Einer ist immer der Messstellenbetreiber

04.05.2021 – Beim Smart Meter Rollout haben die Ausführenden kein gutes Standing. Sie sind Ansprechpartner für eine Sache, bei der Sinn und Zielsetzung nicht oder nicht mehr klar erkennbar sind. Der Beschluss zum Aussetzen des Einbaus von intelligenten Messsystemen zeigt dies einmal mehr. Eine Glosse von Norbert Jungjohann, Geschäftsführer der Stadtwerke Husum Netz GmbH.

Smart Meter Rollout, moderne Messeinrichtungen und intelligente Messsysteme, das klingt so clever, so innovativ, als ginge eine Welle der Neuerung durchs Land. Als würden auserwählte Superhelden der Marvel-Comicwelt den Weg bereiten für die große Innovation und deren Verkünder, eine Art Walk of Fame für Messstellenbetreiber. So schön dieser Traum ist, so fern ist er der Realität. Wie hat das noch mal alles angefangen? Mit dem Aufschlag der EU 2006, der Wettbewerb im Messstellenbetrieb forcierte. Danach haben sich deutsche Institutionen eher damit hervorgetan, die Geschwindigkeit herauszunehmen und zu bremsen. Immerhin schon zwei Jahre später beschloss auch die Bundesregierung den Wettbewerb im Messwesen in Deutschland.

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Norbert Jungjohann, Geschäftsführer der Stadtwerke Husum Netz GmbH. Foto: Husum Netz GmbH

Nachdem dann 2009 die EU-weite Einführung intelligenter Messsysteme entschieden wurde, brauchte der Bund ganze sieben Jahre, um den formalen Start in Deutschland zu verkünden. Und in welcher Form? Na klar – in einem Gesetz. Das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende war in der Welt. Es beinhaltet auch das Messstellenbetriebsgesetz. Nur zur Klarstellung: Das war 2016! Fest stand damals nur: Bis zum Jahr 2032 muss jeder Stromzähler digital sein, die Bundesnetzagentur überwacht das Erreichen von Einbauzahlen. Haushalte mit einem Verbrauch unter 6.000 Kilowatt-stunden erhalten eine moderne Messeinrichtung, die darüber ein intelligentes Messsystem. Auch für Anlagen, die erneuerbare Energien in die Netze einspeisen, gab es Abgrenzungen über Leistungswerte.

Die Diskussionen folgten auf dem Fuß. Verbraucher- und Datenschützer stellten die Datensicherheit infrage. Berechtigte Überlegung: Was, wenn jemand das System hackt, die Daten manipuliert, einem Unternehmen schaden will? Klingt absurd. Doch bei näherem Überlegen – in manchen Fällen wie dem Sichtbarmachen des Verbrauchsverhaltens oder bei steuernden Eingriffen – muss man es sicherlich berücksichtigen. Für die Übertragung von monatlichen oder jährlichen Zählwerten aber eher nicht. Deshalb hätte der Umgang mit schützenswerten Daten viel differenzierter betrachtet werden müssen! Dann das Warten auf die Markterklärung. Wir erinnern uns: Drei vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik zugelassene Geräte unterschiedlicher Hersteller mussten es sein, damit der Rollout intelligenter Messsysteme starten konnte. Wann war es so weit? Im Februar 2020! Mehr als drei Jahre nach Erlass des Messstellenbetriebsgesetzes und damit fast elf Jahre nach dem EU-weiten Beschluss. Und jetzt geht es weiter: Gerade wurde einem Eilantrag vor dem Oberverwaltungsgericht Münster stattgegeben und die BSI- Markterklärung für das klagende Unternehmen ausgesetzt. 47 weitere Unternehmen sind von der Pflicht befreit, intelligente Messsysteme einzubauen – zumindest bis zu einer Entscheidung im Hauptsacheverfahren. Und alle anderen dürfen weitermachen? Wo ist denn da der Sinn? Der Walk of Fame, dessen Fertigstellung ohnehin ständig ausgebremst wird, soll jetzt auch noch absichtlich Löcher im Asphalt bekommen?

Dann war da noch die Sache mit dem Kundennutzen. Moderne Messeinrichtungen registrieren Zählwerte, genau wie konventionelle. Nur sind elektronische Bauteile bei Weitem nicht so langlebig wie elektromechanische. Daten werden damit jedenfalls nicht automatisch übermittelt. Eine Übersicht über die Zustandsdaten angeschlossener Erzeugungs- und Speicheranlagen und die damit verknüpfte intelligente Netzsteuerung – um die es bei der Digitalisierung der Energiewende doch ursprünglich gehen sollte – ist bei diesen Geräten gar nicht möglich. Warum also der alternativlose Zwang zum Einsatz elektronischer Zähler? Eine weitere Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt: Kann der Messstellenbetreiber den turnusmäßigen Wechsel bei den kürzeren Eichfristen überhaupt noch leisten? Selbst intelligente Messsysteme der ersten Stunde leisten nicht das, was sich die Visionäre von ihnen versprochen haben. Sie sind nur in reinen Verbrauchsanlagen, nicht in der Einspeisung einsetzbar. Die Anzahl möglicher Tarifanwendungsfälle ist eingeschränkt. Und das Steuern von Anlagen? Fehlanzeige! Perspektivwechsel in die Verbrauchersicht: Kein Mehrwert durch moderne Messeinrichtungen und eine stark gesicherte Übertragung von Zählwerten aus intelligenten Messsystemen, die kein Ablesen mehr erfordert, dafür kostet alles mehr. Logisch, oder? Und der Überbringer der schlechten Nachricht ist wer? Na klar, einer ist immer der Messstellenbetreiber.

Dabei wird es immer anspruchsvoller, ein Messstellenbetreiber zu sein. Heute gibt es grundzuständige und wettbewerbliche Messstellenbetreiber. Prozesse in der Logistik und der (Markt)-Kommunikation unterscheiden sich grundlegend für intelligente Messsysteme und konventionelle Messeinrichtungen. Daher kommen auch ganz eigenständige Module in der IT-Landschaft zum Einsatz. Da ist schon mal die Frage erlaubt: Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Vielleicht lässt sich das mit typisch deutscher Wesensart erklären. Befragt man Menschen aus anderen Ländern, bekommt man zur Antwort, dass die Deutschen wenig zuversichtlich seien. Regelverliebt seien sie auch. Und sie „zer“-diskutierten Dinge gern. Andere sagen: Was die Deutschen sich vorgenommen haben, ziehen sie durch, auch wenn es absurd erscheint. Betrachte ich den Smart Meter Rollout in Deutschland, finde ich viele dieser uns zugeschriebenen Eigenschaften wieder. Nach all den Diskussionen und ergänzten Auflagen fällt es immer schwerer, Maß und Ziel zu erkennen. Vielleicht hätte uns ein wenig mehr Pragmatik gutgetan. Fest steht jedenfalls: Mit dem Vorgehen, einen Zusatznutzen erst dann zu suchen, nachdem die Regeln für den Einsatz von intelligenten Zählern festgezurrt sind, wurde das Pferd von hinten aufgezäumt. Und da wir die Dinge mit der uns eigenen Geschwindigkeit nun schon mal so weit vorangebracht haben, hat es überhaupt keinen Sinn, sie jetzt noch aufzuhalten oder gar zurückzudrehen. Also, tun wir’s auf die deutsche Art. Ziehen wir es durch!

Husum Netz GmbH
Norbert Jungjohann
presse@husumnetz.de
www.husumnetz.de

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