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Regionalität: Grundlage für neue Geschäftsmodelle?

Haushalts- und Industriekunden von Energieunternehmen legen Wert auf Regionalität. Ein neues Computermodell an der Universität Hohenheim berücksichtigt dies.

Stadtwerke haben durch ihre Regionalität entscheidende Vorteile bei den Kunden – und können auf dieser Basis neue, zukunftsfähige Geschäftsmodelle entwickeln. Das ist keineswegs nur eine leere Floskel, sondern das Ergebnis einer Studie an der Universität Hohenheim. Gemeinsam mit Kollegen der TU Berlin befragten die Forscher Haushalts- und Industriekunden zu ihren Motiven und entwickelten ein neues computergestütztes Simulationsmodell mit diesen Daten. Das Ergebnis: Einem regionalen Stromlieferanten nehmen die Kunden auch etwas höhere Preise nicht übel.

Preisverleihung Deutschland - Land der Ideen 2014 (v.l.n.r.): Jörg Chmielewski (Deutsche Bank); Ariane Derks (Deutschland – Land der Ideen); Prof. Dr. Georg Erdmann(TU Berlin), Prof. Dr. Christine Ahrend, (Vizepräsidentin TU Berlin), Markus Graebig (TU Berlin) und Malcolm Yadack Universität Hohenheim).
Preisverleihung Deutschland – Land der Ideen 2014 (v.l.n.r.): Jörg Chmielewski (Deutsche Bank); Ariane Derks (Deutschland – Land der Ideen); Prof. Dr. Georg Erdmann(TU Berlin), Prof. Dr. Christine Ahrend, (Vizepräsidentin TU Berlin), Markus Graebig (TU Berlin) und Malcolm Yadack Universität Hohenheim).

Bekanntermaßen gibt es Dienstleister, denen die meisten Menschen gerne treu bleiben. Das gilt nicht nur für Zahnarzt oder Frisör, sondern auch für den Stromanbieter. Nur selten wechseln die Kunden zu einem anderen Energieunternehmen, und dann bevorzugen sie regionale Anbieter. Das ist aus Sicht von Volkswirten eigentlich kein optimales Verhalten, bei dem der Verbraucher – vereinfacht gesagt – nur nach dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis sucht. „Um das zu verstehen, reichen unsere üblichen volkswirtschaftlichen Modelle nicht aus“, bekennt Prof. Dr. Andreas Pyka, Leiter des Fachgebiets Innovationsökonomik an der Universität Hohenheim. Er arbeitet mit seinem Doktoranden Malcolm Yadack und mit Kooperationspartnern an der Technischen Universität Berlin an einem neuen, computergestützten Simulationsmodell, das dieses Verhalten abbilden kann. „Uns interessiert, welche Motive für die Wahl des Stromanbieters ausschlaggebend sind – und welche Rolle die Regionalität dabei spielt“, erklärt Yadack. „Und mit den Modellen, die wir damit erstellen, wollen wir herausfinden, ob das den Stadtwerken neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnet und wie es sich auf die gesamte Volkwirtschaft und auf die Energiewende auswirkt.“

Simulationsmodell integriert Faktor Regionalität

Zunächst nahmen die Forscher die Motive der Haushaltskunden unter die Lupe. Sie starteten eine Umfrage unter den Kunden mehrerer Stadtwerke – und erhielten allein aus einer der regionalen Befragungen rund 4.500 Rückmeldungen. „Erwartungsgemäß sind das Preis-Leistungs- Verhältnis und die Versorgungssicherheit den Kunden wichtig“, berichtet Yadack. Ebenfalls von Bedeutung: der Strom-Mix. Eine Präferenz für Grünstrom sei vor allem bei sehr jungen und älteren Kunden zu beobachten. Die Regionalität, die „Marke Stadtwerke“, erweist sich jedoch beim Vergleich zwischen Stadtwerken, Grünstromanbietern und überregionalen Anbietern auch als ein entscheidendes Motiv. „Unser Modell muss die Regionalität daher auf jeden Fall zusätzlich berücksichtigen“, betont Yadack. Die Forscher entwickeln mit den Daten aus ihren Umfragen ein Simulationstool, mit dem Stadtwerke neue Geschäftsmodelle unter verschiedenen Rahmenbedingungen testen können. Die Besonderheit des Modells: Neben dem Preis fließen auch die anderen genannten Faktoren ein. Im Ergebnis steht eine simulierte Landkarte mit verschiedenen Regionen, gekennzeichnet jeweils durch die Besiedelungsdichte, sowie den vorhandenen Energieanbietern. „Vor der Liberalisierung des Strommarktes waren die Kunden den Energieversorgern zugeordnet“, erklärt Yadack. „Jetzt müssen die Firmen um die Vertriebsmargen kämpfen, es herrscht Wettbewerb. Und diese Entwicklung simulieren wir.“

In Abhängigkeit davon, wie regional Haushalte denken, gehen die Kunden auf unterschiedliche Distanz zu den Firmen. „Die Versorgungsunternehmen könnten nun in unzufriedene Regionen einsteigen oder große Firmen in Niederlassungen an günstigen Energiestandorten investieren“, so Yadack. „Für die Stadtwerke stellt sich die Frage, ob sie lieber die Kunden vor Ort besser betreuen oder in periphere Räume gehen sollten. Was dann jeweils mit den Vertriebsmargen geschieht, können Unternehmen im Modell durchspielen.“

Regionalität ermöglicht höhere Strompreise

Ein Ergebnis der Simulation: Die Zahlungsbereitschaft der Kunden steigt bei regionalen Firmen. „Eigentlich sollte die Liberalisierung niedrigere Preise bewirken, aber der Effekt der Regionalität wirkt in der entgegengesetzten Richtung“, erläutert Yadack. Diese regionalen Präferenzen haben auch Auswirkungen auf politische Entscheidungen und Marktstrukturen. So fördert zum Beispiel das Erneuerbare-Energien-Gesetz regionale Energieprojekte, oder ein kürzlich erlassenes Gesetz in Mecklenburg-Vorpommern besagt, dass ortsansässige Projektträger bevorzugt werden. „Das ist für die Akzeptanz von Projekten von großer Bedeutung“, betont Yadack. Für jene Stadtwerke die auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen sind zeigen die Ergebnisse der Studie Chancen auf, erklärt Yadack: „Stadtwerke haben eine Zukunft.“

Industriekunden könnten Stromnetz stabilisieren

Andere neue Möglichkeiten sehen die Forscher bei den Industriekunden – das Stichwort: „Stromlastflexibilisierung“. Yadack erläutert die Vorgehensweise: „Wenn etwa eine Zementmühle plant, Gestein zu mahlen, könnte sie damit ebenso gut erst fünf Minuten später starten – gegen einen finanziellen Ausgleich durch den Stromversorger. Dieser könnte so die Stromabnahme der Verfügbarkeit anpassen, um das Netz zu stabilisieren.“ Deutschlandweit liege ein Potenzial zur Flexibilisierung von 4–9 Gigawatt in der Industrie.

Um diese Möglichkeiten auszuloten, führten die Forscher eine Umfrage unter Firmen in Baden-Württemberg durch. 40 Prozesse, vor allem bei den sogenannten Querschnitts-Technologien wie Gebäudelüftung und Heizung, die sich grundsätzlich für eine Flexibilisierung eignen würden, konnten auf diese Weise identifiziert werden. Allerdings gibt es ein Problem: Nicht die Technik und auch nicht die Höhe des Ausgleichs lassen die Firmen zögern, sondern ein Mangel an Akzeptanz. „Die Energiefirmen greifen dabei in den Produktionsablauf des Unternehmens ein – und dazu fehlt noch das Vertrauen.“ Das verschaffe wiederum den Stadtwerken einen Vorteil, schlussfolgert Yadack: „Einem regionalen Unternehmen bringen die Firmen wesentlich mehr Vertrauen entgegen – schließlich übergibt man die Kontrolle über die Produktion eher an jemanden, den man kennt.“ Hier könnten weitergehende Aktivitäten somit lohnend sein.

„Die Rolle von Stadtwerken in der Energiewende – eine agentenbasierte Simulation der Interaktion und Akzeptanz der kommunalen Akteure“ – kurz SW-Agent – ist ein Verbundprojekt der Universität Hohenheim und der TU Berlin. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert es mit rund 190.000 Euro an der Universität Hohenheim. Der Startschuss des Projektes fiel am 1.5.2013, es endete am 31.5.2016.

Kontakt: Universität Hohenheim, Fachgebiet Volkswirtschaftslehre/Innovationsökonomik, 70599 Stuttgart, Prof. Dr. Andreas Pyka, Tel. 0711 459 24481, a.pyka@uni-hohenheim.de

Malcolm Yadack Tel. +49 711 459 24483, malcolm.yadack@uni-hohenheim.de

Bilder: MarleneBitzer/pixabay; Deutschland Land der Ideen/Bernd Brundert