Ziel ist der schnelle Technologiewechsel

Energieerzeugung und Verbrauch besser zu vernetzen, war und ist eine der wesentlichen Zielsetzungen, die durch das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende erreicht werden sollen. Dazu spielen, neben der Erfassung von Verbrauchs- und Einspeisedaten, auch die Steuerung von EEG-Anlagen sowie das Lastmanagement eine nicht unerhebliche Rolle – technisch realisiert durch die sogenannte Steuerbox. Einige Hersteller haben bereits Lösungen entwickelt, doch viele potenzielle Anwender scheinen noch zu zögern. Peter Zayer, Geschäftsführer von VOLTARIS und Vorsitzender des Lenkungskreises Zähl- und Messwesen im VDE|FNN, erläutert im Gespräch mit 50,2 die Hintergründe und Perspektiven.

50komma2: Herr Zayer, bereits heute werden ja Erzeugungs- und Verbrauchsanlagen im Verteilnetz geschaltet. Worin besteht der Unterschied der aktuell eingesetzten Systeme zur Steuerbox im Verbund mit einem intelligenten Messsystem (iMSyS)?

Zayer: In der Regel werden heute – insbesondere im Massengeschäft – Rundsteuersysteme auf Basis von Tonfrequenz- oder Funkrundsteuerung – beziehungsweise vereinzelt auch Fernwirkanlagen – eingesetzt. Wesentlich bei den heute eingesetzten Systemen ist die Tatsache, dass die Steuerungssysteme vom Netzbetreiber allein bedient werden. Durch die Einführung der iMSys und im Hinblick auf den Rollout hat sich der Gesetzgeber entschieden, eine neue Infrastruktur aufzubauen, die in der Lage ist, Energieflüsse zu erfassen und datensicheres Steuern für alle berechtigten Marktteilnehmer zu ermöglichen. An erster Stelle ist hier natürlich der Verteilnetzbetreiber zu nennen, der für die Stabilität des Netzes verantwortlich ist. Weiterhin können Vertriebe, Direktvermarkter, Poolingbetreiber und weitere Beteiligte das neue Steuerungssystem nutzen. Ohne diese Möglichkeit wären die Umsetzung der Energiewende und ein neues Strommarktdesign (Strommarkt 2.0) kaum vorstellbar.

Nach aktueller Rechtslage ist die Einbindung von Steuerboxen in die iMSys für den Netzbetreiber ja freiwillig. Wie schätzen Sie derzeit die Bereitschaft ein, im Zuge des Rollouts auch Steuerboxen zum Einsatz zu bringen?

Peter Zayer hält es für unverzichtbar, die neue Messinfrastruktur auch für Steuerungsaufgaben zu nutzen. Foto: VOLTARIS GmbH

Zayer: Aus der Begründung des Gesetzes zur Digitalisierung der Energiewende geht eindeutig hervor, dass die Einführung der sicheren Infrastruktur der iMSys für das Erreichen sowohl der energiepolitischen als auch der Energieeffizienzziele unumgänglich ist. Weiterhin legt das Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) fest, dass die iMSys auch für das Steuern verwendet werden sollen. Dementsprechend berücksichtigt der Gesetzgeber möglichst viele energiewirtschaftlich notwendige Anwendungsfälle, insbesondere das sichere Last- und Einspeisemanagement. Folglich sind etwa Kleinerzeugungsanlagen, Elektromobile, Wärmepumpen und Speicherheizungen zukünftig an das iMSys anzubinden.

Ein weiteres Ziel des Gesetzgebers ist eine zusätzliche Marktintegration erneuerbarer Energien. Beispielhaft sei hier das Zusammenspiel zwischen Anschlussnetzbetreiber und Direktvermarkter genannt. Durch den Einsatz der iMSys soll eine einheitliche Infrastruktur geschaffen werden, damit die Marktpartner jederzeit die aktuelle Erzeugung der Anlagen ablesen und gleichzeitig auf diese zugreifen können. Die Erzeugung soll so gesteuert werden, dass sie sowohl den Anforderungen an die Systemsicherheit als auch den Anforderungen der effizienten Stromvermarktung entspricht. Auch für das netzdienliche Lastmanagement sollen künftig iMSys für die zuverlässige Steuerungstechnik eingesetzt werden.

Dementsprechend muss das Ziel sein, das neue iMSys insbesondere bei Standardlösungen auch für die Steuerungsaufgaben einzusetzen. Parallel zu der Weiterentwicklung der Mindestanforderung des BSI (Roadmap) und der Geräteentwicklung wird der Gesetzgeber zunehmend auch die Nutzungsverpflichtung festschreiben. Dies könnte bereits in der geplanten Verordnung zur Umsetzung des §14a des ENWG erfolgen. Im aktuellen EEG von 2017 wurde hinsichtlich der Marktprämie die Verpflichtung für die Nutzung des iMsys unter bestimmten Bedingungen bereits festgeschrieben: „Die Abrufung der Ist-Einspeisung und die ferngesteuerte Regelung der Einspeiseleistung müssen über ein intelligentes Messsystem erfolgen, wenn mit diesem eine kompatible und sichere Fernsteuertechnik, die über die zur Direktvermarktung notwendige Funktionalitäten verfügt, gegen angemessenes Entgelt am Markt vorhanden ist.“ Als weitere Bedingungen werden die Marktverfügbarkeit und das angemessene Entgelt genannt.

Welche grundsätzlichen Hürden für die Einführung sehen Sie?

Zayer: Bisher wurden die fehlenden Mindestanforderungen des BSI für die Anwendungsfälle als eine grundsätzliche Hürde genannt. Nach den jüngsten Aussagen können durchaus derzeit am Markt angebotene proprietäre Herstellerlösungen der Steuerbox verwendet werden. Natürlich muss die datensicherheitstechnische Rückwirkungsfreiheit auf das Smart Meter-Gateway durch den Hersteller nachgewiesen werden. Wichtig für die Investitionssicherheit wäre jetzt eine Bestandsschutzregelung des BMWi für diese Lösungen. In einem ersten Schritt ist es demnach vorstellbar, dass der Verteilnetzbetreiber sein heutiges Steuerungssystem durch ein iMSys-Steuerungssystem ersetzt.

Für die Weiterentwicklung der Geschäftsmodelle entsprechend dem neuen Strommarktdesign ist es allerdings erforderlich, dass die Rahmenbedingungen weiterentwickelt und vereinheitlicht werden. Hier denke ich beispielsweise an die rechtliche Umsetzung der zurzeit in Diskussion befindlichen Lösung zum BDEW-Ampelmodell beziehungsweise der vom FNN vorgeschlagenen Koordinierungsfunktion. Ein neuer „Flexibilitätsmarkt“ benötigt ein neues Regelwerk.

Nun hat das FNN ja bereits im vergangenen Sommer eine erste Version eines Lastenhefts „Mindestanforderungen und Empfehlungen für eine Steuerbox und Systemarchitektur im intelligenten Messsystem” vorgelegt. Wozu dient das Lastenheft und was ist hier genau geregelt?

Zayer: Ziel des FNN ist es, im Rahmen des Projektes „Messsystem 2020“ interoperable, austauschbare Geräte respektive Funktionen zu definieren.

In dem von Ihnen genannten Lastenheft in der Version 0.8 sind allerdings noch eine Anzahl von offenen Punkten adressiert. Im Dialog mit den zuständigen Behörden (u. a. BSI) bestand in der Vergangenheit die Hoffnung, dass es zu den vom FNN vorgelegten energiewirtschaftlichen Anwendungsfällen abgeleitete Mindestanforderungen für die Steuerungsfunktionalitäten geben wird. Wie oben bereits ausgeführt werden diese allerdings erst im Rahmen der BSI-Roadmap erarbeitet. Im FNN hat man sich daher entschlossen, das Lastenheft auf heutiger Basis zu finalisieren. Die Version 0.9 ist bereits für das laufende Jahr angekündigt. Damit können die Hersteller die vom Markt dringend erwarteten Steuerboxen und Steuerfunktionalitäten nach FNN-Standard interoperabel und austauschbar bereitstellen.

Welche Fragen sind noch offen und wie sieht hier der Zeitplan des FNN aus?

Zayer: Das FNN hat sich in einem Positionspapier aktuell zu einer stufenweisen Weiterentwicklung entschlossen:

1) Technologiewechsel von der Rundsteuertechnik zu Steuerung über intelligente Messsysteme in der Niederspannung
2) Abdeckung der verbleibenden Anwendungsfälle in der Niederspannung
3) Abdeckung der verbleibenden Anwendungsfälle in der Mittelspannung

Ziel ist es, sehr schnell den Technologiewechsel mit standardisierten Geräten einzuläuten. Diese (modularen) Geräte dienen der Umsetzung der aktuellen Anwendungsfälle. Parallel gilt es, mit dem BMWi und den Behörden (BSI, BNetzA) die offenen Fragen bezüglich der Mindestanforderungen und der Marktmodelle (unter anderem Koordinationsfunktion, Netzampel) zu beantworten. Für die Umsetzung marktdienlicher, netzdienlicher und netzkritischer Anwendungsfälle muss die sichere Koordination der Marktakteure geregelt sein. Weiterhin müssen dazu die Marktprozesse durch die Bundesnetzagentur definiert werden.

Als Geschäftsführer von VOLTARIS beraten und unterstützen Sie ja Stadtwerke bei der Vorbereitung des Rollouts. Werden Sie hier auch das Thema Steuerbox einbeziehen?

Zayer: Ein klares „JA“! VOLTARIS ist bereits heute in der Lage, im Testsystem mit Hilfe des iMSys unter Beachtung des BDEW-Ampelmodells Verbraucher- und Erzeugungsanlagen und Speicher flexibel einzusetzen. Die praktische Umsetzung erfolgt dazu im ersten Ansatz im Forschungsprojekt PolyEnergyNet (PEN) und wird derzeit im Produktivsystem des neuen Schaufensterprojektes „Designetz“ praxisgerecht aufgebaut und weiterentwickelt. Aufgrund dieser positiven Erfahrungen gehen wir davon aus, dass im Rahmen des Rollouts die vorhandene Steuerungstechnik gegen Steuerboxen – möglichst nach FNN-Standard – ausgetauscht wird. Aus ökonomischen und fachlichen Gründen empfehlen wir unseren Kunden – den Stadtwerken – während des Rollouts eine Kundenanlage nur einmal anzufahren. Das bedeutet: Werden möglichst eine moderne Messeinrichtung und ein Smart Meter-Gateway eingebaut, sollte die eventuell notwendige Steuerbox gleich mit eingebaut werden.

 

Kontakt: VOLTARIS GmbH, Peter Zayer, 67133 Maxdorf, Telefon +49 6237 935-414, peter.zayer@voltaris.de

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