation ersetzen. Das dafür erforderliche Knowhow und die Prozesse aufzubauen, braucht einfach Zeit. Eine noch größere Herausforderung besteht meines Erachtens jedoch darin, diese Infrastruktur tatsächlich in Wert zu setzen. Und das ist für Messstellenbetreiber vielfach komplettes Neuland.

Es geht also gar nicht nur um die Neuorganisation des Messwesens?

Darauf fokussieren sich zwar viele Stadtwerke aktuell, aber faktisch ist das Ablesen des Stromverbrauchs nur noch ein Teilbereich. Die eigentliche Aufgabe lautet, mit den intelligenten Messsystemen Angebote zu entwickeln für die Zeit, wenn der reine Stromverkauf nicht mehr attraktiv ist. Das ist die vertriebliche Perspektive. Demgegenüber stehen die technischen Anforderungen an die Stabilisierung der Verteilnetze, die bekanntermaßen ebenfalls zunehmen. Beides läßt sich über die neue Infrastruktur sehr smart verbinden.

Können Sie konkrete Beispiele für solche neuen Angebote nennen?

Nun, man kann beim Kerngeschäft des MSB anfangen: Die Ablesung von Zählern wird mit einem entsprechend ausgelegten Gateway spartenübergreifend möglich sein und kann dementsprechend als Dienstleistung für die Immobilienwirtschaft angeboten werden. In Liegenschaften, die über Wärmepumpen oder PV-Anlagen verfügen, kann daraus ein Mieterstrommodell oder - in Verbindung mit der jeweiligen Anlage - sogar ein Komplettangebot werden.

Dann kann man sich fragen, welche Leistungen den VNB interessieren könnten. Da denke ich zum Beispiel an Netzzustandsdaten, die sich ebenfalls an der Messstelle auslesen lassen oder die Steuerung von Einspeisern. Auch ein Lastmanagement, etwa bei Nachtspeicherheizungen oder Elektromobilen, ist attraktiv für den Netzbetreiber, weil sich die Netzqualität erhöht und die Investitionskosten sinken. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Wie kann ein erfolgreicher Einstieg konkret aussehen?

Nach meiner Erfahrung entwickeln sich die Anwendungsfälle und Geschäftsmodelle hinter der neuen Technologie sukzessive und sind teilweise heute noch gar nicht absehbar - vergleichbar dem Smartphone. Daher sollte man sich mit den betroffenen Fachabteilungen zusammensetzen und Themen suchen, die sich im jeweiligen Versorgungsgebiet anbieten und dort starten.

In jedem Fall empfehle ich, bei der eingesetzten Technologie darauf zu achten, dass sie flexibel und für künftige Anforderungen erweiterbar ist. Das bezieht sich zum Beispiel auf die Geräte, die in die Kommunikation eingebunden werden können, aber auch auf die Möglichkeiten für Anwendungen und Updates.

Was wird mit Stadtwerken geschehen, die hier nicht aktiv werden?

Ich glaube - und da bin ich nicht der Einzige - dass Stadtwerke, die diese Entwicklung verpassen, ihren direkten Kundenzugang in der Rolle des gMSB aufs Spiel setzen und das Geschäftsmodell an Dritte abgeben müssen.

Ruwen Konzelmann ist Key Account Manager beim Gateway-Hersteller Theben.