Sparen am Ausgleich

Vergleich der Prognosen und resultierende Einsparung. Foto: Stadtwerke Saarbrücken GmbH

Mit einem neuen Service unterstützen die Stadtwerke Saarbrücken Netzbetreiber bei der Differenzenergiebewirtschaftung – und ermöglichen erhebliche Einsparungen.

Standardlastprofile (SLP) bilden in den Versorgungsgebieten von synthetisch bilanzierenden Netzbetreibern die Grundlage, auf der die Stromvertriebe das Abnahmeverhalten ihrer Kunden ermitteln. Da es sich bei den SLP jedoch nur um eine grobe Näherung des tatsächlichen Strombedarfes der Haushalte oder Gewerbetreibenden handelt, weicht deren tatsächlicher Verbrauch oft vom SLP ab.

Diese als „Differenzzeitreihe“ bezeichnete Abweichung ist gemäß § 12 StromNZV durch den örtlichen Verteilnetzbetreiber (VNB) am Markt durch Kauf beziehungsweise Verkauf der Differenzen auszugleichen. Dies erfolgt in der Regel durch die Glattstellung einer sogenannten „Differenzenergieprognose“ am Day-Ahead-Spotmarkt über den entsprechenden Handelsbilanzkreis. Wurde die Differenzenergie dabei nicht hinreichend genau eingeschätzt, erfolgt der Bilanzausgleich über die Ausgleichsenergie. Deren Preis (regelzonenübergreifender Bilanzausgleichsenergiepreis = reBAP) wird für jede Viertelstunde des Monats ermittelt und errechnet sich im Wesentlichen aus der eingesetzten Regelenergie und den Regelenergiekosten über alle Regelzonen. Da der reBAP sowohl negativ als auch positiv sein kann, sind bei viertelstündlichen Über- oder Unterdeckungen (also Verkauf oder Kauf von Ausgleichsenergie) sowohl Kosten als auch Erlöse bei der Ausgleichsenergie möglich. „Preissprünge von mehreren hundert Euro pro MWh sind keine Seltenheit“, sagt Martin Germann, Fachbereichsleiter Portfoliomanagement bei den Stadtwerken Saarbrücken. De facto stellt diese Volatilität im Kontext der Differenzenergiebewirtschaftung ein sehr hohes wirtschaftliches Risiko für die Verteilnetzbetreiber dar und die Ausgleichsenergie verursacht in der Praxis vielfach hohe Kosten.

Die beste Lösung sei es daher, so Germann, dieses mit der Ausgleichsenergie einhergehende Preisrisiko weitestgehend zu minimieren. Der Schlüssel dazu liegt in der Qualität der Prognoseverfahren mit deren Hilfe der Netzbetreiber die Differenzenergieprognose erstellt. Mit den meisten in der Praxis üblichen Methoden, so Germann, könne man hier nur eine begrenzte Treffsicherheit erzielen. Er spricht aus Erfahrung: „Mit unseren eigenen 125.000 SLP-Zählpunkten hat uns die Reduktion der Kosten für die Differenzenergie selbst lange beschäftigt“, erinnert er sich.

Prognose als Dienstleistung

Vergleich der Prognosen und resultierende Einsparung. Foto: Stadtwerke Saarbrücken GmbH

Zwischenzeitlich hat man bei den Stadtwerken Saarbrücken eine eigene Lösung entwickelt, die deutlich bessere Grundlagen für die Bewirtschaftungsaufgaben liefert und in der saarländischen Landeshauptstadt schon länger erfolgreich angewendet wird. Das zugrundeliegende Verfahren, das ursprünglich dazu diente, den Einsatz der Saarbrücker Kraftwerke zu optimieren, wurde für die Prognose der Differenzzeitreihe weiterentwickelt und kann nach Angaben der Saarbrücker Stadtwerke Einsparungen von ein bis zwei Euro pro SLP-Zählpunkt im Jahr erzielen. Seit Ende 2016 wird die Differenzenergieprognose auch als Dienstleistung für andere Stadtwerke angeboten. Die Datenbasis liefern die historischen Differenzzeitreihen aus dem jeweiligen Netzgebiet sowie stündlich aufgelöste örtliche Wetterdaten eines Datendienstleisters. Aus diesen Informationen ermitteln die Stadtwerke Saarbrücken mithilfe mathematischer Modelle arbeitstäglich eine Prognose über die zu erwartende Über- oder Unterspeisung des zugehörigen Bilanzkreises. Diese Prognose wird über den bestehenden Marktzugang des Kunden am Day-Ahead-Spotmarkt gehandelt und führt so zu einem ausgeglichenen Differenzbilanzkreis. Das eingesetzte IT-Tool stammt vom Aachener Softwarehaus ProCom. „Durch die hohe Qualität der Voraussagen liegen die Prognosedaten sehr nahe an der tatsächlichen Differenzenergie, wodurch die resultierende Ausgleichsenergiemenge um bis zu 50 Prozent reduziert werden kann“, berichtet Martin Germann. Für ein mittleres Stadtwerk mit 60.000 SLP-Zählpunkten ergibt sich damit ein Einsparpotenzial von bis zu 120.000 Euro pro Jahr. Kunden bestätigen das: „Durch die Zusammenarbeit mit den Stadtwerken Saarbrücken ist es uns gelungen, die im Rahmen der DBA-Bewirtschaftung anfallende Ausgleichsenergiemenge um ca. 41 Prozent zu reduzieren“, sagt Dr. Manfred Reister, Technischer Leiter der Stadtwerke Waiblingen GmbH.

Um die Prognosen kontinuierlich zu verbessern, werden die Ergebnisse analysiert und die Methoden bei Bedarf weiter geschärft. „Wir lernen hier ständig dazu“, bekräftigt Martin Germann und nennt als Beispiel die Vorhersagen für die Weihnachtstage. „2016 waren wir mit den Ergebnissen nur mittelmäßig zufrieden und haben daher an unterschiedlichen Stellgrößen gedreht“, berichtet er. Schließlich habe man herausgefunden, wie man die Tage zwischen den Jahren korrekt zu bewerten habe, um zu validen Ergebnissen zu gelangen – mit Erfolg. „Unsere Prognosen von Weihnachten bis Sylvester 2017 war der Knaller“, so der Fachmann (siehe auch Grafik). Für wirklich scharfe Prognosen ist seiner Erfahrung zufolge eine individuelle Betrachtung in aller Regel unverzichtbar, denn Faktoren wie etwa die örtliche Einspeisung kleiner EEG-Anlagen oder auch Betriebsferien größerer Unternehmen im Netzgebiet beeinflussen die Struktur und Höhe der Differenzzeitreihe.

Vergütung nach Erfolg

An der Optimierung der Modelle haben die Saarbrücker keineswegs nur ein akademisches Interesse, denn die kontinuierliche Verbesserung ist gleichsam Teil des Geschäftsmodells. Die Vergütung ist nämlich an die finanzielle Ersparnis des Kunden gebunden, sprich: nur bei einem nachgewiesenen Mehrerlös des Kunden erhalten die Stadtwerke Saarbrücken ein Dienstleistungsentgelt. Neben den täglich aktualisierten Prognosedaten erhalten die Kunden dementsprechend auch ein monatliches Reporting über den durch die Prognose generierten Mehrwert. Der Beauftragung vorgeschaltet ist stets eine Potenzialanalyse, bei der die Lösung der Saarbrücker quasi gegen die Kundenlösung antritt. „Wir schauen uns ein gesamtes Jahr an und berechnen rückwirkend anhand der historischen Börsenpreise die Kostendifferenz, die mit unserer Lösung realisiert worden wäre“, erläutert Martin Germann. So wird schnell klar, ob sich die Dienstleitung für den Interessenten lohnt: „Jeder kann uns ohne Risiko testen.“ Fünf Kunden konnten in den vergangenen Monaten gewonnen werden, die Zusammenarbeit und die konkreten Ergebnisse werden laut Martin Germann auf ganzer Linie positiv bewertet. Für Karsten Trabert, Sachgebietsleiter Netznutzungsservice der Stadtwerke Wiesbaden Netz GmbH besticht insbesondere das erfolgsabhängige Geschaftsmodell: „Das rein auf dem finanziellen Mehrwert basierende Entgeltmodell der Stadtwerke Saarbrücken führt dazu, dass unser Dienstleister kontinuierlich an der Verbesserung der Differenzenergieprognose und damit an unserem gemeinsamen Erfolg, arbeitet.“ Für Martin Germann lohnt es sich für Netzbetreiber, nicht nur mit Blick auf den regulatorisch bedingten Kostendruck, über mögliche Einsparpotenziale nachzudenken – immerhin stehen die Unternehmen vor zahlreichen Zukunftsaufgaben, die mit etwas finanziellem Spielraum sicher leichter zu bewältigen sind.

Kontakt: Stadtwerke Saarbrücken GmbH, Martin Germann, 66117 Saarbrücken, Tel. +49 681 587-2341, martin.germann@sw-sb.de

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