Wartung und Service: Neue Anforderungen meistern

28.06.2021 – Wartung und Service stehen vor neuen Herausforderungen – nicht nur aufgrund der Veränderungen in unserem Versorgungssystem. Doch es gibt vielfältige Ansätze, um Abläufe zu modernisieren und Techniker fit für die neuen Netze zu machen. Mehr dazu in unserem Schwerpunkt.

Die Diskussion um die Versorgungssicherheit wird wieder intensiv geführt. Schwerpunktmäßig befassen sich aktuelle Studien und Statements allerdings mit den „großen Fragen“ der Energiewirtschaft: Werden regenerative Energien ausreichen, um den steigenden Strombedarf der Gesellschaft zu befriedigen? Wie gehen wir mit den räumlichen Distanzen zwischen Erzeugern und Verbrauchern, mit schwankender Einspeisung und neuen, unberechenbaren Lasten um?

Vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhalten die Menschen, Technologien und Prozessen, denen wir es verdanken, dass der Strom zuverlässig von A nach B fließt. Wir sind gewohnt, dass Störungen in der Stromversorgung praktisch nicht vorkommen – und falls doch, schnell behoben werden. Aktuell ist aber gar nicht so nicht sicher, ob das dauerhaft so bleibt.

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Bild: Michael Traitov / Shutterstock.com

Geänderte Rahmenbedingungen

Denn auch im Netzservice steigen die Anforderungen kontinuierlich: Eine steigende Zahl von Betriebsmitteln ist in die Jahre gekommen und muss intensiver gewartet respektive ausgetauscht werden. Dezentrale Einspeiser und neuartige Verbraucher beanspruchen zudem die Infrastruktur über alle Netzebenen hinweg deutlich stärker als der kontinuierliche Stromfluss aus den konventionellen Kraftwerken, so dass der Aufwand für Überwachung und Instandhaltung steigt.

Gleichzeitig werden die Aufgaben nicht nur umfangreicher, sondern auch deutlich komplizierter, denn der Monteur muss permanent mit einer beschleunigten technologischen Entwicklung Schritt halten: Neue Anlagen haben oft nicht mehr viel mit der vor Jahrzehnten verbauten Technik gemein. Im Zuge der Digitalisierung ist der Außendienst heute überdies für unterschiedlichste Mess-, Kommunikations- und Regeltechnik zuständig, muss Smart Meter Gateways in Betrieb nehmen, Controller überprüfen oder LoRaWAN-Sensoren positionieren.

Verstärkt wird diese Entwicklung durch neue Anlagen im öffentlichen Netz – von der Solaranlage auf dem Betriebsgebäude über Ladesäulen bis hin zu Netzspeichern. Zeitgleich nehmen die Personalkapazitäten in der Tendenz eher ab: Auch die Netzbetreiber haben immer größere Mühe, qualifiziertes Personal zu gewinnen und die demografische Entwicklung in der Belegschaft zumindest zu kompensieren. Der Fachkräftemangel ist auch hier ein drängendes Thema.

Effiziente Tools für Wartung und Service

Hierauf haben sich die Anbieter von Schutz-, Prüftechnik und Montagetechnik eingestellt: Das Angebot an multifunktionalen Geräten für Netzmonitoring und -service wächst ständig. Die hohe Integration, etwa von unterschiedlichen Prüffunktionen in einem Gerät, kann Arbeitsprozesse erheblich beschleunigen. Um den Einsatz weiter zu erleichtern, liegt ein besonderer Fokus der Gerätehersteller auf der einfachen, zeitsparenden Anwendung. Viele Tools sind inzwischen praktisch selbsterklärend beziehungsweise verfügen über eine intuitive Benutzerführung, so dass auch weniger routinierte Einsatzkräfte die notwendigen Arbeitsschritte sicher und fehlerfrei durchführen können.

Unter dieser Maßgabe werden auch Augmented beziehungsweise Virtual Reality (AR/VR) Tools für die Versorgungswirtschaft interessant, die nicht nur das Training sondern auch die Durchführung komplexer Wartungs- und Servicetätigkeiten erheblich vereinfachen können und inzwischen auch erschwinglich geworden sind.

Nachdem sich Workforce-Management-Systeme zunächst nur zögerlich im Netzbetrieb etablierten, steigt die Akzeptanz inzwischen spürbar an. Angeboten werden sowohl spezialisierte Tools – beispielweise für das Metering – als auch Allrounder für sämtliche Außendienstaufgaben.

Allen gemeinsam ist, dass sie in der Regel die gesamte Prozesskette von der Disposition bis zum Einsatzort abdecken. Eine komfortable Anbindung an die Backend-Systeme ist inzwischen Standard, zudem bieten die Lösungen vielfach praktische Zusatzfunktionen, wie etwa Fotodokumentation, Tourenoptimierung oder frei konfigurierbare Checklisten für die Monteure.

Datenbasierte Prozesse für effizientere Wartung

Insbesondere zahlt jedoch die Digitalisierung der Netze ganz wesentlich auch auf die Effizienz von Wartung und Service ein. Wo permanent Informationen gesammelt und im Einsatz lernender Systeme analysiert werden, müssen Mitarbeitende nur dann vor Ort sein, wenn es wirklich erforderlich ist.

Einer aktuellen McKinsey-Studie zufolge sinken durch konsequent umgesetzte Predictive Maintenance-Konzepte in der Industrie die Wartungskosten aufgrund von gesteigerter Anlagenverfügbarkeit und höherer Produktivität im Service um bis zu 30 Prozent – in der Energieversorgung dürften die Quoten ähnlich sein.

Viele neue Betriebsmittel bis hinunter zum Kabel bringen die entsprechende Ausstattung für die Datenerhebung und -auswertung bereits mit, für Bestandanlagen ergeben sich im Zuge des Auf- und Ausbaus von Mess- und Kommunikationstechnik im Versorgungsnetz interessante Synergien und Mehrwerte: So können einmal erhobene Messdaten heute problemlos für unterschiedliche Betriebsbereiche und Prozesse genutzt werden.

Zudem lassen sich vorhandenen Infrastrukturen problemlos für neue Anwendungsfälle in Wartung und Service ertüchtigen. IT-seitig erhalten die Verantwortlichen im Asset Management sowie der Instandhaltungshaltung Unterstützung durch zunehmend intelligente Plattformen, die neben Visualisierungs- und Alarmfunktionen dank künstlicher Intelligenz auch aktive Entscheidungsunterstützung oder Simulationen anbieten. Der „digitale Zwilling“ ist im Netzbetrieb angekommen.

Technik allein hilft nichts

Fraglos sind Investitionen notwendig und sollten – Stichwort Anreizregulierung – seitens des Gesetzgebers erleichtert werden. Eine funktionierende Stromversorgung ist nicht zum Nulltarif zu haben, ein Netzbetreiber muss auch seine Wartungs- und Serviceprozesse modernisieren können.

Doch auch in den Unternehmen muss umgedacht werden, denn ohne die Bereitschaft der Mitarbeiter, sich auf neue Technologien und Prozesse einzulassen oder diese sogar selbst aktiv voranzutreiben, nützen die besten Lösungen nichts. Mitarbeiter vor Ort müssen aktiv ermutigt werden, Erfahrungswissen und Ideen einzubringen und immer weiter zu lernen. Das geht nur, wenn Vorgesetze fragen und zuhören, und – wo es machbar ist – Verantwortung verteilen. Wenn das gelingt, wird die Arbeit effizienter und das Unternehmen gleichzeitig attraktiv für neue, qualifizierte Mitarbeiter. (pq)

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