Bewegtes Ziel

Foto: suju/pixabay

Über ein Jahr ist vergangen, seit mit dem Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende der Startschuss für den Smart Meter- Rollout gefallen ist. Doch von der flächendeckenden Umsetzung sind die Stadtwerke nach wie vor weit entfernt – wie weit genau, ist zudem immer noch offen.

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Vor zwei Monaten hörte man von einem gemeinsamen Schreiben des Verbands Kommunaler Unternehmen (VKU) und des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) an die BNetzA, demzufolge sich der Rollout um mindestens ein bis anderthalb Jahre verzögern wird. Eine der größten Hürden ist die fehlende Marktverfügbarkeit von mindestens drei BSI-zertifizierten Smart Meter- Gateways. Wir sprachen mit Ruwen Konzelmann von der Theben AG über die Hintergründe und Konsequenzen.

50komma2: Herr Konzelmann, seit wann beschäftigt sich Theben mit Smart Meter-Gateways?

Ruwen Konzelmann: Wenn man wirklich den gesamten Prozess einbezieht, sind wir seit fast zehn Jahren in diesem Themenfeld aktiv. Unsere Conexa 1.0 – übrigens das erste Gateway mit Bauartzulassung der Physikalisch- Technischen Bundesanstalt (PTB) – kam 2012 auf den Markt. Mit der Conexa 2.0 wurde kurz darauf das erste Gateway vorgestellt, das eine freie Zählerwahl ermöglicht und zudem Anschlüsse für RLM-Zähler und EEG-Schaltboxen besitzt. Als die gesetzlichen Vorgaben für den Smart Meter-Rollout und die Überlegungen zu möglichen Mehrwertdiensten rund um die neue Infrastruktur konkreter wurden, ergaben sich weitere Technologiesprünge. Ab 2013 wurde der sicherheitsrelevante Teil der Software gemeinsam mit Entwicklungspartnern auf den geforderten Stand gebracht. Die aktuelle Gerätegeneration, die Conexa 3.0, befindet sich seit Mitte 2014 beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) im Zertifizierungsprozess.

Und das Gerät ist ja beileibe nicht alles.

Genau, auch die Gateway-Entwicklung und -Produktion muss nach den Anforderungen des BSI gestaltet werden. Baulich und hinsichtlich der Prozesse liegen die Sicherheitsstandards dabei übrigens noch über denen, die beispielsweise bei der Produktion von Bankkarten oder Personalausweisen gelten. Zwischenzeitlich wurden unsere gesamte Infrastruktur und sämtliche Prozesse durch den TÜVIT Nord und das BSI erfolgreich auditiert.

Insgesamt also ein enormer Aufwand, den Sie als Hersteller zunächst einmal in Vorleistung erbringen?

Natürlich, und das gilt ja nicht nur für uns allein. Praktisch alle Anbieter, deren Geräte und Lösungen sich in der Zertifizierung befinden, haben über viele Jahre erheblich in die Technologie investiert. Nennenswerte Rückflüsse hat meines Wissens noch kein Anbieter gesehen. Viel wichtiger ist aber die Tatsache, dass der Rollout für unser künftiges Energiesystem – und zahlreiche damit verbundene Geschäftsmodelle – tatsächlich unverzichtbar ist. Es ist also höchste Zeit, dass es losgeht. Durch die Verzögerung verschenken wir enorme volkswirtschaftliche Chancen und blockieren die Umsetzung der Energiewende bei den Stadtwerken und Netzbetreibern.

Nun wird die Verspätung von offizieller Seite ja teilweise damit begründet, dass die Hersteller noch nicht alle Voraussetzungen erfüllt hätten.

Diese Argumentation ist mir bekannt und de facto trifft es auch zu. Aber – und dieser Aspekt bleibt natürlich gerne unerwähnt – man kann auch schwerlich Anforderungen erfüllen, die sich permanent ändern oder durch neue Auflagen erweitert werden, die dann wieder mit erheblichem Aufwand umgesetzt werden müssen. Sprich: Wir schießen hier auf ein bewegtes Ziel.

Können Sie dazu Beispiele nennen?

Ein relativ aktuelles Beispiel ist die Gestaltung eines einheitlichen Kundendisplays für Smart Meter-Gateways, das sowohl dem Eichrecht als auch den Regelungen im Zusammenhang mit dem Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende entspricht. Das ist seit langer Zeit in der Diskussion, da es speziell zwischen der PTB und BSI unterschiedliche Meinungen zur Verbrauchsanzeige gab. Nachdem bis vor kurzem das sogenannte „Bundesdisplay“ als gesetzt galt, ist seit vergangenem Sommer klar, dass „TRuDI“ kommt. Diese Wendung hat die Hersteller wieder Monate an Entwicklungszeit gekostet. Und als wir damit fertig waren, wurden die Anforderungen an die Dokumentation und die Bedruckung der Geräte ausgeweitet – auch das ist vom Arbeitsaufwand her nicht zu unterschätzen.

Wie kommen denn solche Umwege zustande?

Grundsätzlich muss man natürlich anerkennen, dass wir hier schon ein sehr dickes Brett bohren: Wir wollen flächendeckend eine völlig neue digitale Infrastruktur aufbauen, über die abrechnungsrelevante, personenbezogenen Daten übermittelt und Energieanlagen gesteuert werden. Das ist eine enorme Aufgabe und ich bin sehr froh, dass dabei gründlich gearbeitet wird. Ich will auch überhaupt nicht in Abrede stellen, dass viele Erweiterungen und Modifikationen, die sich im Prozess ergeben haben, inhaltlich absolut sinnvoll sind.

Trotzdem erinnert das Projekt Smart Meter-Rollout ja ein wenig an den Berliner Flughafen. Woran liegt es denn nun, dass es so lange dauert?

Meiner Ansicht nach hapert es vor allem an der Planung und der Kommunikation. Bei einem solchen Projekt sind ja diverse Fachbehörden und -organisationen beteiligt: Das BSI etwa kümmert sich um die Sicherheit, die PTB hat die eichrechtlichen Fragestellungen im Blick, das Forum Netztechnik/Netzbetrieb im VDE sowie die DKE (Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik) beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit funktional-technischen Aspekten. Hier wären bereits in einer frühen Phase eine klarer definierte Aufgabenteilung und systematische Abstimmungsverfahren hilfreich gewesen.

War nicht für diese Zwecke ein Round Table angekündigt, an dem sich auch die Hersteller beteiligen sollten?

Ruwen Konzelmann ist Leiter der Business Unit Smart Energy beim Gateway-Hersteller Theben. Foto: Theben AG

Ja, allerdings hat der meines Wissens seit zwei Jahren nicht stattgefunden, andere Abstimmungstermine sind kurzfristig geplatzt. Das ist ausgesprochen schade, denn viele Probleme hätten sich lösen lassen, wenn man frühzeitig miteinander gesprochen hätte. Um solche Projekte zu stemmen, ist es außerdem absolut unverzichtbar, verbindliche Zeitpläne festzulegen und natürlich ausreichende Ressourcen bereitzustellen. Hier wäre ein gemeinsames und verbindlicheres Vorgehen der Politik und Behörden meines Erachtens erforderlich gewesen.

Wie stehen denn die Stadtwerke und Netzbetreiber zu den Verzögerungen?

Einige sind sehr gut vorbereitet, haben die notwendigen Prozesse aufgesetzt und erfolgreiche Tests gefahren, teilweise wurden sogar schon Mehrwertdienste entwickelt und Bestellungen getätigt. Diese Unternehmen würden gerne starten und werden beim Rollout definitiv die Nase vorn haben. Andere haben noch wenig getan und verlassen sich darauf, dass sie dann quasi auf den fahrenden Zug aufspringen können – eine Annahme, die sich als falsch erweisen könnte. Wenn es nämlich losgeht, wird die Nachfrage auf allen Ebenen explodieren und da werden die Kunden natürlich der Reihe nach bedient.

Wagen Sie denn noch eine Prognose, wann der Rollout kommt?

Ich kann zumindest sagen, dass wir bei Theben jetzt 95 Prozent der Anforderungen an die Gateways kennen und umgesetzt haben. Wenn es dabei bleibt und die Zertifizierung auf dieser Grundlage erteilt wird, sind wir noch 2018 lieferfähig.

Stand 2-516

Kontakt: Theben AG, Stephanie van der Velden, 72394 Haigerloch, Tel. +49 7474 692-446, sv@theben.de

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