Redispatch 2.0 – Gesamtsicht auf die Prozesse

13.07.2020 – Die neuen Regelungen zum Redispatch 2.0 erfordern gleichermaßen strategische Grundsatzentscheidungen wie operative Konzepte. Becker Büttner Held und die IVU GmbH erarbeiten dazu gemeinsame Beratungs- und Dienstleistungsangebote.

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Das Megaprojekt Redispatch 2.0 erfordert strategische Grundsatzentscheidungen sowie operative Konzepte zu gleichen Anteilen. Foto: maradon 333/Shutterstock.com

Mit den neuen Regelungen zum dezentralen Redispatch-Management (Redispatch 2.0) kommt auf die Verteilnetzbetreiber in Deutschland ein veritables Megaprojekt zu. Wo bislang vier Übertragungsnetzbetreiber bei Bedarf den Ausgleich von Netzengpässen mit rund 100 großen Kraftwerken organisierten, müssen künftig alle deutschen Verteilnetzbetreiber die Voraussetzungen schaffen für die kostenoptimale Regelung und den anschließenden Mengenausgleich von bundesweit über 100.000 dezentralen EE- und KWK-Anlagen sowie Speichern. Im Ernstfall müssen sie selbst regelnd eingreifen und wegfallende Einspeisemengen anderweitig beschaffen „Es ist davon auszugehen, dass die Netzbetreiber künftig selbst vorausschauende Analysen des Netzzustands durchführen müssen, um Engpässe zu erkennen und Gegenmaßnahmen zu bewerten“, sagt Julian Stenzel, Geschäftsführer der IVU Informationssysteme GmbH, die als Dienstleister aktuell 85 Netzbetreiber mit rund 2,2 Millionen Endkunden betreut.

Auch Netzbetreiber, die selbst keine Engpässe erwarten, sind verpflichtet, dem vorgelagerten Netzbetreiber Einspeiseprognosen und Redispatch-Potenziale zu übermitteln. Neben den skizzierten leittechnischen Aufgaben fällt dem VNB künftig auch die Verantwortung für den bilanziellen und finanziellen Ausgleich sowie die Abrechnungsprozesse mit den Marktakteuren zu. Nur letzteres ist bislang aus dem EEG-Einspeisemanagement teilweise bekannt, ersteres ist neu. Auch Netzbetreiber mit weniger als 100.000 Netzkunden müssen künftig einen Redispatch-Bilanzkreis führen.

Vierte Marktrolle: Umfangreiche Datensätze integrieren und automatisieren

„Für die Umsetzung müssen künftig also umfangreiche Daten aus dem eigenen und den benachbarten Netzen integriert und automatisiert verarbeitet werden – bis hin zu kurzfristigen Werten“, führt Stenzel weiter aus. Es gelte, die Kommunikation zwischen den beteiligten Netzbetreibern, Einsatzverantwortlichen und Bilanzkreisverantwortlichen zu automatisieren. Die genauen Anforderungen und Prozesse befinden sich aktuell noch in der Entwicklung, sicher ist jedoch, dass umfangreiche Anpassungen in den IT-Systemen der Netzbetreiber anstehen. Betroffen sind insbesondere die Leitsysteme, die Bilanzierung und die Marktkommunikation. Last but not least müssen die Konzepte zur Informationssicherheit auf die neuen Prozesse angepasst werden. „Es wird quasi eine weitere, virtuelle Marktrolle eingeführt“, so das Fazit des IVU-Geschäftsführers.

Dementsprechend sind auch die rechtlichen Fragestellungen, die mit der Umsetzung des Redispatch 2.0 verbunden sind, vielfältig und komplex. Dr. Thies Christian Hartmann, Partner bei der auf energierechtliche Themen spezialisierten Kanzlei Becker Büttner Held, betont: „Konkret geht es hier zum Beispiel um die Ausgestaltung von Vertragswerken zwischen den beteiligten Marktpartnern, bei denen die Pflichten und Haftungen genau auszutarieren sind.“ Zudem rechnet der Fachjurist mit möglichen Konfliktfällen, etwa zwischen Bundesnetzagentur und Netzbetreibern oder Netz- und Anlagenbetreibern. Diese gelte es, möglichst im Vorfeld zu vermeiden oder frühzeitig zu klären.

Aktuell sind die Verbände und die Bundesnetzagentur mit der konkreten Ausgestaltung der Rahmenbedingungen beschäftigt, im Netzbetreiberprojekt Connect+ werden zeitgleich einheitliche Lösungen für den Datenaustausch entwickelt. „BBH beobachtet und begleitet diese Prozesse sehr genau und bereitet die erforderlichen rechtlichen Instrumentarien vor“, berichtet Dr. Hartmann.

Redispatch 2.0 Gesetzliche Anforderungen BBH
Die rechtlichen Fragestellungen bei der Umsetzung des Redispatch 2.0 sind vielfältig und komplex. Grafik: Becker Büttner Held Rechtsanwälte Wirtschaftsprüfer Steuerberater PartGmbB

Aufstellung planen

Doch was genau bedeutet Redispatch 2.0 für den einzelnen Netzbetreiber und mit welchem Aufwand muss ein Unternehmen rechnen? Diese Frage ist, so Julian Stenzel, pauschal nicht zu beantworten: „Wir haben bei den Netzbetreibern ganz unterschiedliche strategische und technische Ansätze, was den Netz- und Leitstellenbetrieb angeht“, erläutert der IVU-Geschäftsführer. Die gelte es, vor dem Hintergrund der neuen Anforderungen zu evaluieren. Patentrezepte gäbe es nicht. „Größere Unternehmen würden die neuen Prozesse wohl komplett eigenständig abbilden müssen und könnten eventuell auch als Dienstleister in diesem Bereich agieren“, sagt Stenzel.

Viele der Aufgaben könnten aber auch von kleineren Netzbetreibern übernommen werden. Jedes Unternehmen müsse sich überlegen, welchen Stellenwert die Prozesse im Netzstellenbetrieb in der eigenen Wertschöpfungskette haben.

„Wer sich hier im Sinne der Daseinsvorsorge in der Pflicht sieht, seine Verteilnetze in eigener Verantwortung und mit eigenen Mitteln zu betreiben, sollte sich auch mit dem Thema Redispatch 2.0 intensiv beschäftigen.“
Julian Stenzel, Geschäftsführer der IVU Informationssysteme GmbH

Individuelle Konzepte für Redispatch-Management

Die beiden Unternehmen haben sich zum Ziel gesetzt, gemeinsame Lösungen und Dienstleistungen zu entwickeln, die jedem betroffenen Netzbetreiber einen effektiven und rechtssicheren Einstieg in das neue Redispatch-Management ermöglichen.

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Die neuen Prozesse müssen sowohl in den IT-Systemen als auch im Vertragswesen abgebildet werden. Foto: FabrikaSimf/Shutterstock.com

So plant die IVU Informationssysteme, die notwendigen Prozesse über eine integrierte Softwareplattform abzubilden, die der Netzbetreiber nach seinen individuellen Erfordernissen nutzen kann. „Dabei arbeiten wir insbesondere mit unserem langjährigen Partner Wilken eng zusammen“, ergänzt Julian Stenzel. Auch BBH ist auf die unterschiedlichen Anforderungen der einzelnen Netzbetreiber eingestellt. Dr. Thies Christian Hartmann: „Da die einzelnen Unternehmen sehr unterschiedlich aufgestellt sind, wird auch der Bedarf an begleitender Beratung und Projektleitung, Musterdokumenten und Dienstleistungsmodellen sehr individuell ausfallen.“

Früher Einstieg

Da viele Spezifikationen seitens der Verbände, Behörden und technischen Gremien gerade erst festgelegt werden, zögern viele Netzbetreiber, das Thema anzugehen. Beide Fachleute raten jedoch, das Projekt „Redispatch 2.0“ nicht allzu sehr auf die lange Bank zu schieben. „Die Grundsatzentscheidungen auf der Management-Ebene sollten jetzt fallen“, rät Julian Stenzel, denn daraus leite sich die Ausgestaltung der operativen Prozesse ab. „Der Zeitplan bis zur Finalisierung der Vorgaben reicht bis ins nächste Jahr. Bis dahin sollte jeder Netzbetreiber wissen, wo er hin will, denn ab dem 01.10.2021 müssen die Prozesse verpflichtend umgesetzt werden“, so der IVU-Geschäftsführer. Der Jurist Dr. Hartmann verweist auf einen weiteren wichtigen Grund, frühzeitig mit den Planungen zu beginnen: „Gesetzlich garantiert ist nur der Ersatz derjenigen Umsetzungskosten, die bis zu diesem Stichtag entstehen.“ Beide Unternehmen sehen sich gut aufgestellt, die Netzbetreiber bei den notwendigen Schritten zu begleiten. (pq)

IVU Informationssysteme GmbH
Julian Stenzel
jstenzel@ivugmbh.de
www.ivugmbh.de

Becker Büttner Held
Dr. Thies Christian Hartmann
thies.hartmann@bbh-online.de
www.beckerbuettnerheld.de

 

Erfahren Sie mehr zum Schwerpunkt Redispatch 2.0 in den folgenden Beiträgen:

Redispatch 2.0 – Regeln in der Fläche
Netzberechnung 2.0
Auf dem Weg zum digitalen Verteilnetz

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