Schalten und walten

Außendienstmitarbeiter können via PSIcommand auch Mitglieder des Schaltteams werden. Quelle: shutterstock (goodluz); pixelio (Jens-Schöninger); PSI Software AG

Die neue Version des PSIcommand von PSI stellt einige Prinzipien der Arbeitsvorbereitung für die Netzwartung auf den Kopf. Zudem werden wichtige Funktionen des Instandhaltungsprozesses wie Schaltvorgänge oder Materialbewegung integriert.

Qualifikation und Erfahrung sind unersetzlich, wenn es um Wartung und Instandsetzung von Stromnetzen geht. Bisher sind es Netzmeister und langjährige Facharbeiter, die diese Aufgaben meist zuverlässig erledigen. Doch diese personelle Ressource ist teuer, schwer aufzubauen oder muss extern eingekauft werden. Und es fehlt systematisches und objektives Wissen über das Netz, um Einsparpotenziale zu heben und die Netzverfügbarkeit auf hohem Niveau zu halten, gerade wenn personalgebundenes Wissen abwandert oder „in Rente“ geht.

Nun hat das Berliner Unternehmen PSI eine neue Version seines Produktes PSIcommand am Markt vorgestellt. Das Produkt, das Netzbetreiber für die Digitalisierung von Wartung & Instandhaltung einführen, geht aber weit darüber hinaus, die bestehenden Prozesse eins zu eins zu transformieren. „In PSIcommand ist sozusagen schon die Agenda 2030 angelegt“, weiß Dr. Mathias Koenen, Vertriebsleiter für das Produkt bei PSI in Aschaffenburg zu berichten.

Ausgangspunkt Personalmanagement

Gestartet im Jahr 2000, war PSIcommand zunächst eine Art Personaleinsatzplanung für das Personal an der Leitwarte und reicherte damit das hauseigene Leitsystem PSIcontrol um den Faktor „Mensch“ an. Im Laufe der Jahre hat sich die Lösung weiterentwickelt. Bereits in 2001 kam eine mobile Komponente hinzu, zudem wurden in den Anfangsjahren die Prozesse für die Entstörung entwickelt. Kurz: PSIcommand wurde zu einem richtigen Workforce Management-System für Versorger aller Sparten.

Die aktuellen Neuerungen können im Wesentlichen in drei Bereiche aufgeteilt werden: Zunächst werden innovative Planungs- und Dispositionsansätze realisiert. Der zweite Bereich, der auf dem ersten Schritt aufbaut, integriert ERP-Prozesse in die Arbeitsvorbereitung (AV) und automatisiert so übergreifend die Geschäftsprozesse. Und im dritten Sektor werden Möglichkeiten implementiert, Abschaltungen – deren Abwicklung über aufwendige Schaltgespräche mit der Warte organisiert waren – prozessübergreifend zu verwalten und deren Durchführung zu mobilisieren.

Pilotkunde Mitnetz Strom

Die beschriebene Agenda 2030 liegt vor allem im Bereich der Planung. Der Kern besteht darin, dass zunächst eine betriebsübergreifende Kapazitätsplanung erstellt wird, die Entscheidungsgrundlagen liefert, die dann in der Disposition genutzt werden und diese sogar automatisieren können. Entstanden ist dieser Funktionsbereich innerhalb eines Projektes mit der Mitnetz Strom, das im Jahr 2011 begann. „Der Kunde hatte klare Anforderungen und hat selbst uns mit dem Paradigmenwechsel in der Instandhaltungsplanung überrascht“, sagt Koenen. Das Ergebnis bei der Mitnetz Strom: Die Einsparungen durch die Installation, die 2015 beendet wurde, liegen nicht nur bei den zehn Prozent, die oft bei der „einfachen“ Digitalisierung der Instandhaltung eingespart werden, sondern gehen, so vermeldet die Mitnetz Strom, weit darüber hinaus.

Was also ändert sich durch die kapazitätsorientierte Planung? Klassischerweise hat das Workforce Management die operative Sicht auf die Unternehmensprozesse. PSIcommand kann nun die Arbeit und ihre umliegenden Prozesse von der strategischen Seite her beginnen. Somit avanciert die Kapazitätsplanung, die Optima über den gesamten Jahreszeitraum findet, zur Voraussetzung für die Arbeitsvorbereitung, sprich die Überlegung steht im Fokus, welche Leistung von bestehenden Teams unter den bestmöglichen Rahmenbedingungen überhaupt abgerufen werden kann. „PSIcommand liefert demnach erstmals eine reale Übersicht über den Betrieb“, beschreibt Koenen.

Schaltvorgänge via Außendienst

Außendienstmitarbeiter können via PSIcommand auch Mitglieder des Schaltteams werden. Quelle: shutterstock (goodluz); pixelio (Jens-Schöninger); PSI Software AG

Ein spezielles Verfahren für die Automatisierung sorgt dafür, dass die geplanten Arbeiten optimiert werden. PSI baut dabei auf Erfahrungen anderer Geschäftsbereiche auf, die mit dem Ansatz der erweiterten Fuzzy Logik arbeiten. Dabei geht es verkürzt darum, ein Verfahren für die Optimierung zu installieren, bei dem verschiedene Faktoren unterschiedlich bewertet werden können, um zu einer optimierten Planung zu gelangen. Fuzzy (zu deutsch unscharf ) heißt es, weil somit zum Beispiel auch Erfahrungswerte oder betriebliche Gesetzmäßigkeiten berücksichtigt werden können – ein Verfahren, das PSI seit langem im industriellen Umfeld erfolgreich einsetzt. Die Analyse geht nach Angaben von PSI aber weit über das hinaus, was ein einzelner Mitarbeiter oder ein einzelnes Team leisten könnte. Zum Beispiel wird die Personalplanung mit den notwendigen Schaltantragsvorschlägen abgeglichen, was möglich ist, da das System eng an die Leitwarte gekoppelt ist und die Schaltvorgänge demnach auch aus technisch- betriebswirtschaftlicher Sicht bewertet werden können.

Im Ergebnis liefert PSIcommand mehrwöchige Dispositionsvorschläge, mit denen frühzeitig Beschaffungsprozesse, Fremdfirmenaufträge und Leitwartenabstimmung koordiniert werden können. Sprich, es werden die betrieblich optimalen Zeitpunkte für Maßnahmen mit einem langen Vorlauf eruiert und geplant. Zudem passt sich die Planung dynamisch an die sich täglich ändernden Gegebenheiten an.

Mit dieser Innovation zusammenhängend ist die Funktionserweiterung rund um die Schaltmaßnahmen des Netzes. Diese können in PSIcommand an allen Arbeitsplätzen, aber auch in PSIcontrol und über Schnittstellen aus anderen Anwendungen beantragt werden. Von der Antragsstellung bis zur mobilen Schaltdurchführung wird der gesamte Prozess im Schalteinsatz dokumentiert. „Durch die Integration von PSIcontrol und PSIcommand ist es auch möglich, die beantragten Schaltanträge im Genehmigungsprozess in der Leitstelle mit Schaltfolgen aufzuwerten“, beschreibt Koenen.

Applikation der mobilen
Einheit, die Teil des
Schaltteams ist. Quelle: PSI Software AG; pixabay (PIX1861)

Damit ist es möglich, dass Monteure die Schaltung selbst durchführen, vorausgesetzt natürlich, die Leitstelle hat die Schaltfolge freigegeben. Auch an die Absicherung der Schaltungen ist gedacht. Neben einer örtlichen Lokalisierung durch QR-Codes erfolgt die elektrische Freigabe durch die Verriegelungsprüfung in PSIcontrol. „International beobachten wir stark den Trend, dass solche Prozesse mobilisiert werden, woraus eine Win-win-Situation für Warte und Betrieb entsteht. Der deutsche Markt ist hier etwas vorsichtiger, doch aktuell haben wir viele Projekte dieser Art“, weiß Koenen. Um es anhand eines Sprachspiels auszudrücken: Der moderne Netztechniker kann (oder soll) nicht nur seines Amtes walten, sondern darf schalten und walten (nicht wie er will, sondern wie er darf ).

PSIcommand bietet dafür die Verfügbarkeit, wie sie üblicherweise auch in der Leitwarte gilt, was bei anderen Workforce-Systemen eher ungewöhnlich ist, denn sie gewährleisten „lediglich“ die Verfügbarkeitslevels der ERP-Systeme.

Solche Prozesse denken die Digitalisierung weiter. In Fällen, wie sie von der Mitnetz Strom bereits praktiziert werden, geht es nicht nur darum, die bestehenden Geschäftsprozesse „einfach nur“ zu digitalisieren, sondern darum, neue Potenziale zu heben, die bisher nicht erkannt wurden.

So profitiert die Mitnetz Strom vor allem von kürzeren Rückmeldezyklen: das System liefert aktuelle Statusführung, Zeitbuchungen und konsistente Arbeitsdokumentation. Die Darstellung der benötigten Zeiten in der Plantafel bietet dem Disponenten auch eine visuelle Übersicht der geleisteten Arbeit. Der Anlagenbetreiber gewinnt auch wichtige Informationen für die kaufmännische Bewertung seiner Assets – und dies sogar in Echtzeit. Ebenso besteht die Möglichkeit zur mobilen Buchung und Anforderung von Material. Letzteres betrifft das dritte Optimierungsfeld, das PSI im Blick hat, nämlich die Integration des Workforce Managements mit dem ERP-System. Dafür ist lediglich die Einbindung einer Komponente notwendig, die aus PSIpenta, dem vorwiegend von Produktionsbetrieben eingesetzten ERP-System von PSI stammt. Sie sorgt dafür, dass auch in den ERP-Systemen der Versorgungsunternehmen Funktionen wie Rechnungswesen, Material- und Werkzeugbestellung und viele andere in den Instandhaltungsprozess integriert werden.

Kontakt: PSI Software AG, Dr. Mathias Koenen, mkoenen@psi.de, www.psienergy.de

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