Verpasste Chance? Kommentar zu „Zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Wie realistisch ist die Energiewende?“

Wenn sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen des Themas Energiewende annimmt, ist das prinzipiell eine gute Sache. In der Tat wäre es wichtig, die Menschen über die – zugegeben komplexen – Zusammenhänge rund um Stromerzeugung und Stromverbrauch aufzuklären.

Leider ging das in dem oben genannten Fernsehbeitrag des ZDF am 03. August 2017, 21.00 Uhr voll daneben: Anstelle differenzierter Recherchen verließ sich die Autorin auf einen Experten, der eben auch nur einen Fokus hat, und demgemäß der Vielfältigkeit des Themas keineswegs gerecht werden konnte. Der Bericht dümpelte somit 45 Minuten relativ strukturlos um das Thema „Wir brauchen mehr Erneuerbare Energien und die Politik tut irgendwie nicht genug“ herum. Das ist im Ansatz sogar richtig, die Argumentation ging allerdings vielfach einfach am Thema vorbei.

Eine wichtige Besonderheit der Erneuerbaren Energien ist es, dass sie witterungs- und nicht verbrauchsabhängig zur Verfügung stehen – manchmal gibt es zu viel davon, manchmal zu wenig. Hier mit absoluten Zahlen zu operieren, nach dem Motto „Würde man alle Potenzialflächen erschließen, könnte man X Millionen Haushalte versorgen“, ist unseriös. Energieautarke Viertel oder Dörfer sind möglich (und ja auch nett in der filmischen Darstellung), aber leider auch nur ein winziger Baustein der Energiewende. In der Gesamtbetrachtung ist unser Versorgungssystem schon mit 30 Prozent Einspeisung aus EEG-Anlagen überfordert und der regenerativ erzeugte Strom kann vielfach gar nicht genutzt werden. Unsere Verteilnetze und Strommarktprozesse sind nämlich (noch) nicht dafür ausgelegt, Einspeisung und Verbrauch intelligent auszubalancieren. Darum ist bei der heutigen geringen Einspeisung das im Beitrag angesprochene, teure „Redispatching“ nötig, das letztendlich der Stromkunde bezahlt. Diese Zusammenhänge zum Beispiel im Gespräch mit einem Netzbetreiber oder Stadtwerk zu erläutern, wäre wichtig gewesen. Ein Blick auf die Projekte im Rahmen des BMWi-Förderprogramms SINTEG: „Schaufenster intelligente Energie – Digitale Agenda für die Energiewende“ hätte geholfen, die tatsächliche Bandbreite des Themas und die umfangreichen Aktivitäten der Branche zu erschließen.

Dabei kommt man auch auf wirklich spannende Fragen wie etwa: Warum macht Berlin Technologien, die für die künftigen intelligenten Netze unverzichtbar sind (intelligente Messsysteme, Speichersysteme) so unwirtschaftlich, dass kaum ein Stadtwerk oder Regionalversorger es sich leisten kann, diese in großem Stil einzuführen?

Apropos Geld: Die Energiewende wird nur gelingen, wenn Erneuerbare Energien bezahlbar bleiben (oder besser gesagt: werden) – das ist nun einmal die Realität in unserem Wirtschaftssystem. Hier wäre die Frage interessant gewesen, wie denn unser Strompreis überhaupt zustande kommt. Wenn man das nicht recherchiert, kommt es zu fachlich bösen Schnitzern. Beispiel: Ausschreibungen für Wind- und Solarenergie. Diese senken die Kosten und sind ein erster ganz wesentlicher Schritt in Richtung zu bezahlbarem Ökostrom. Leider wurde nur die beliebte Kritik wiederholt, die Verfahren würden dezentrale Vorhaben benachteiligen. Falsch: Bei der letzten Ausschreibung für Windenergie an Land entfielen 93 Prozent der Zuschläge (65), bzw. 96 Prozent des Zuschlagsvolumens auf Bürgerenergiegesellschaften.

Verglichen mit dem Rest der Welt gehört Deutschland trotz aller Defizite definitiv zu den Vorreitern der Energiewende und es gibt unglaublich weitreichende innovative Projekte in diesem Bereich.

Schade, dass von diesem existenziell wichtigen Thema vermutlich nichts beim Zuschauer ankam!

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