Das Ende der Festungen?

Der neue offene Standard könnte IT-Trutzburgen abtragen und offene Märkte begünstigen. Foto: shutterstock (hazartaha)

Die Interessengemeinschaft Business Objects for Energy (BO4E) will einen neuen, einheitlichen Kommunikationsstandard entwickeln, von dem alle Marktteilnehmer profitieren sollen.

Jedes Energie-/Versorgungsunternehmen nutzt für seine innerbetrieblichen Vorgänge eine Vielzahl von Softwareapplikationen, die zudem in zahlreichen Prozessen miteinander kommunizieren müssen. Hierzu sind bis dato Schnittstellen erforderlich, die in der Regel individuell programmiert und implementiert werden müssen: ein personal-, zeit- und kostenaufwändiger Vorgang.

Einige Unternehmen sind inzwischen zu dem Ergebnis gekommen, dass die Kosten für die Schnittstellenentwicklung zu hoch sind. In diesen Fällen bleibt den Versorgern nichts anderes übrig, als Softwareprodukte eines oder weniger Hersteller zu wählen, die über ihren eigenen Kommunikationsstandard verfügen. Die Folgen solcher „Closed Shops“ sind, dass Energieversorger von bestimmten Softwareunternehmen abhängig werden – selbst wenn deren Anwendungen nicht zu hundert Prozent den Leistungsanforderungen entsprechen. Umgekehrt erschwert diese Situation vielen Softwarehäusern den Zugang zu neuen Kunden.

Business Objects for Energy

„Wer mit komplexen Daten besonders gekonnt umzugehen vermag, wird im Wettbewerb die Nase vorn haben.“ Peter Martin Schroer, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Geschäftsobjekte Energiewirtschaft e. V., Hückelhoven. Foto: Interessengemeinschaft Geschäftsobjekte Energiewirtschaft e.V.

Dieses Prinzip sucht die Interessengemeinschaft Geschäftsobjekte Energiewirtschaft zu durchbrechen. Vor dem Hintergrund einer rasant zunehmenden Digitalisierung in einer Industrie/Energie 4.0, in der reibungslose und schnelle Datenflüsse essenziell für den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens sind, will die Initiative die Voraussetzungen schaffen, dass Software-Applikationen frei gehandelt und eingesetzt werden können – unabhängig, von welchem Hersteller sie stammen.

Im Juli 2016 von elf Protagonisten – Softwarehäusern, Beratungs- und Dienstleistungsunternehmen aus der Energiewirtschaft – gegründet, ist die Interessengemeinschaft heute 15 Mitglieder stark. Die beteiligten Unternehmen haben sich die Entwicklung und Verbreitung einer neuen, laut dem Vorsitzenden Peter Martin Schroer, „revolutionären“ Norm in der Informationstechnologie zum Ziel gesetzt: ein Regelwerk in Form von Geschäftsobjekten für die Energiewirtschaft (Business Objects for Energy, BO4E). Diese Geschäftsobjekte für die Energiewirtschaft repräsentieren gewissermaßen einen einheitlichen Sprachkodex, nach dem Software-Applikationen für unterschiedlichste Anwendungen in einem Energieunternehmen agieren. „Damit verstehen sich die einzelnen Softwareprodukte auf Anhieb, brauchen keine verbindenden Schnittstellen mehr und tauschen Informationen sicher und reibungslos untereinander aus“, legt Peter Martin Schroer dar. Angesichts der unaufhaltsamen Digitalisierung der Branche und des Anwachsens von Big Data können die BO4Es somit dazu beitragen, dass ein Unternehmen seine Informationsflut wesentlich effizienter und intelligenter als bisher handhaben kann: Kommunikationsbarrieren zwischen den verschiedenen Software-Applikationen entfallen, Lösungen unterschiedlicher Hersteller können beliebig kombiniert werden. Es gibt keine Inkompatibilitäten oder Systemgrenzen mehr, kostenund zeitaufwändige Programmierarbeiten, wie sie bis dato für individuelle Schnittstellen gang und gäbe sind, werden überflüssig. Stattdessen gewinnen Anwender erhebliche Freiheitsgrade in Bezug auf die Gestaltung einer unternehmensinternen IT-Landschaft.

Neue Perspektiven bei der Softwarenutzung

„Wir wollen in der Datenkommunikation Grenzen sprengen, Silodenken auflösen und neue Horizonte öffnen“, bringt es der Vereinsvorsitzende auf den Punkt. Das soll den Energieversorgern ganz neue Perspektiven bei ihrer Softwarenutzung aufzeigen und das Marktgeschehen insgesamt auf die Anforderungen einer Industrie 4.0 respektive Energie 4.0 solide vorbereiten. „Wer mit komplexen Daten besonders gekonnt umzugehen vermag, wird im Wettbewerb die Nase vorn haben“, ist Schroer überzeugt. Er erwartet deshalb auch, dass schon bald Strom-, Gas-, Wasser-Versorger und weitere kommunale Dienstleister Mitglied bei der Interessengemeinschaft Geschäftsobjekte Energiewirtschaft werden, denn „diese profitieren von der BO4E-Idee am meisten.“ Doch auch die bisherigen Förderer, vornehmlich die Softwareunternehmen, erwarten von dem neuen Kommunikationsstandard große Vorteile: Statt sich immer wieder mit Schnittstellenproblematiken zu befassen, können sie sich voll und ganz auf ihr Kerngeschäft, die Programmierung der erforderlichen energiewirtschaftlichen Fachlichkeit, konzentrieren. Die Vermarktung von energiewirtschaftlichen Softwareapplikationen wird erleichtert, da jeder Abnehmer sicher sein kann, dass diese in seine bestehende Infrastruktur passen. Aus homogenen IT-Trutzburgen werden heterogene, offene Märkte, zu denen auch Nischenanbieter unter den Softwarehäusern Zugang finden.

Erste neun Geschäftsobjekte veröffentlicht

Der neue offene Standard könnte IT-Trutzburgen abtragen und offene Märkte begünstigen. Foto: shutterstock (hazartaha)

Um alle wichtigen innerbetrieblichen Bereiche in der Datenkommunikation abzudecken, ist die Entwicklung von Business Objects in einer höheren zweistelligen Größenordnung erforderlich: 80 oder 90 Standards werden zunächst reichen, schätzt die Interessengemeinschaft, um abteilungsübergreifende Datentransfers ohne Schnittstellen zu ermöglichen. Da der Energiemarkt dynamisch wächst, kann es, so die Experten, keinen absoluten Endwert der Geschäftsobjekte geben: „Schafft ein Versorgungsunternehmen zum Beispiel einen neuen smarten Service, induziert dies automatisch die Entwicklung weiterer Business Objects.“ Bis heute haben die Vereinsmitglieder insgesamt neun komplexe Geschäftsobjekte entwickelt – demnach rund 10 Prozent der gesetzten Erstmarke – und in einem ersten BO-Standardwerk veröffentlicht. Zu diesen Basis-BOs zählen Normen für anzulegende Datensätze wie beispielsweise für ein „Angebot“ oder einen „Marktteilnehmer“, für einen „Ansprechpartner“ oder eine „Marktlokation“.

Von der Vision zur Realität

„Nach eineinhalb Jahren der Planung, Organisation und Programmierung sind wir jetzt so weit, unseren Marktpartnern erste konkret ausgearbeitete Standardgerüste zur Verfügung stellen zu können“, freut sich der Vereinsvorsitzende Schroer: „Mit dieser Publizität, die wir nun stetig erweitern, werden Geschäftsobjekte für die Energiewirtschaft greifbar. Aus der Welt der Vorstellung gehen sie über in die Welt der Realität.“ Dass die Entwicklung der weiteren Business Objects nun zügiger voranschreiten wird als in den Monaten nach Vereinsgründung, sehen die Mitglieder durch die Tatsache gesichert, dass Basisstrukturen in Form von leistungsfähigen Arbeitsgruppen gebildet wurden. Weitere Arbeitsgruppen kommen hinzu und werden sämtlich an der BO-Entwicklung intensiv mitwirken. „Je mehr Mitglieder wir außerdem gewinnen, desto schneller kann sich unser Kommunikationsstandard entwickeln“, beschreibt Peter Martin Schroer ein Grundprinzip bei der Interessengemeinschaft: „Unsere Förderer sind ausnahmslos aktive Mitglieder, die für unser Ziel eigene Ressourcen zur Verfügung stellen. Wir freuen uns über jeden weiteren Interessenten, der hilft, die zukunftsfähige BO-Idee zu formen und umzusetzen.“

Kontakt: Interessengemeinschaft Geschäftsobjekte Energiewirtschaft e. V., Dipl.-Ing. Peter Martin Schroer, 41836 Hückelhoven, Tel. +49 2433 52601-0, schroer@bo4e.de, info@bo4e.de

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