„Wir werden einen fundamentalen Wandel sehen“

IoT-Lösungen für das digitalisierte Messwesen stehen im Mittelpunkt der strategischen Neuausrichtung der Minol-ZENNER-Gruppe. Foto: monicaodo/shutterstock

Mit der Berufung von Sascha Schlosser in die Geschäftsführung des internationalen Mess- und Systemtechnikherstellers ZENNER wird ein weiterer Schritt zur strategischen Neuausrichtung der Minol-ZENNER-Gruppe vollzogen. Im Gespräch mit 50,2 erläutert der Vertriebs- und Marketingexperte, wohin der Weg des saarländischen Traditionsunternehmens gehen soll.

50komma2: Herr Schlosser, fast jedes Stadtwerk und jeder Netzbetreiber kennt ja wahrscheinlich die Firma ZENNER. Wo kommt das Unternehmen her und wo steht es heute?

Sascha Schlosser: In der Tat existiert die Firma ZENNER seit 1903. Weltweit verkaufen wir aktuell pro Jahr insgesamt rund fünf Millionen Wasser-, Wärmeund Gaszähler. Hinzu kommen zwei Millionen Heizkostenverteiler und eine Million Rauchmelder. Seit 2005 sind wir mit Minol, einem der weltweit führenden Messdienstleister für die Wohnungswirtschaft, verbunden.

Nun sind Sie ja angetreten, eine große Zukunftsaufgabe zu bewältigen. Wie wollen Sie das Unternehmen positionieren?

Nun, zunächst einmal besteht eine zentrale Herausforderung für die gesamte Branche: die Digitalisierung. Dies heißt für mich „Vernetzung” und diese wiederum braucht „Kommunikation”. Für uns als Messtechnik-Hersteller bedeutet dies, dass wir unseren Fokus auf die gesamte Wertschöpfung im Messwesen ausweiten müssen: von der Projektentwicklung über die Messdatenerfassung und –verarbeitung bis zur Applikation beim Endanwender. ZENNER wird sich vom Gerätehersteller zum Lösungsanbieter weiterentwickeln. 2030 möchten wir zu den führenden Anbietern im Bereich Smart Utility, Smart City und Smart Home gehören. Mit diesen Lösungen adressieren wir unsere Kernmärkte, also Energieversorger, die Wohnungswirtschaft sowie die Kommunen. Gemeinsam mit den Partner-Unternehmen der Minol-ZENNER-Gruppe sehe ich in dieser Zielsetzung unsere wesentliche Aufgabe für die kommenden Jahre.

Was ist der Hintergrund der Neuausrichtung?

Sascha Schlosser verstärkt seit März die Geschäftsführung der ZENNER International GmbH & Co. KG. Foto: ZENNER International GmbH & Co. KG

Im Zuge der Digitalisierung benötigen unsere Kunden einfache Komplettlösungen, mit denen sie daten- und kommunikationsgetriebene Arbeits- und Geschäftsprozesse zügig umsetzen können. Dies ist umso wichtiger, da der Gesetzgeber die Energiewirtschaft verpflichtet, im Zuge des Smart Meter-Rollouts eine Infrastruktur bereitzustellen, die sich über die Pflichteinbaufälle allein nicht finanzieren lässt. Die Preisobergrenzen sind zu eng, und es müssen daher zusätzliche Geschäftsmodelle gefunden werden, mit denen ein Stadtwerk die besagte Infrastruktur in Wert setzen kann.

Können Sie hier ein Beispiel nennen?

Ein sehr naheliegendes Beispiel ist hier die spartenübergreifende Nutzung des intelligenten Messsystems. Hier bietet es sich aus Sicht des Messstellenbetreibers an, die Auslesung und Verarbeitung von Verbrauchsdaten aller Versorgungssparten als Dienstleistung anzubieten – beispielsweise für die Wohnungswirtschaft. Darüber hinaus sind heute vielfältige Echtzeitanwendungen auf der Basis von sonstigen Zustands- und Bewegungsdaten denkbar, die als Grundlage für neue Energiedienstleistungen dienen können. Das gilt es technologisch zu ermöglichen.

Sie sprechen also vom sogenannten Internet of Things?

Genau! Ich bin der festen Überzeugung, dass wir in allen Lebensbereichen einen fundamentalen Wandel hin zu intelligenten, vernetzten und automatisierten Prozessen sehen werden, die wir uns heute teilweise noch gar nicht vorstellen können. Unsere Kunden aus der Versorgungs- wie auch aus der Wohnungswirtschaft werden dabei eine Schlüsselrolle spielen. Und wir wollen sie unterstützen.

Was bedeutet das für das Portfolio von ZENNER? Wie werden konkrete Lösungsangebote aufgesetzt werden?

Die Kerntechnologien des Internet of Things sind Sensoren und Aktoren, Kommunikations- und Softwarelösungen. Diese Komponenten werden wir für unsere Kernmärkte bereitstellen. Leistungsfähige Messtechnik produzieren wir bereits heute. Darüber hinaus bietet der Markt für Sensoren schon heute praktisch unbegrenzte Möglichkeiten, die im Einzelfall benötigten Daten zu erfassen. Gleiches gilt für die Steuertechnik, die im Zuge von Industrie 4.0 schon extrem weit fortgeschritten ist.

Spannend ist ja auch die Kommunikation …

In der Tat. Für die Fernauslesung von Verbrauchszählern sowie anderen Mess- und Endgeräten ist ein stationäres Funknetzwerk notwendig, in dem Zählerdaten an Gateways gesendet und dann online übertragen werden. Hier bauen wir auf LoRaWAN. Der Begriff steht für „Long Range Wide Area Network“ und ist ein internationaler offener LPWAN-Übertragungsstandard. Gegenüber herkömmlichen Festnetz-Systemen hat das LPWAN-Netzwerk den Vorteil, dass es eine wesentlich höhere Reichweite hat – in ländlichen Gebieten bis zu 15 km und bis zu zwei Kilometer in der Stadt. Auch die Gebäudedurchdringung ist exzellent: Die Funksignale können über mehrere Etagen weitergegeben werden. Da die Technologie besonders wenig Energie benötigt, können Verbrauchszähler jahrelang mit der Energie einer handelsüblichen Batterie auskommen und dank der hohen Leistungsfähigkeit des Netzwerks zudem öfter, schneller und kostensparender ausgelesen werden. Auch handelt es sich bei LoRaWAN um einen offenen Standard, in den auch andere intelligente Endgeräte eingebunden werden können. Die Systeme lassen sich also sukzessive um andere Geräte oder Anwendungsfälle erweitern, ohne dass zusätzliche Datensammler oder Repeater notwendig wären. Der Übertragungsstandard ist damit optimal auf die Anforderungen der Wohnungswirtschaft, der Stadtwerke und Energieversorger zugeschnitten.

Wie stellen Sie sich bezüglich der IT auf?

Da wären primär die Cloud-Lösungen zu nennen, die quasi als Mittler zwischen den Sensoren und Aktoren einerseits und den Anwendungen andererseits stehen: Sie nehmen die Daten entgegen, bereiten sie auf und verteilen sie an die entsprechenden Anwendungen. Diese Anwendungen sind beliebig gestaltbar – vom klassischen Messdatenmanagement über die automatisierte Steuerung einer Heizanlage, einer Straßenlaterne oder einer Ladesäule bis hin zur App für den Hausmeister einer großen Wohnanlage.

Welche Schritte auf dem Weg dorthin sind schon getan?

In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass wir hier ganz bewusst auf Teamwork in einem Netzwerk von Spezialisten setzen. Die Minol-ZENNER-Gruppe hat sich hier schon seit einiger Zeit gezielt verstärkt und wir haben heute sämtliche Kompetenzen unter unserem Dach, die wir brauchen, um unsere Kunden auf dem Weg in die digitalisierte Energiewelt zu unterstützen.

Können Sie das noch etwas konkretisieren?

Die Minol-ZENNER-Gruppe hat sich im Februar an der Smart- Makers GmbH beteiligt. Das junge Unternehmen ist spezialisiert auf die Konzeption und Implementierung von IoT-Netzwerkund Anwendungslösungen. Das sind unsere Partner, die mit der Versorgungs- und Wohnungswirtschaft oder Kommunen individuelle IoT-Projekte entwickeln und umsetzen. Schon im Januar haben wir eine entsprechende Beteiligung an der Schweizer Firma TrackNet realisiert. Das Unternehmen, das von früheren Semtech- und IBM-Mitarbeitern gegründet wurde, gehört zu den Pionieren der LoRaWAN-Technologie und der LoRA-Alliance. Und last but not least haben wir uns zum 1. Mai an der B&K GmbH beteiligt, deren Geschäftsführung und Entwicklerteam aus dem E.ON-Spin-off Digimondo kommen. Das Unternehmen firmiert nun unter dem Namen „ZENNER IoT Solutions GmbH”. Hier entstehen Mehrwertanwendungen und Applikationen.

Sie kennen ja die Stadtwerke, die derzeit den Smart Meter-Rollout vorbereiten, so gut wie kaum ein anderer. Lohnt es sich für diese Unternehmen, jetzt mit ZENNER zu sprechen? Und wenn ja, worüber?

Auf jeden Fall! Wir sind beispielsweise jetzt schon in der Lage, Lösungen zur Mehrspartenauslesung zu implementieren und haben zudem das erste CLS-fähige LoRaWan-Gateway am Markt. Aktuell befinden wir uns übrigens schon mit mehreren Stadtwerken in IoT-Projekten.

Kontakt: ZENNER International GmbH & Co. KG, Sascha Schlosser, 66121 Saarbrücken, Tel. +49(0)681-99676-0, sascha.schlosser@zenner.com

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