LEW und Viessmann: Privathaushalte als steuerbare Verbraucher

19.02.2020 – Ein Pilotprojekt der LEW Verteilnetz GmbH (LVN) und Viessmann ermöglicht Privathaushalten eine Einstufung als steuerbarer Verbraucher.

Foto: LEW AG

Verbraucher zu steuern wird für die Netzbetreiber zunehmend interessant. Durch eine punktuelle Reduzierung des Strombezugs aus dem öffentlichen Netz könnte man Verbrauchsspitzen gezielt kappen und so perspektivisch den Netzausbau in der Niederspannung minimieren. Mit § 14a des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) steht den Netzbetreibern sogar ein Instrument für solche Vorhaben zur Verfügung: Die Regelungen erlauben nämlich, Netzentgelte für Kunden zu reduzieren, die es dem Netzbetreiber gestatten, bestimmte Verbrauchseinrichtungen für einen begrenzten Zeitraum zu steuern. Bisher wird diese Bestimmung vor allem auf elektrische Heizsysteme wie Wärmepumpen und Nachtspeicherheizungen sowie auf Ladesäulen für Elektroautos angewendet. Beim regionalen Netzbetreiber LEW Verteilnetz GmbH (LVN) wollte man jedoch noch einen Schritt weiter gehen: „Wir wollten für die Zukunft alle Möglichkeiten erschließen, um die bestehende Infrastruktur so effizient wie nur möglich zu nutzen. Dazu gehört unserer Meinung nach auch, Batteriesysteme so zu nutzen, dass ein Haushalt ohne Komforteinbußen netzdienlich gesteuert werden kann“, sagt Dr. Georg Kerber, der bei LVN ein ehrgeiziges Pilotprojekt netztechnisch betreut hat. Gemeinsam mit dem Anbieter von Energielösungen Viessmann hat LVN unter Beweis gestellt, dass ein ganzer Privathaushalt so gesteuert werden kann, dass er für den Netzbetreiber als flexibler Verbraucher zur Verfügung steht. Die beiden Unternehmen stehen seit langem in gutem Kontakt und der Nutzen war auch für Viessmann offenkundig: „Wir haben die Steuerbarkeit nach EnWG bereits bei unseren Wärmepumpen umgesetzt“, berichtet Stefan Eitzenhöfer aus dem Innovationsmanagement. „Dieses Konzept auszuweiten, bietet für unsere Kunden echte Mehrwerte.“

BATTERIESPEICHER ÜBERBRÜCKT REDUZIERUNG

Ein geeigneter Pilothaushalt wurde gefunden, dort kommt ein Batteriespeicher von Viessmann zum Einsatz, der von einer bestehenden Photovoltaikanlage gespeist wird. Er versorgt den Haushalt mit Strom in den Zeiten, in denen der Netzbetreiber eine Reduzierung des Strombezugs aus dem Netz vorgibt. Das Signal wird über Fernsteuerung des Netzbetreibers empfangen, wie sie auch beim Leistungsmanagement bei EEG-Anlagen zum Einsatz kommt. Im Haushalt setzt ein Home Energy Management System (HEMS) die Absenkung des Strombezugs aus dem öffentlichen Netz um: Der Strombedarf des Haushalts wird dann entsprechend durch PV-Anlage und Batteriespeicher gedeckt. Gemäß den bestehenden Regelungen für Wärmepumpen wird der Bezug aus dem öffentlichen Stromnetz bis zu vier Mal täglich bis zu einer Dauer von jeweils maximal zwei Stunden gedrosselt. Die erste Feldphase des Projekts lief über einen Zeitraum von fünf Monaten.

„Gemeinsam mit Viessmann ist es uns nach einer Einschwingphase gelungen, in jedem Testlauf den Haushalt nach den vorgegebenen Signalen zu steuern. Das war unsere selbst gelegte Messlatte für eine erfolgreiche Umsetzung unseres Konzepts“, berichtet LVN-Projektleiter Ulrich Haselbeck.

Von steuerbaren Verbrauchseinrichtungen zum „steuerbaren Haus“ (Grafik: LEW AG)

REDUZIERTE NETZENTGELTE ALS ANREIZ

„Durch die Begrenzung kann die Leistungsspitze im Netz gezielt reduziert und damit verbrauchsbedingte Engpässe vermieden werden. So kann entweder mehr Verbraucherlast in ein bestehendes Netz integriert oder dieses bereits günstiger gebaut werden“, sagt Dr. Georg Kerber. Netzkunden profitieren im Gegenzug von einem deutlich reduzierten Netzentgelt. „Die Ersparnis liegt bei uns bei rund 4,5 Cent pro verbrauchter kWh“, berichtet der LVN-Netzexperte. Im Jahr könnten so für einen Haushalt durchaus um die 100 Euro zusammenkommen. Für ihn besticht die Steuerung nach § 14a auch durch ihre Einfachheit und Transparenz. „Sobald ein Haushalt die notwendige Technik und beim Netzbetreiber einen entsprechenden Vertrag hat, spart der Kunde automatisch“, erläutert er. Auch für den Netzbetreiber sei das Modell mit geringem Aufwand Verteilumzusetzen. Anders als bei zeitvariablen Tarifen müssen zum Beispiel keine aufwändigen Prognosen im Vorfeld durchgeführt werden. Speziell für das netzdienliche Laden von Elektroautos hält Dr. Kerber das Konzept für sehr zukunftsträchtig, denn große Teile des Netzgebiets der LVN in Bayerisch- Schwaben und Oberbayern befinden sich im ländlichen Raum, wo Elektrofahrzeuge künftig wohl bevorzugt an der heimischen Ladestelle „betankt“ werden.

MEHR STEUERBARE HÄUSER

Im LVN-Netzgebiet soll daher im laufenden Jahr die Regelung des § 14a EnWG, die bisher nur für konventionelle steuerbare Verbrauchseinrichtungen gilt, auf ganze Einfamilienhäuser ausgeweitet werden. „Leider sind entsprechende Verträge mit den Netzkunden bislang nur praktikabel, wenn der Anschlusskunde gleichzeitig Anschlussnutzer ist“, erläutert Dr. Kerber. Damit ist der Nutzerkreis bislang noch eingeschränkt. Eine Ausweitung des § 14a EnWG auf Mehrfamilienhäuser, Quartiere oder gewerbliche Immobilien wäre angesichts der Erfahrungen der LVN sicherlich ein sinnvolles Projekt. (pq)

www.lew.de

Share