Studie: Nutzerakzeptanz für Smart Charging

10.12.2020 – Das Beratungshaus UScale GmbH hat die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Vermarktung von Technologien und Tarifen für gesteuertes Laden untersucht.

Hersteller von Ladetechnik, Software und Elektroautos arbeiten intensiv an technischen Lösungen, mit denen eine möglichst gleichmäßige Auslastung der Netze erzielt werden kann. Das Stichwort dazu lautet Smart Charging – ein Begriff, der noch unscharf verwendet wird und eine ganze Reihe verschiedener Ansätze umfasst. Viele sehen in Smart Charging sogar eine wesentliche Voraussetzung für einen erfolgreichen Hochlauf der Elektromobilität (Sektorkopplung). „Im ersten Schritt denken die meisten Anbieter an die zeitliche Verschiebung von Ladevorgängen, um Spitzenlasten zu reduzieren und die Auslastung des Netzanschlusses zu optimieren – das sogenannte netzdienliche Laden“, erläutert Dr. Axel Sprenger, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens UScale GmbH. „Beim bidirektionalen Laden soll das zeitliche Lastmanagement durch eine Rückspeisung ergänzt werden.“ Die Fahrzeugbatterie nimmt dabei in Schwachlastzeiten Strom auf und gibt ihn bei Bedarf wieder ab – entweder lokal begrenzt in ein Haus oder einen Betrieb (Vehicle-To-Home = V2H) oder in das lokale Netz (Vehicle-To-Grid = V2G). Weitere Aspekte des Smart Chargings beziehen sich auf die Beeinflussung von Ladeparametern zur Optimierung der Batterie.

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Bild: Shutterstock.com/Alexander Turovsky

Die Beratungsgesellschaft UScale GmbH hat sich auf die Frage der Nutzerakzeptanz von Innovationen spezialisiert. Ein besonderer Fokus liegt auf neuartigen Services im Umfeld der E-Mobilität. Axel Sprenger: „In der Diskussion um Smart Charging wird bislang die Position einer wichtigen Partei gerne vernachlässigt: Die der E-Auto-Fahrerinnen und -Fahrer.“ Diese Lücke wollte UScale schließen. In einer Befragung von 800 Besitzern von Elektrofahrzeugen hat das Unternehmen die Kundensicht auf die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Smart Charging-Lösungen untersucht. Ein Teil der Untersuchungen wurde vom Umweltministerium Baden-Württemberg im Rahmen des NukLiB-Projekts gefördert.

Unterschiedliche ausgeprägte Bereitschaft bei Elektromobilisten

In der UScale-Analyse wurde zunächst untersucht, wie es um die generelle Bereitschaft der Elektromobilisten bestellt ist, Smart Charging-Angebote zu nutzen. „Der Anteil der E-Fahrer mit dem Votum „auf jeden Fall“ bekundet belastbares Interesse“, erläutert Axel Sprenger die Ergebnisse. Das Interesse der zweiten Gruppe („eher ja“) sei nicht belastbar, die fraglichen E-Auto-Fahrer sind interessiert, aber aktuell nicht bereit für die Nutzung von Smart-Charging-Technologien.

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Abbildung: Antworten auf die Frage „Käme es für Sie generell in Frage, […] zu nutzen?“. Quelle: UScale GmbH
Grundsätzlich ist die Bereitschaft zur Nutzung nicht frei von Erwartungen, wie Axel Sprenger herausstellt. Abhängig von der jeweiligen Technologie werden in der Studie unterschiedliche Barrieren genannt, die von den Versorgern überwunden werden müssen, damit Nutzer zum Umsteigen bereit sind.

„Während sich für Netzbetreiber und Versorger große Vorteile ergeben, summieren sich auf dem Konto der Nutzer zahlreiche Nachteile.“ Nicht alle seien gleich schwerwiegend und jeder Nutzer gewichte sie unterschiedlich. Klar ist aber: „Sobald sich ein Elektroautofahrer näher mit Smart Charging beschäftigt, entstehen viele Fragezeichen auf der Stirn der möglichen Nutzer.

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Abbildung: Vor- und Nachteile aus Sicht der Nutzer. Quelle: UScale GmbH

Als Beispiel nennt Dr. Sprenger erhebliche Investitionen in Smart Meter, intelligente Wallboxen und ein Elektroauto, das über die technologischen Voraussetzungen verfügt und zuverlässig mit der technischen Umgebung kommuniziert. „Ist das System installiert und in Betrieb genommen, müssen Elektroauto-Fahrer sich über ihr geplantes Mobilitätsverhalten Gedanken machen, sich festlegen und ihre Pläne dem System über eine App mitteilen“. Dabei könnten sie Flexibilität und im Falle einer kurzfristigen Änderung oder technischen Problemen im schlimmsten Fall ihre Mobilität einbüßen. “Auch wenn es bei richtiger Parametrisierung unwahrscheinlich ist, so sorgen sich E-Auto-Fahrer auch davor, mit dem bidirektionalen Laden die Lebensdauer ihres Akkus, der teuersten Komponente des Fahrzeugs, zu verringern oder die Garantiebestimmungen der Fahrzeughersteller zu verletzen“, führt der UScale-Geschäftsführer aus.

Vor- und Nachteile zwischen Versorger und Nutzer fair verteilen

Seiner Überzeugung nach muss Anbietern von Smart-Charging-Lösungen für eine erfolgreiche Umsetzung und Vermarktung klar sein, dass die Vor- und Nachteile zwischen Versorger und Nutzer fair verteilt werden müssen. Aber wie groß müssen die Vorteile für den E-Auto-Fahrer sein, damit er die Technik akzeptiert und auch nutzt? Welche Nachteile und welche Vorteile sind am Ende ausschlaggebend für seine Entscheidung? Welche Nachteile können vernachlässigt werden und welche müssen aus dem Weg geräumt werden? Welche finanziellen Vorteile wünschen sich die Nutzer?

Axel Sprenger verweist hier auf die Verhaltensökonomie. „Eine Theorie besagt, dass Konsumenten ein neues Angebot aus der Perspektive desjenigen Produkts oder der Lösung betrachten, dass sie aktuell nutzen.“ Entscheidet sich der Nutzer also für eine neue Lösung, kann er dadurch eventuell einen Nachteil seiner bisherigen Lösung ausgleichen. Gleichzeitig geht jede Verhaltensänderung mit Nachteilen einher und sei es nur, dass er sich an eine neue App gewöhnen muss. Viele mögliche Nachteile kann er im Moment der Entscheidung nicht abschließend einschätzen, wie zum Beispiel die Zuverlässigkeit einer neuen Technologie. Er trifft deshalb eine Annahme auf Basis bisheriger Erfahrungen aus ähnlichen Bereichen. Aus Kundensicht ergibt sich somit die folgende Gleichung:

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Abbildung: Innovationen lösen einen Pain Point, erzeugen aber immer auch neue Probleme. Quelle: UScale GmbH

„Nutzer wägen die Vorteile und neuen Nachteile unterbewusst ab und treffen in der Regel schnell eine Entscheidung“, weiß Axel Sprenger. Ausschlaggebend sei dabei nicht die Höhe der Vorteile, der gelösten Pain Points, sondern das Verhältnis aus Vorteilen (GAIN) und Nachteilen (NEUER PAIN).

Damit Smart Charging also vom Nutzer akzeptiert und im Markt erfolgreich werden kann, muss der GAIN aus Nutzersicht also deutlich größer sein, als der NEUE PAIN:

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Abbildung: Damit Innovationen wirtschaftlich erfolgreich werden, müssen die Vorteile deutlich größer sein, als die Nachteile, die die neue Lösung mit sich bringt. Quelle: UScale GmbH

Max Mustermann hat andere Erwartungen als der Early Adopter

Auch zeigt die Studie, dass sich je nach Nutzergruppe – abhängig vom persönlichen Ladeverhalten und anderen Faktoren – unterschiedliche Erwartungen ergeben. Während der eine besonders motiviert ist, wenn eine Smart-Charging-Lösung mit Ökostrom kombiniert wird, erwarten andere spürbare finanzielle Vorteile. Die Tücke steckt auch hier im Detail.

„Die aktuellen E-Auto-Fahrerinnen und -Fahrer gehören zum Segment der Innovatoren und Early Adopter“, führt Axel Sprenger aus. „Sie fahren ein Elektroauto, weil sie von der E-Mobilität als System überzeugt sind. Ihre Hauptmotive sind das lokal emissionsfreie Fahren, also ökologische Gründe. Sie sind überzeugt von der Notwendigkeit der Dekarbonisierung, dem Sinn der Energiewende und der Sektorkopplung. Ihnen leuchtet die Bedeutung des Smart Chargings ohne weitere Erklärungen ein und sie leisten gerne ihren Beitrag, wenn die Vergütung stimmt.“

Zukünftige Kundengruppen, die Max Mustermänner, hätten voraussichtlich auch keine Einwände gegen die Sektorkopplung. Der Sinn der Energiewende allein motiviere sie aber kaum. Als Ausgleich für die Nachteile erwarten sie eine höhere Kompensation durch die Energieversorger als die Early Adopter. Ob der Versorger dann höhere finanzielle Anreize oder andere Vorteile bieten muss, wird sich zeigen. Klar ist, dass die Hürde für die Akzeptanz und damit die Nutzungsbereitschaft höher liegen wird als heute.

Hausaufgaben für die Technologieentwickler und Marketing

Dr. Axel Sprenger: „So attraktiv und einleuchtend Smart Charging für die Versorgungswirtschaft ist – man wird Verbraucher nicht zwingen können, mitzumachen.“ Die Branche müsse sich also frühzeitig mit den Nutzungsmotiven und -barrieren der Verbraucher auseinandersetzen, um nicht nur technisch überzeugende, sondern nutzerseitig akzeptierte und damit wirtschaftlich erfolgreiche Lösungen zu entwickeln.

Dabei müssen Technik, Service, Marketing und Vertrieb Hand in Hand arbeiten: Die Technik muss die Probleme aus Nutzersicht lösen. Marketing und Vertrieb müssen glaubwürdig vermitteln, dass Probleme gelöst werden und das Angebot in ein attraktives Preismodell gießen. Für die erwarteten Probleme muss ein kompetenter Service zur Verfügung stehen.

Gelingt es den Anbietern, Vor- und Nachteile ins richtige Verhältnis zu bringen, sparen sie sich viel Zeit und Geld durch Fokussierung auf die aussichtsreichsten Lösungen und die Vermeidung von Fehlinvestitionen. Je höher die Akzeptanz bei der Zielgruppe, desto schneller gelingt die Diffusion der Angebote, desto höher der Beitrag des Smart Chargings zur Energiewende und der Wirtschaftlichkeit der Anbieter. (pq)

www.uscale.digital

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