Rückversicherung für Stromsysteme

Dezentrale Erzeuger wie Windkraftanlagen sollen in Zukunft bis zu 80 Prozent des Strombedarfs decken. Foto: pixelio (Viola)

Das Elsdorfer Start-up DEM GmbH unterstützt Netzbetreiber, kommunale Energieversorger und Industrieunternehmen im Rheinischen Revier bei der dezentralen Vernetzung Erneuerbarer-Energie-Anlagen.

Dezentrale Erzeuger wie Windkraftanlagen sollen in Zukunft bis zu 80 Prozent des Strombedarfs decken. Foto: pixelio (Viola)

Mit der verstärkten Einspeisung von erneuerbarem Strom wird die Versorgungssicherheit zunehmend auch zum Thema für die Verteilnetzbetreiber. Während heutzutage zwar kaum noch ein Risiko für große Stromausfälle besteht, sind es gerade die Ausfälle im Millisekundenbereich, die mittelständischen Industrieunternehmen bei ihren Produktionsprozessen Probleme bereiten können. Viele Netze fahren ohnehin an der Stabilitätsgrenze, die technische Ausstattung um solche Mikroausfälle korrekt vorherzusehen und rechtzeitig abzuwenden, ist vielerorts nicht vorhanden. Mit diesen Herausforderungen im Blick haben sich die vier Energieversorgungsunternehmen EWV, NEW AG, STAWAG, Stadtwerke Düren (Beteiligung der Unternehmen unter Gremienvorbehalt) sowie die SME Management zusammengeschlossen und im Januar 2018 das Start-up DEM gegründet. Das Unternehmen wurde auf der diesjährigen E-world Energy & Water erstmals offiziell vorgestellt.

Dezentrales Energiemanagement

DEM steht für dezentrales Energiemanagement und genau hier ist auch das Leistungsspektrum des jungen Unternehmens angesiedelt: Das Technologie- und Systemhaus mit Sitz im Forum Heppendorf (Elsdorf) bietet kommunalen Energieversorgungsunternehmen, deren Verteilnetzbetreibern sowie Industrieunternehmen und Betreibern kritischer Infrastrukturen Dienstleistungen rund um sicher vernetzte Energieinfrastrukturen und entsprechende Geschäftsmodelle. „Der Trend zur Dezentralisierung ist aus unserer Sicht unumkehrbar. Gleichzeitig nimmt die Vernetzung von Speichern und dezentralen Anlagen immer mehr zu, da der Verbraucher eine kontinuierliche Stromversorgung erwartet. Wir erwarten dementsprechend eine Abkehr von der Kilowattstunde, also der verbrauchsabhängigen Vergütungsstruktur, hin zu einer Vergütungsstruktur, die gesicherte Leistung bezahlt“, erklärt Dr. Stefan Röder.

Ein wichtiger Schwerpunkt bei der Versorgungssicherheit sind sogenannte systemrelevante Flächenkraftwerke. „Ein solches Flächenkraftwerk ist für uns die Gesamtheit der in einer Region miteinander vernetzten, regenerativen, fluktuierenden Stromerzeugungsanlagen, Speicher und Verbrauchsanlagen“, erklärt Dr. Stefan Röder, gemeinsam mit Kurt Vetten (beide SME), Gründungsgesellschafter der DEM und zugleich geschäftsführender Gesellschafter. „Versorgungsengpässe sollten idealerweise genau dort, wo sie entstehen, auch behoben werden – ohne die nächsthöhere Netzebene mit einbeziehen zu müssen. Dazu muss der Netzbetreiber allerdings gut über die Systemeigenschaften, das Systemverhalten nicht nur der großen Anlagen und Trafostationen, sondern auch der vielen kleinen Anlagen Bescheid wissen und Informationen in Echtzeit erhalten. Als Dienstleister bieten wir hier deshalb Unterstützung und technisches Know-how bei der Planung, dem Betrieb und der Weiterentwicklung eines zuverlässigen Energieinformationssystems – quasi eine Art Rückversicherung für Stromsysteme.“

Information und Kommunikation

Zu den Kunden von DEM zählen die in NRW ansässigen Verteilnetzbetreiber, aber auch erste mittelständische, produktionsintensive Industrieunternehmen, die zum Teil auch schon mit Stromausfällen im Millisekundenbereich konfrontiert waren bzw. die ihr Stromversorgungssystem neu konditionieren wollen. „Einige haben auch schon in PV-Anlagen oder Windanlagen investiert. Typische Fragestellungen sind hier – mit Blick auf das baldige Ende der EEG-Förderung – wie sie den Eigennutzungsgrad ihres produzierten Stroms erhöhen, um ihre Produktionsausfallsicherheit zu verbessern“, so Röder. Dazu brauche es Kommunikation und Informationsaustausch zwischen Industrie und Energieversorgern. Hier agiert DEM zusätzlich als Moderator und Kommunikationsschnittstelle. Bearbeitet werden solche Themen aktuell von einem zehnköpfigen Team, bestehend aus Ingenieuren und Kaufleuten, unter dem Dach von DEM. Für spezifische Fragestellungen kann DEM zudem auf ein großes Netzwerk an präqualifizierten Partnern rund um juristische, technische, betriebswirtschaftliche Fragestellungen im Bereich sicher vernetzter Energieinfrastruktur aus vorherigen Projektstufen zurückgreifen. „Mit zunehmendem Projektumfang bauen wir aber kontinuierlich unsere eigenen Kompetenzen aus.“

vl. Dr. Christian Becker (STAWAG), Michael Steffens (NEW), Dr. Stefan Röder (DEM), Ralf Jüngermann, Manfred Schröder (EWV) und Heinrich Klocke (Stadtwerke Düren) auf der E-world 2018. Foto: DEM GmbH

Das Leistungsspektrum des Start-ups ist in vier Kompetenzbereiche unterteilt. Unter dem Namen DEM.CONSULT informiert und berät ein Spezialistenteam Kunden bei der Planung der Flächenkraftwerke. „In diesem Kompetenzbereich bieten wir mit dem Produkt DEM.Net anderen Verteilnetzbetreibern an, sich mit Hilfe eines strukturierten Verfahrens alle Kompetenzen anzueignen, die erforderlich sind, um die zukünftige Rolle als systemrelevanter Netzbetreiber wahrnehmen zu können“, sagt Dr. Stefan Röder. DEM.LAB ist die Plattform für die Initiierung und Entwicklung, den Test und die Inbetriebnahme von Applikationen für den Kraftwerks-Betrieb. DEM. CAMPUS trägt zum Kompetenz- und Wissensaufbau rund um juristische, technische und kaufmännische Aspekte bei. Für diesen Bereich hat DEM bereits einen Zertifikatslehrgang in Kooperation mit einer Hochschule initiiert, der im Herbst startet. „Wir vertreten die Ansicht, dass ein zuverlässiges dezentrales Energiemangement nur dann funktionieren kann, wenn wir alle Beteiligten, also auch die Mitarbeiter von Energieversorgern, mitnehmen und weiterbilden. Die Technologien in diesem Bereich entwickeln sich sehr schnell. Wenn wir die Mitarbeiter zurücklassen, fehlt es uns am Ende an versiertem Personal. Das können wir uns nicht leisten“, so Stefan Röder.

Control-Center für Flächenkraftwerke

Der Kompetenzbereich DEM.CONTROL schließlich soll Verteilnetzbetreiber beim Betrieb und bei der Optimierung ihrer Flächenkraftwerke unterstützen. „Für die Netzbetreiber agieren wir hier etwa als Partner zur Präqualifizierung von Dienstleistern, die bereits Teilaspekte mit Ihren Lösungen abdecken, und unterstützen diese bei der Weiterentwicklung ihrer Tools“, so Röder. Hier hat DEM bereits ein größeres Ziel ins Auge gefasst. „Mitte 2019 wollen wir damit beginnen, ein Control Center auf Verteilnetzebene im Rheinischen Revier zu konfigurieren, wo Verteilnetzbetreiber ihre Systemführungsaufgaben gegenüber ihren Kunden und dem vorgelagerten Netz- und Übertragungsnetzbetreiber erfüllen können“, erläutert Röder. „Laut Expertenmeinung bräuchten wir etwa 30-40 solcher Control-Center in Deutschland. Unser Control-Center soll entsprechend als Blaupause dienen, die weiterentwickelt und möglicherweise dann auf ganz Deutschland übertragen werden kann.“ Allerdings werde die DEM GmbH dazu auch Eigenentwicklungen, beispielsweise im Lastmanagement, vorantreiben müssen. „In diesem Bereich brauchen wir ein echtzeitbasiertes Management mit sicheren Kommunikationsstrecken. Für die Control-Center brauchen wir Monitoring und Dashboard-Lösungen, die wir nach unserem Kenntnisstand in Deutschland noch nicht erwerben können“, erklärt der Geschäftsführer. Vor diesem Hintergrund strebt DEM aktiv Entwicklungspartnerschaften idealerweise mit mittelständischen Unternehmen an, die auch selbst unternehmerisch an kooperative Entwicklungen herangehen.

Kontakt: DEM GmbH, Dr. Stefan Röder, 50189 Elsdorf, Tel. +49 2271 5059-910, stefan.roeder@dem.gmbh

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