Gelände sichern

Gefährliche Eindringlinge kommen nicht nur aus dem Cyberraum und stellen eine reale Bedrohung für Netzbetreiber dar. Foto: r.classen/shutterstock

Eine wirksame Freigeländeüberwachung kann den unbefugten Zutritt in kritischen Bereichen der Stromversorgung frühzeitig entdecken und aufhalten.

Gefährliche Eindringlinge kommen nicht nur aus dem Cyberraum und stellen eine reale Bedrohung für Netzbetreiber dar. Foto: r.classen/shutterstock

Angesichts spektakulärer Cyberattacken stehen auch im Versorgungssektor virtuelle Eindringlinge aktuell oft im Zentrum der Diskussion um den Schutz kritischer Infrastrukturen. Dabei können bekanntermaßen auch unbefugte Personen, die – versehentlich oder in krimineller Absicht – physischen Zutritt zum Gelände und den Anlagen der Stromversorgung erhalten, erheblichen Schaden anrichten. Laut einer Statistik von FNN (Forum Netztechnik/Netzbetrieb im VDE) wurden 2015 von den fast 42.000 Störungen mit Stromausfall in der Niederspannungsebene 13.000 durch sogenannte „fremde Einwirkung“ verursacht. Darin enthalten sind neben beispielsweise Störungen durch Erd- oder Baggerarbeiten oder durch Annäherung von Personen und Tieren an spannungsführende Teile, unter anderem auch solche, die durch Sabotage oder unbefugte Schalthandlungen ausgelöst wurden.

Thomas Hermes, Vorsitzender des Fachausschusses Perimeter beim BHE Bundesverband Sicherheitstechnik e.V., hat dabei zum Beispiel die in der Regel unbemannten Umspannwerke mit ihren Transformatoren, Freileitungen, Relaishäusern sowie Lager- und Betriebsgebäuden im Blick. Umspann-, Netz- und Trafostationen seien mögliche Einfallstore für die Täter und oft besonders neuralgische Punkte für die Stromversorgung. Er betont: „Die Erfahrung zeigt: Allein ein Zaun und das Warnschild ,Achtung elektrische Spannung – Lebensgefahr! , halten Täter nicht davon ab, die Areale von Hochspannungsanlagen zu betreten.“ So hatte 2015 ein Eindringling, der in die Schaltzentrale eines Essener Umspannwerkes einsteigen konnte, dort wahllos Knöpfe gedrückt, so dass 2.500 Kunden ohne Strom waren. Michael Ortmanns vom Strom- und Gas-Anbieter ENTEGA berichtet seinerseits von Kupferdieben, die auf Anlagen des Verteilnetzbetreibers, der ENTEGATochter e-netz Südhessen, gelangt waren – ein hoch riskantes Vorhaben: „Auch wenn Kupferteile normalerweise Erdpotenzial führen und somit scheinbar ungefährlich sind, kann dennoch im Fall vorübergehender Betriebszustände – zum Beispiel bei einer Störung im Netzbetrieb – eine lebensgefährliche Spannung anliegen. Daneben gefährden fehlende Anlagenteile natürlich auch die unterbrechungsfreie Stromversorgung.“

In Umspannwerken wird die ankommende Höchstspannung mit Hilfe von Transformatoren stufenweise bis auf 230 oder 400 Volt umgewandelt. Manipulationen an diesen Einrichtungen können ganze Stadtteile lahmlegen und auch die Täter selbst gefährden. Mit mechanischen Barrieren und elektronischen Sicherungen lassen sich Unbefugte schon an der Grundstücksgrenze aufhalten. Foto: Jens -Schöninger/pixelio

ENTEGA hatte deshalb reagiert, „einen hohen sechsstelligen Betrag investiert“ und ein weiterentwickeltes Sicherheitskonzept erfolgreich umgesetzt. Ortmanns: „In den letzten beiden Jahren wurden keine Einbrüche in unsere Anlagen registriert.“ Eine wichtige Rolle im Konzept spiele dabei die Videoüberwachung. Widerrechtliche Zutrittsversuche können damit in einer rund um die Uhr besetzten Leitstelle aus der Ferne erkannt werden. So sei gewährleistet, dass rechtzeitig Alarm ausgelöst wird und Gegenmaßnahmen, insbesondere eine personelle Intervention, eingeleitet werden können.

Gesetzlicher Rahmen

Grundsätzlich sind die Anforderungen gesetzlich klar geregelt: So haben nach § 2 EnWG alle Energieversorgungsunternehmen eine sichere leitungsgebundene Versorgung der Allgemeinheit mit Energie zu gewährleisten. Zudem verpflichtet § 49 EnWG die Betreiber, Energieanlagen so zu errichten und zu betreiben, dass die technische Sicherheit nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik gewährleistet ist. Konkretere Vorgaben machen das BMI im Basisschutzkonzept von 2005 sowie im Leitfaden „Schutz Kritischer Infrastrukturen – Risiko- und Krisenmanagement” von 2011 (www.bmi.bund.de) und das IT-Sicherheitsgesetz (www.bsi.bund.de), die bauliche Schutzmaßnahmen, zugangserschwerende Hindernisse und elektronische Sicherungssysteme vorsehen, um Sabotage oder Anschläge zu verhindern. Konkrete Vorgaben, Spezialvorschriften oder -normen zum physischen Schutz solcher Anlagen, die die allgemeinen gesetzlichen Vorgaben spezifizieren, gibt es allerdings noch nicht. Im Hinblick auf die Freigeländeüberwachung sollen Anwender und Planer aber demnächst Hilfestellung bekommen. Voraussichtlich bis Ende des Jahres wird CENELEC, das europäische Komitee für elektrotechnische Normung, eine Technische Spezifikation (CLC / prTS 50661-1) für „Alarmanlagen – Externe Perimeter Sicherheitssysteme – Teil 1: Systemanforderungen“ veröffentlichen. Nach dem bereits vorliegenden Entwurf werden hier unter anderem Schutzklassen, Leitlinien zur Perimetersicherung, Hinweise zum Sabotageschutz und zum Umgang mit Umwelteinflüssen enthalten sein. Insbesondere künftige Ausschreibungen dürften sich daran orientieren.

Mehrschaliger Schutz

Detektionssysteme im Vergleich. Foto: BHE Bundesverband Sicherheit e.V.

Für die derzeitige Umsetzung von Schutzkonzepten sollten Versorger und Netzbetreiber auf externes Know-how zurückgreifen. So empfiehlt Jürgen Schiller vom Planungsund Ingenieurbüro Schiller, die Absicherung des Freigeländes mehrschalig, also mit unterschiedlichen Sicherheitszonen, zu planen. Oberstes Ziel sei es, Eindringlinge frühzeitig, im Idealfall schon vor dem Betreten des Geländes zu entdecken. Wenn erforderlich, sollte die Außengrenze nicht nur mittels Zaun gekennzeichnet und geschützt werden, sondern zum Beispiel auch die zum Unternehmensgelände gehörende Zone vor und hinter dem Zaun überwacht werden. Schiller: „Die mechanischen Barrieren, in der Regel mindestens zwei Meter hohe Zäune und Tore an der Grundstücksgrenze, sind größtenteils akzeptabel beschaffen.“ Betreiber könnten damit zumindest verhindern, dass spielende Kinder oder unachtsame Personen ungewollt auf das Gebiet gelangen. Für die Sicherung einer kritischen Infrastruktur, insbesondere wenn diese nur sporadisch durch Personen kontrolliert würde, seien aber zusätzlich elektronische Sicherungsmaßnahmen nötig – sowohl an der sogenannten Außenhaut als auch im Geländeinneren.

Nach Auskunft des BHE ist es daher erforderlich, Freigeländeüberwachungsanlagen mit Videosicherheit zu ergänzen. Hier könnten auch Wärmebildkameras zum Einsatz kommen. Die notwendige und sinnvolle Fernüberwachung per Video ermögliche eine unverzügliche Alarmüberprüfung, ohne erst den Techniker oder Wachdienst aussenden zu müssen. Dies verhindert Kosten, die durch unnötige Einsätze entstehen. Gleichzeitig wird bei echten Alarmen eine schnelle und in der Sache angemessene Reaktion und Intervention erleichtert. Je nach festgestelltem Risikoprofil und den Schutzzielen stehen für Detektion und Alarmierung viele Technologien zur Verfügung (siehe Kasten unten). Wichtig zudem: Da moderne Überwachungstechnik in der Regel IT-basiert ist, ist für diesen Bereich auch ein IT-Sicherheitskonzept zu realisieren.

BHE-Fachmann Hermes weist auf eine weitere Besonderheit hin: Anders als bei vielen anderen industriellen Sicherheitsmaßnahmen, basieren Lösungen bei KRITIS- Unternehmen aufgrund der rechtlichen Rahmenbedingungen nicht auf einer Kosten-/ Nutzen-, sondern auf einer Kosten-/Wirksamkeitsanalyse, denn hier gehe es in erster Linie um die Minimierung von Risiken. Dabei stehe der Investitionsaufwand mit Blick auf die Bedeutung und den materiellen Wert der Anlagen in einem vernünftigen Verhältnis: „Eine einfache Perimetersicherung einer Doppeltrafo-Anlage fängt – unter Einbeziehung der vorhandenen Komponenten, zu denen etwa ein Zaun gehört – bei 30.000 Euro an.“ Schon damit ließen sich passende Sensorik, Videotechnik sowie Leitungswege für die Aufschaltungen der Meldeeinrichtungen realisieren. Als Faustregel sei davon auszugehen, dass für einen angemessenen Perimeterschutz etwa 0,15 Prozent der Gesamtinvestition des Unternehmens aufzuwenden sind.

Risikoanalyse als Planungsgrundlage

Patentrezepte gibt es nach Einschätzung von Experten nicht. Entscheidend ist laut Dr. Urban Brauer, Geschäftsführer des BHE, dass das Sicherheitskonzept genau auf das Objekt und die örtlichen Umstände abgestimmt wird. Hierzu werden zunächst Schutzziele sowie mögliche Täterprofile festgelegt. Daraus leiten sich das Risikopotenzial und sinnvolle Schutzmaßnahmen ab. Konkret geht es hier um folgende Fragen: Mit welchen Bedrohungen – wie etwa Diebstahl, Sabotage, Vandalismus – ist zu rechnen? Ist eher von einzelnen Gelegenheitstätern oder von organisierter Kriminalität auszugehen? Welche Werkzeuge sind bei den möglichen Tätern zu erwarten?

In vielen Fällen greifen die Täter vor allem am Zaun an. Wird ein Untergraben befürchtet, bieten sich verdeckt im Erdreich installierte Sensoren und Matten an. Gegen die Gefahr des Durchtrennens von Gitterstäben sind unter anderem elektromechanische Detektionssysteme geeignet. Sie arbeiten mit Spann-, Schreck- oder Scherdraht. Wird der Draht verformt, wird die nachstehende Elektronik aktiviert. Auch mit digitalen Zaunmeldesystemen sind Betreiber gegen derartige Angriffe gewappnet, zudem sind solche Systeme effektiv gegen Kletterversuche. Wird erwartet, dass die Eindringlinge mit einem Lkw kommen, wäre auch die Zufahrt ein kritischer Punkt, der entsprechend zu sichern wäre. Beispielsweise durch ein Bodendetektionssystem oder eine Mikrowellenschranke. Wichtig zu wissen: Je mehr Sensorik ins Spiel kommt, desto aufwendiger gestaltet sich die Konfiguration. Dem vorzugsweise interdisziplinären Projektteam sollte nach Ansicht von Fachleuten daher unbedingt ein IT-Sicherheitsspezialist angehören, der sich mit der Einrichtung und Absicherung eines entsprechenden IT-Netzwerkes auskennt. Neben dem Zaunbauer werde zudem ein Facherrichter benötigt, der wisse, wie er seine Komponenten in dieses sichere Netz integrieren könne. Beispielsweise sei zu beachten, dass elektronisch überwachte Tore eine eigene Meldelinie, unabhängig von anderen Meldelinien, erhalten.

Bei der Suche nach einer qualifizierten Fachfirma kann der Nachweis „BHE-zertifizierter Fachbetrieb Freigeländeüberwachungsanlagen“ helfen. BHE-Fachleute verfügen nach Angaben des Verbands sowohl über Sicherheits- als auch Applikations- Know-how. Sie können somit dafür sorgen, dass die technischen Komponenten punktgenau auf den Bedarf des Versorgungsunternehmens angepasst werden.

Kontakt: BHE Bundesverband Sicherheitstechnik e.V, 66904 Brücken, Tel. +49 (0)6386 – 92 14-0, info@bhe.de

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