Fangt an, auch wenn es noch keine Gateways gibt!

Wo stehen die Stadtwerke mit Blick auf den Rollout? Im Rahmen einer gemeinsamen Roadshow diskutierten die rku.it und die Trianel mit bundesweit rund 180 Stadtwerken über die Anforderungen und das weitere Vorgehen zum Thema Smart Metering. Wir sprachen mit Alexander Lanz, Projektleiter Smart Metering bei der rku.it.

50,2: Herr Lanz, wie gut sind die Stadtwerke Ihrer Einschätzung nach auf den Rollout vorbereitet?

Alexander Lanz, Projektleiter Smart Metering bei der rku.it GmbH. Foto: rku.it GmbH, Alexander Lanz

Alexander Lanz, Projektleiter Smart Metering bei der rku.it GmbH. Foto: rku.it GmbH, Alexander Lanz

Alexander Lanz: Der Vorbereitungsstand der Stadtwerke zeigte sich in den Roadshows sehr unterschiedlich – von proaktiven Unternehmen, die so früh wie möglich testen und anfangen möchten, bis hin zu den Unentschlossenen, die anzweifeln, ob das Thema jemals umgesetzt wird. Entsprechend verschieden waren auch die Anfragen für Produktbestandteile. Eines hatten die teilnehmenden Stadtwerke aber gemeinsam: das Interesse an der Rolle intelligenter Messstellenbetreiber, egal ob als Software as a Service-Leistung (SaaS) oder als Full Service-Anfrage.

Welchen Stellenwert hat die Technik und wie weit ist man da?

Das Hauptaugenmerk der Stadtwerke liegt natürlich auf den intelligenten Messsystemen – und das ist auch gut so! Die Kombination aus Smart Meter Gateway und moderner Messeinrichtung erfordert die Einrichtung und den Betrieb von umfangreichen IT-Infrastrukturen und Softwarelösungen, die diversen Zertifizierungen unterliegen. Der Aufbau einer stabilen Verbindung zwischen Zähler und System ist technisch hoch anspruchsvoll und aufgrund der stetigen Weiterentwicklung von Soft- und Hardwarekomponenten noch äußerst fehleranfällig. Eine gute technische Vorbereitung mit Blick auf den Rollout ist demnach ein Muss. Aktuell wertet die Trianel unter anderem Erfahrungen mit rund 4.000 intelligenten Messsystemen aus. Die rku.it beteiligt sich gemeinsam mit den größten Kunden am Teststufenkonzept des Forums Netztechnik/Netzbetrieb (FNN), das vom Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik e. V. (VDE) ins Leben gerufen wurde. Unter dem Arbeitstitel „Koordinierte Testphase zur Einführung intelligenter Messsysteme“ bereiten sich knapp 40 Unternehmen auf den bevorstehenden Rollout vor. Unterteilt in drei Teststufen, sprich: Labortest, kleiner Feldtest und großer Feldtest, werden sämtliche Soft- und Hardwarehersteller geprüft und zudem die Weiterentwicklung gezielt vorangetrieben. Seit Anfang dieses Jahres befinden sich die Teilnehmer im kleinen Feldtest. Dies ist der erste Test bei Letztverbrauchern. Er wird im Laufe des Jahres zum großen Feldtest erweitert und geht schließlich direkt in den Rollout über.

Nun muss es ja mindestens drei verschiedene Hersteller von Smart Meter Gateways geben, die das Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik (BSI) zertifiziert hat. Sollte es diese im 4. Quartal 2017 geben, kann die Einführung intelligenter Messsysteme frühestens im 1. Quartal 2018 beginnen. Damit hätten die Stadtwerke ja doch noch ein wenig Zeit.

In der Tat sehen das auch viele der Werke so, mit denen wir gesprochen haben. Leider wird dabei häufig vergessen, dass das Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) auch zum Rollout von modernen Messeinrichtungen verpflichtet. Hier liegt der mengenmäßig viel größere Aufwand. Von den rund 50 Millionen Zählpunkten in Deutschland sind lediglich rund 10 Prozent verpflichtend mit intelligenten Messsystemen auszurüsten. Das bedeutet aber, dass rund 45 Millionen Zählpunkte in den kommenden Jahren mit modernen Messeinrichtungen auszustatten sind. Wie bei den intelligenten Messsystemen sieht das MsbG hier eine Rollout-Quote von mindestens 10 Prozent in den ersten drei Jahren vor. Die Drei-Jahresfrist startet allerdings nicht erst mit der Verfügbarkeit von Smart Meter Gateways, wie es für intelligente Messsysteme gilt, sondern direkt mit der Anmeldung der Rolle grundzuständiger intelligenter Messstellenbetreiber. Und genau diese hat bis spätestens 30. Juni 2017 bei der BNetzA zu erfolgen.

Ein Rechenbeispiel: Ein Stadtwerk hat rund 50.000 Stromzählpunkte, von denen etwa 90 Prozet mit modernen Messeinrichtungen auszustatten sind. Das ergibt 45.000. Davon wiederum sind in den ersten drei Jahren mindestens 10 Prozent umzurüsten, also 4.500 Zähler. Eine nicht unerhebliche Menge, die, über drei Jahre verteilt, gut zu schaffen ist. Je mehr Zeit man zu Beginn verstreichen lässt, desto ambitionierter wird das Vorhaben allerdings…

Und sollte ein Messstellenbetreiber diese Anforderung nicht erfüllen können, kann die Bundesnetzagentur (BNetzA) die Grundzuständigkeit entziehen und zwangsausschreiben…

So ist es. Zudem ist der Start erst dann möglich, wenn auch hier alle gesetzlichen Vorgaben umgesetzt wurden. Gemäß §3 Absatz 4 des MsbG unterliegen auch die modernen Messeinrichtungen der buchhalterischen Entflechtung des grundzuständigen intelligenten Messstellenbetreibers vom Verteilnetzbetreiber. Das bedeutet, dass die Messstellenbetreiber zukünftig mindestens für fremdbelieferte Kunden eigenständig eine Rechnung über den Messstellenbetrieb schreiben können, beziehungsweise bei einigen „fremdversorgten“ Kunden sogar müssen. Das sind Themen, die bei einigen Stadtwerken noch gar nicht im Bewusstsein sind.

Wie weit ist die Kommunikation?

Auch hier gibt es in der Tat Aufgaben, die sich aus dem Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende (GDEW) ergeben und die bei manchen Unternehmen noch nicht im Fokus stehen – das wurde bei den Gesprächen sehr deutlich. Als ein Beispiel sind die Veröffentlichungs- und Informationspflichten gegenüber Behörden und Letztverbrauchern zu nennen. Diese zeichnen sich teilweise durch sehr lange Vorlaufzeiten aus und dürfen daher auf keinen Fall unterschätzt werden. So muss der grundzuständige intelligente Messstellenbetreiber bereits ein halbes Jahr vor dem Einbau von intelligenten Messsystemen und modernen Messeinrichtungen seine Preisliste für den Messstellenbetrieb veröffentlichen. Des Weiteren sind Letztverbraucher drei Monate vor dem Einbau schriftlich darüber zu informieren, dass der Einbau bevorsteht und sie ein freies Wahlrecht bezüglich ihres Messstellenbetreibers besitzen. Hier empfiehlt es sich übrigens, die Vertriebe der Stadtwerke miteinzubeziehen. Sie haben die nötige Kompetenz und Erfahrung, Inhalte und Prozesse optimal auszugestalten.

Es besteht also auch hier ein frühzeitiger Handlungsbedarf?

Vor allem, wenn man bedenkt, dass die meisten Stadtwerke die Rolle des grundzuständigen intelligenten Messstellenbetreibers annehmen wollen, allerdings die Funktion Smart Meter Gateway-Administrator lieber auslagern möchten. Damit Smart Metering für unsere Kunden kein zweiter Flughafen Berlin wird, beinhalten unsere aktuell stattfindenden Rollout-Workshops all diese Themen. Mit momentan sieben Kunden erarbeiten wir gemeinsam Lösungen für die unternehmerischen, prozessorientierten Aufgaben und planen für die kommenden Jahre den technischen Rollout. Aufbauend auf den gesetzlichen Pflichten des MsbG werden dabei auch wirtschaftliche Faktoren, wie zum Beispiel das Verhältnis von Gateways zu modernen Messeinrichtungen, alternative Kommunikationstechnologien oder Anfahrtswege der Monteure, berücksichtigt.

Haben Sie noch einen letzten Tipp für die Stadtwerke?

Mein Tipp an alle Unentschlossenen, die als intelligenter Messstellenbetreiber Geschäftsfelder und Know-how sichern wollen, ist: Fangt an, auch wenn es noch keine Gateways gibt. Nicht alle Leistungen können und sollten an Dienstleister ausgelagert werden. Auch bei der Beauftragung externer Partner sollte man sich übrigens frühzeitig entscheiden, damit die anstehenden Aufgaben im geplanten Zeitraum erledigt werden können.

Kontakt: rku.it GmbH, Alexander Lanz, Tel. +49 2323 3688-0, alexander.lanz@rku-it.de, www.rku-it.de

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