Rollout ist nicht gleich Rollout

Florian Hartke ist Produktmanager bei der GWAdriga. Das Unternehmen bündelt als Gateway Administrator mehr als 3,4 Millionen Zählpunkte und etwa 550.000 iMsys. Foto: GWAdriga

Die gesetzlichen Vorgaben für den Rollout intelligenter Messsysteme (iMsys) sind für alle gleich. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten auch schon. Denn wie der Rollout tatsächlich gestaltet werden kann, hängt von einer Vielzahl von Einflussfaktoren ab. Wie sich diese auswirken können, haben wir von Florian Hartke, Produktmanager bei der GWAdriga aus Berlin erfahren.

50komma2: Was sollte ein Stadtwerk generell beachten, wenn es an den iMsys-Rollout geht?

Florian Hartke ist Produktmanager bei der GWAdriga. Das Unternehmen bündelt als Gateway Administrator mehr als 3,4 Millionen Zählpunkte und etwa 550.000 iMsys. Foto: GWAdriga

Florian Hartke: In jedem Fall ist es sehr empfehlenswert, den Rollout als eine unternehmensübergreifende Aufgabe zu begreifen und die Vorbereitungen entsprechend aufzusetzen. Denn die Liste der vom Rollout betroffenen Abteilungen ist lang: Dazu gehören Einkauf, Lager, Logistik, Prüfstelle/Testlabor für Messgeräte, Gateway und Kommunikationstechnik, Messwesen, Netzgesellschaft (VNB), IT-Abteilung, Ablesung, Abrechnung, Call-Center, Kundenzentrum sowie Unternehmenskommunikation (PR). Zudem spielt in diesem neuen Prozess die Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) eine ganz zentrale Rolle. Kryptografische Verfahren, verschlüsselte Verbindungen und verschiedene Übertragungstechnologien werden benötigt und lassen den Messwert fast zur Nebensache werden. Schon die Bestellung von iMsys setzt IKT-Know-how voraus. Auch zum Empfang und zur Verarbeitung der Messwerte werden neue Systeme benötigt. Das bedeutet: Der Rollout ist ein Prozess, bei dem die bestehenden Strukturen und Abläufe grundlegend verändert werden müssen. Und: Der Prozess muss vom Kunden her gedacht werden.

Was heißt das konkret?

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Netzbetreiber beim Messstellenbetrieb nicht nur von den Vertrieben starke Konkurrenz erfahren werden, sondern beispielsweise auch von den Wohnungs- und Immobiliengesellschaften. Denn der Kunde entscheidet, welchen MSB er wählt. Hier spielen Transparenz und Zuverlässigkeit eine Rolle, aber auch schnelle Reaktion auf Anfragen oder Beschwerden. Zudem müssen die Unternehmen schon bei der Planung überlegen, wo die Kunden sind, denen ich mit dem Messstellenbetrieb echte Mehrwerte bieten kann. Im ländlichen Bereich können das etwa Dörfer mit einem hohen PV-Anteil sein, in der Stadt Wohngebiete, in denen BHKW installiert sind und eventuell mit Mieterstromangeboten gekoppelt werden können. Auch das Netzgebiet muss genau angeschaut werden. Wo sind zum Beispiel regelbare Netzabschnitte, wo besteht Sanierungsbedarf oder wo wird das Thema Elektromobilität eine stärkere Rolle spielen? So können ganze Objekte oder vielleicht sogar Siedlungen auf einen Schlag integriert werden. Neben der Ersparnis der manuellen Ablesung werden auch viele andere Prozesse einfacher und schneller. Zudem bieten sich mehr Möglichkeiten für die Nutzung der neuen Technologie und der Daten. Es geht also nicht darum, lediglich den Pflichtanteil von iMsys auszurollen, sondern den Rollout im Sinne der Kunden zu gestalten und auch als Chance zu begreifen.

Dennoch gibt es hier doch eine Grenze. Und die nennt sich Preisobergrenze …

Die gibt es durchaus, und deswegen ist es sicherlich sinnvoll, erst einmal iterativ vorzugehen, Erfahrungen zu sammeln und auf dieser Basis das weitere Vorgehen zu planen. Wichtig ist auch zu schauen, wo es Synergieeffekte geben könnte. So muss man sich ja nicht auf Strom begrenzen, sondern kann von vornherein auch Gas, Wasser und Wärme einbeziehen – hier bewegt man sich außerhalb der POG. Damit können nicht nur die Prozesse oder Hardware eingespart werden. Auf Basis des Mehrsparten-Meterings lassen sich auch ganz neue Geschäftsfelder erschließen, nicht nur in Konkurrenz mit der Immobilienwirtschaft, sondern möglicherweise auch als Partner etwa für städtische Wohnungsgesellschaften. In Fragen der Wirtschaftlichkeit spielt aber sicherlich auch die Auswahl des richtigen Dienstleisters eine zentrale Rolle, etwa bei der Gateway- Administration, aber natürlich auch bei anderen Aufgaben.

Was gilt es hier zu beachten?

Hier spielen vor allem die gesetzlichen Standards in Bezug auf die Informationssicherheit und die daraus resultierenden Vorgaben eine große Rolle. Sie beginnen beim Einkauf der Gateways und gehen über deren Lagerung und die logistischen Prozesse bis hin zu Einbau und Betrieb. Einkaufsdienstleister müssen in der Lage sein, ihre Prozesse nahtlos mit denen des Messstellenbetreibers zu verbinden. Dazu gehört die Kommunikation des Bedarfs, der Austausch der korrekten Kommunikationsdaten mit dem Gateway-Administrator und die rechtzeitige Lieferung der Geräte. Denn die Zertifikate sind individuell und laufen ab. Kommt bei der Montage ein Dienstleister zum Zuge, obliegt ihm die gleiche Sorgfaltspflicht. Die Mitarbeiter des Montagedienstleisters müssen um die Bedeutung des Gateways als sicherheitsrelevantes Element wissen. Einkaufslogistik, Arbeitsvorbereitung und Montage sind eng aufeinander abzustimmen. So kann es sinnvoll sein, dass ein Monteur bereits vorgepairte Kombinationen aus SMGW und mME für einen bestimmten Einbauort erhält oder das Pairing vor Ort beim Kunden durchgeführt wird. Die Montage und Inbetriebnahme eines iMSys unterscheidet sich aufgrund der Sicherheitsarchitektur des Systems deutlich von einem klassischen Zählerwechsel. Entsprechend müssen die Mitarbeiter geschult und mit mobilen Workforce-Management-Systemen unterstützt werden. Bei einem Flächenversorger kann es auch interessant sein, den Monteur das Pairing live vor Ort verfolgen zu lassen oder bei städtisch geprägten Strukturen lediglich auf die TLS-Leuchte zu warten und bei eventuellen Fehlern einen „Clean-up-Trupp“ loszuschicken – die Prozesse sind hier jedenfalls grundlegend neu zu gestalten.

Eine ganz zentrale Rolle spielt ja die Gateway-Administration.

Die Gateway-Administration ist dabei der wahrscheinlich umfassendste und aufwändigste Prozess. Ein Gateway-Administrator muss eine Zertifizierung nach ISO 27001 in Verbindung mit der BSI TR-03109 vorweisen können. Das wesentliche Element der Zertifizierung ist das Informationssicherheits-Managementsystem (ISMS). Das ISMS beinhaltet ein sehr umfassendes Regel- und Prozesswerk, das Vorgaben von der Qualifikation der Mitarbeiter bis zur Beschaffenheit seiner Räumlichkeiten macht. Es umfasst zudem eine Leitlinie zur Informationssicherheit, ein Sicherheitskonzept, eine Risikobewertung und die Informationssicherheitsorganisation, die den organisatorischen Aufbau und vor allem alle Prozesse umfasst und definiert.

Ganz zentral ist ja nach wie vor bei vielen Unternehmen auch die Frage „Make or buy?“. Gibt es auf diese eine eindeutige Antwort?

Nein! In Deutschland wird aber kaum ein Unternehmen die Anforderungen des Gesetzes zur Digitalisierung der Energiewende vollständig aus sich heraus realisieren können. Alleine die IKT- und Sicherheitsanforderungen dürften die internen Kapazitäten und das Know-how der meisten Energieversorger überfordern. Darüber hinaus spielen beim Rollout auch wirtschaftliche Aspekte eine wichtige Rolle. Selbst wenn genügend interne Ressourcen zur Verfügung stehen, so muss der Aufwand für Know-how-Transfer, organisatorische und prozessuale Definitionen und die Einführung neuer IT-Systeme berücksichtigt werden. Der Einsatz externer Dienstleister kann kostengünstiger und unkomplizierter sein. Dieser kann temporär für den Rollout erfolgen, etwa bei den Montagekräften, oder dauerhaft das Geschäft unterstützen, zum Beispiel mithilfe eines operativen Gateway-Administrators. Diese komplexe und durch hohe Fixkosten geprägte Aufgabe unterliegt großen Skaleneffekten. Zudem steht dieser Prozess in keinem Kontakt zum Endkunden, kann also einfacher ausgelagert werden als Abläufe, die den direkten Kontakt mit dem Kunden betreffen.

Kontakt: GWAdriga GmbH & Co. KG, Florian Hartke, 10719 Berlin, Tel: +49 30 95 999 09 0, info@gwadriga.de

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