Plötzlich Hersteller?

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Die DIN EN 61439-5 nimmt die Betreiber von Schaltgerätkombinationen im öffentlichen Niederspannungsnetz stärker in die Pflicht.

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Seit zwei Jahren legt die DIN EN 61439-5 die besonderen Anforderungen für Schaltgerätekombinationen in öffentlichen Energieverteilungsnetzen, so genannte PENDAs (Public Electricity Network Distribution Assembly) fest. Unter einer Schaltgerätekombination versteht man die Zusammenfassung eines oder mehrerer Niederspannungsschaltgeräte mit den zugehörigen Betriebsmitteln zum Steuern, Messen, Melden, Schützen und Regeln. Elektrische Betriebsmittel der Anlage sind zum Beispiel NH-Sicherungslastschaltleisten, Leistungsschalter, Leitungsschutzschalter, Fehlerstrom-Schutzeinrichtungen, Messgeräte, Leitungen, Klemmen etc. Betroffen sind sämtliche geschlossenen, ortsfesten Anlagen zur Stromverteilung in Dreiphasensystemen. Eine wesentliche Neuerung der Normenreihe DIN EN 61439 ist die Unterscheidung zwischen dem ursprünglichen Hersteller und dem Hersteller der Schaltgerätekombination sowie dem Anwender/ Betreiber. „Diese Aufteilung soll die Verantwortlichkeiten klarer machen und ist für Netzbetreiber außerordentlich wichtig“, meint Andreas Kühn, Leiter Produktmanagement beim Hersteller JEAN MÜLLER in Eltville. In der Tat ist die jeweilige Rolle mit ganz konkreten Anforderungen verbunden, die wiederum Auswirkungen auf die Haftung haben (siehe Grafik). „In letzter Konsequenz ist dies nicht allen Beteiligten bekannt“, so Kühn.

Systemhersteller und Anlagenbauer

Ursprünglicher Hersteller ist derjenige, der die Niederspannungsschaltanlagen des jeweiligen Typs entwickelt hat – sprich der Systemhersteller. Nach der neuen Normenreihe DIN EN 61439 ist dieser zum Erbringen von Bauartnachweisen verpflichtet. „Der Bauartnachweis ersetzt die bisherige Typprüfung“, erläutert Kühn.

Hersteller der Schaltgerätekombination ist wiederum jeder, der einzelne Komponenten verbindet und die Anlage an den Anwender liefert. „Das kann ein professioneller Anlagenbauer oder jede beliebige Elektrofachkraft sein, die eine Schaltgerätekombination in irgendeiner Weise verändert“, erläutert Kühn. Wichtig zu wissen: Auch der Hersteller der Schaltgerätekombination muss die grundsätzliche Konformität der Anlage mit der Norm nachweisen. Dazu sind ebenfalls verschiedene Einzelnachweise zu erbringen und im Bauartnachweis zu dokumentieren (siehe Kasten).

Dabei gelten strenge Vorgaben, informiert der Anlagenfachmann Kühn: „Wer Modifikationen an einer bauartgeprüften Schaltgerätekombination vornimmt, die nicht durch den Bauartnachweis des Ursprungsherstellers abgedeckt sind, muss dann für die entsprechenden Nachweise sorgen.“ In der Praxis kann diese Situation bereits eintreten, wenn Leisten oder Abgänge nachgerüstet oder Messsysteme installiert werden. Das gilt übrigens auch für Altanlagen.

Doch wie können Netzbetreiber und Dienstleister vorbeugen? „Netzbetreiber müssen auf jeden Fall darauf achten, dass alle erforderlichen Bauartnachweise gemäß DIN EN 61439-5 für die jeweilige Anlage vorhanden sind“, sagt Andreas Kühn. „Wenn sie die Schaltgerätekombination komplett für eine definierte Anwendung bestellt haben und diese auch unverändert betreiben, sind sie damit absolut auf der sicheren Seite.“ Allerdings, so führt Kühn aus, sei das in der Praxis noch nicht die Regel: „Häufig bestellen die Netzbetreiber leere oder nur teilweise ausgestattete Schränke und konfigurieren diese dann vor Ort.“ Auch der Austausch von Komponenten oder Erweiterungen seien an der Tagesordnung – etwa, wenn neue Verbraucher oder Einspeiser angeschlossen werden. „Da die Netzbetreiber solche Modifikationen in aller Regel mit großem Sachverstand durchführen, ist es meines Wissens bislang im öffentlichen Verteilnetz noch nicht zu gravierenderen Zwischenfällen an Verteilungen gekommen“, sagt Andreas Kühn. Sollte dies jedoch einmal der Fall sein, hafte unter Umständen der Netzbetreiber, der nicht weiß, dass er durch seine Eingriffe zum ursprünglichen Hersteller geworden ist, und versäumt hat, die entsprechenden Nachweise zu erbringen. „Wir schulen sowohl unseren Außendienst als auch unsere Kunden seit Inkrafttreten der DIN EN 61439-5 intensiv zu diesem Thema“, berichtet der Produktmanager. Auch könne sich jeder Kunde, der Modifikationen an Anlagen im Geltungsbereich der Norm vornehmen möchte, erkundigen, ob die geplante Veränderung durch den vorhandenen Bauartnachweis abgedeckt ist und welche Prüfungen anderenfalls notwendig werden.

Schnittstellen

Andreas Kühn ist Leiter des Produktmanagements beim Anlagenhersteller JEAN MÜLLER. Foto: JEAN MÜLLER

Doch nicht nur im Falle technischer Eingriffe nimmt die Norm den Netzbetreiber weitaus stärker in die Verantwortung als dies bisher der Fall war. „Für die Konfiguration einer Schaltgerätekombination benötigt der Anlagenbauer Informationen des Anwenders über die sogenannten „Schnittstellen” der Anlage“, führt Andreas Kühn aus. Diese beschreiben betriebswichtige Parameter wie den Anschluss an das elektrische Netz, die Umgebungs- und Aufstellungsbedingungen, die Stromkreise und -verbraucher sowie die Bedienung und Wartung der Anlage. „Wichtig ist, dass der Anwender nach der neuen Norm diese Schnittstellen-Informationen liefern muss“, betont Andreas Kühn.

Was jedoch, wenn der Kunde die dazu notwendigen Formblätter bei der Bestellung nicht vorlegt? „Die Prozesse der Netzbetreiber und ihrer technischen Dienstleister sind dafür vielfach einfach nicht ausgelegt“, berichtet Andreas Kühn, der durchaus Verständnis für diese gängige Praxis aufbringt. Gerade in der aktuellen Situation, wo im Niederspannungsnetz extrem viel Bewegung herrscht, sei es zumindest sehr schwierig, alle Eventualitäten in Vorfeld zu berücksichtigen. JEAN MÜLLER geht daher den umgekehrten Weg und beschreibt für jede Anlage die Rahmenbedingungen unter denen sie gemäß Bauartnachweis betrieben werden darf.

 

Kontakt: JEAN MÜLLER, Andreas Kühn, 65343 Eltville am Rhein, Tel. +49 6123 604-0, a.kuehn@jeanmueller.de

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