Ziellauf

Messstellenbetriebsgesetz (MsbG), Formatwechsel oder die Datenmodellumstellung nach Mess- und Marktlokation im Rahmen des Interimsmodells – das Jahr 2017 hält für SAP-Anwender einige Herausforderungen bereit.

Carsten Müller, Mitglied der Geschäftsleitung der cronos Unternehmensberatung GmbH. Foto: cronos Unternehmensberatung GmbH

Carsten Müller, Mitglied der Geschäftsleitung der cronos Unternehmensberatung GmbH. Foto: cronos Unternehmensberatung GmbH

Die grundsätzlichen Entscheidungen zum Umgang mit dem neuen Messstellenbetriebsgesetz sind gefallen: Die Mehrzahl der Versorger übernimmt die neue Marktrolle des grundzuständigen Messstellenbetreibers selbst. Der Aufbau der logistischen Prozesse rund um den Einbau der intelligenten Messsysteme läuft auf Hochtouren. SAP-Anwender müssen die künftigen Abläufe in der SAP-Landschaft verankern – von der Geräteverwaltung bis hin zu den kaufmännischen Prozessen. „Hierzu gehört auch, den elektronischen Informationsaustausch zwischen dem grundzuständigen Messstellenbetreiber (gMSB) und dem Netzbetreiber (NB) mit all seinen Eigenheiten (Plausibilisierung, Messwerte, Ersatzwertbildung, Ausprägung der Tarifanwendungsfälle) aufzusetzen und die bestehende Marktkommunikation entsprechend zu überarbeiten“, erläutert Carsten Müller von der cronos Unternehmensberatung, die die Energiewirtschaft bei der Umsetzung der Vorgaben unterstützt. Wichtig ist an dieser Stelle, dass aktuell nur das Interimsmodell, welches am 1. Oktober 2017 in Kraft tritt, prozessseitig klar umrissen ist. Für das Zielmodell ab 2019 fehlen verbindliche Vorgaben. In diesem Zusammenhang lassen sich aktuell zwei Tendenzen erkennen, berichtet Carsten Müller.

Ein Großteil der EVU wird die Prozesse im IS-U-System bzw. -Mandanten des Netzbetreibers abbilden. Parallel zu dieser Entwicklung haben sich einige Marktakteure dafür entschieden, von Anfang an auf einen eigenen Mandanten für den Messstellenbetrieb zu setzen. „Diese Unternehmen gehen trotz des höheren Initialaufwands auf Nummer sicher, denn die Datentrennung kann irgendwann verpflichtend werden“, sagt Carsten Müller. Seine Empfehlung lautet: „Wer die neue Rolle im bestehenden System für das Netz ausprägt, sollte die Strukturen so aufbauen, dass sie sich jederzeit leicht herauslösen und in einen separaten Mandanten überführen lassen.” An diesem Punkt offenbart sich eine weitere Baustelle: Bis zum 1. Februar 2018 müssen die Energieversorgungsunternehmen alle bestehenden Zählpunkte der regulierten Sparten Strom und Gas in zwei getrennte Konstrukte aufsplitten. Unterschieden wird künftig zwischen der Marktlokation (MaLo) für die kaufmännisch-bilanzielle und der Messlokation (MeLo) für die messtechnische Sicht. Während für erstere der Netzbetreiber in die Pflicht genommen wird, fällt die Verantwortung für die Messlokation der Rolle des Messstellenbetreibers zu. SAP hat zur E-world erstmals das neue Datenmodell kommuniziert und sich auf die Unterstützung im IDEX-Standard festgelegt.

Die größte Herausforderung besteht in der effektiven Strukturierung aller kleinteiligen Aufgaben. Foto: cronos Unternehmensberatung GmbH

Die größte Herausforderung besteht in der effektiven Strukturierung aller kleinteiligen Aufgaben. Foto: cronos Unternehmensberatung GmbH

Im neuen Datenmodell bleibt der bestehende Zählpunkt als Konstrukt erhalten, wird jedoch auf eine neue Marktlokations-ID umgeschlüsselt. Parallel dazu wird die Messlokation neu aufgebaut und erhält als ID die alte Zählpunktbezeichnung. Die IDEX-Formatanpassungen zum 1. Oktober 2017, die SAP voraussichtlich ab Ende Juli ausliefert, werden sowohl das alte als auch das neue Datenmodell unterstützen. Für die Praxis bedeutet dies, dass die Marktkommunikation anhand der vorliegenden Datenkonstrukte dynamisch entscheidet, ob noch ein „alter“ Zählpunkt oder ein neues MaLo/MeLo-Szenario vorliegt. Carsten Müller hält es für durchaus ratsam für EVU, der Datenmodellempfehlung der SAP zu folgen. „Eigene und gegebenenfalls weniger aufwendige Abbildungen würden im Rahmen der IDEX-Marktkommunikation künftig nicht unterstützt werden“, sagt der SAP-Experte. Unabhängig vom gewählten Weg ist aber in jedem Fall ein zusätzliches Migrationsprojekt zu stemmen. Bereits ein halbes Jahr vorher steht zudem der neue Formatwechsel auf der Agenda – als weitere wichtige Hürde für die künftige Marktkommunikation im Sinne des Interimsmodells.

Zeitplanung mit Weitblick

„Hinsichtlich der Fristen hat der Formatwechsel sicherlich die höchste Priorität. Nichtsdestotrotz sollten Konzeptions- und Testarbeiten zur MeLo/MaLo-Abbildung bereits jetzt eingeplant werden, auch wenn eine produktive Umstellung aufgrund der neuen Formate vor dem 1. Oktober nicht vollumfänglich möglich ist“, empfiehlt Carsten Müller. „Messlokationen lassen sich beispielsweise – sowohl in Masse als auch für einzelne komplexe Anlagen – heute schon im Produktivsystem abbilden. Sie können nur noch nicht live geschaltet werden.“ Bei entsprechender Vorbereitung könne das vierte Quartal 2017 dann effektiv zur Fertigstellung und für entsprechende Tests genutzt werden. „Schließlich geht das Aufbrechen des alten Zählpunkts mit gravierenden Auswirkungen einher – nicht nur für die Marktkommunikation, denn die Umschlüsselung von der Zählpunktbezeichnung zur Marktlokations-ID muss auch von anderen Systemen nachvollzogen werden“, so der Berater. Mit der Menge der verwalteten Zählpunkte und der Komplexität individueller IT-Ausprägungen auf EVU-Seite steige folglich auch der Auf-wand für die Umsetzung. Nicht zuletzt müssen viele Entscheidungen am konkreten Einzelfall getroffen und gegebenenfalls jeder Zählpunkt und Prozess im Detail betrachtet werden. Dazu nennt Carsten Müller eine prägnante Hausnummer: „Es ist davon auszugehen, dass etwa zehn Prozent der Zähler die Hälfte des Gesamtaufwands ausmachen.“

Gut aufgestellt sieht Müller Netzbetreiber und Lieferanten, die mit der Einführung des SAP Common Layer und der Lösung IM4G die Weichen für die Abbildung der künftigen Prozesslandschaft gestellt haben. „Sputen sollten sich – ganz unabhängig von den gesetzlichen Vorgaben – vor allem die Unternehmen, die aktuell noch nicht auf dem Release-Stand EHP 8 angekommen sind.” Da für alle Vorgänger-Versionen am 1. April 2018 die Wartung ausläuft, sollte hier schnellstmöglich die Initiative ergriffen und den vom MsbG betroffenen Abteilungen Luft nach hinten verschafft werden.

„Wie der Austausch im Markt bestätigt, sind Netzbetreiber hinsichtlich all dieser Aufgaben durchaus sensibilisiert, unterschätzen jedoch oftmals den Gesamtumfang aller entsprechenden Maßnahmen und den dafür zur Verfügung stehenden Zeitrahmen“, berichtet Carsten Müller. Bei diesem straffen Zeitplan sei es von Vorteil, externe Spezialisten einzubeziehen – zumal die Vertriebssysteme gleichermaßen von den gesetzlichen Treibern betroffen sind. Diese seien aufgrund ihrer Expertise in der Lage, nachhaltig für Struktur zu sorgen und dabei aktuelle Neuerungen seitens der SAP oder des Gesetzgebers stets im Blick zu behalten. Zudem bietet nahezu jedes SAP-Beratungshaus sowohl Lösungen zur beschleunigten Einführung spezifischer SAP-Module als auch Werkzeuge zur effektiven Datenmigration. „Da alle im Zuge dieser Projekte relevanten Auslieferungen der SAP voraussichtlich frühestens Ende Juli zur Verfügung stehen, bleiben für die Umsetzung nur wenige Monate“, rechnet der Berater vor. Es sei also davon auszugehen, dass es sich für EVU ab Mai immer schwerer gestalten wird, fachlich versierte Berater mit freien Kapazitäten zu finden. cronos etwa qualifiziert derzeit beispielsweise über 40 Mitarbeiter in den jeweiligen Themen – und die Auslastung reicht inzwischen bereits bis Januar 2018.

Kontakt: cronos Unternehmensberatung GmbH, Carsten Müller, 48163 Münster, +49 251 39966-0, c.mueller@cronos.de

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