Neue Wege zur Ladeinfrastruktur

01.07.2021 – Bei Privatunternehmen steigt das Interesse, Flotten zu elektrifizieren und eigene Lademöglichkeiten bereit­zustellen. Doch angesichts begrenzter Anschluss­kapazitäten sind neue Konzepte gefragt.

Rund 194.200 Elektroautos wurden 2020 in Deutschland neu zugelassen – dreimal so viele wie im Vorjahr und auch in absoluten Zahlen ein Rekord. Parallel schreitet der Ausbau der Lademöglichkeiten voran: Zum 1. April 2021 waren es laut Bundesnetzagentur 35.845 Normal- und 5.906 Schnellladepunkte. Diese Entwicklung wurde unter anderem durch Fördermöglichkeiten vorangetrieben, wie auch Dominik Fröhler, Geschäftsführer, BayWa r.e. Operation Services GmbH, bestätigt.

Sein Unternehmen bietet sämtliche technischen Dienstleistungen für Ladeinfrastruktur an und erhält derzeit zahlreiche Anfragen von Flottenbetreibern und Gewerbekunden. „Die aktuellen wirtschaftlichen Anreize motivieren viele Unternehmen, ihre Firmenflotten zu elektrifizieren und Lademöglichkeiten bereitzustellen“, erklärt er. Doch tatsächlich spielten auch Nachhaltigkeitsaspekte eine zunehmend wichtige Rolle bei der Abkehr der Firmen vom Verbrennungsmotor.

Ladeinfrastruktur BayWa re AG
BayWa r.e. nimmt bei Elektromobilitäts-Projekten die Rolle als Betreiber der Ladeinfrastruktur ein. Foto: BayWa r.e. AG

Verbesserte Ladeinfrastruktur kann Skepsis abbauen

Fröhler begrüßt diese Entwicklung. Nur eine verbesserte Ladeinfrastruktur, die auch Lademöglichkeiten am Arbeitsplatz, beim Einkaufen oder während des Kinobesuchs einschließt, könne letztendlich die Skepsis der Verbraucher im Bezug auf die Reichweiten abbauen und Vertrauen in die Technologie schaffen. Allerdings stoßen private Liegenschaftsbesitzer, die bereit sind, in Ladeinfrastruktur zu investieren, oft auf technische Hindernisse: „Die Kapazitäten der aktuell vorhandenen Netzanschlüsse reichen rein rechnerisch oft für die geplante Ladeinfrastruktur nicht aus.“

In der Konsequenz fordere der Netzbetreiber umfangreiche Ertüchtigungsmaßnahmen, die nicht selten Kosten im fünf- bis sechs­stelligen Bereich umfassen. Eine weitere Sorge der gewerblichen Kunden beträfe mögliche Lastspitzen bei vielen gleichzeitigen Ladevorgängen, die natürlich ebenfalls teuer zu Buche schlagen.

Ganzheitliche Konzepte für Elektromobilität

„Diese Kosten lassen sich in vielen Fällen vermeiden, wenn man das Thema Elektromobilität von Beginn an mit einem ganzheitlichen Ansatz betrachtet“, sagt Thiemo Schüler, E-Mobilitäts-Experte bei der BayWa r.e. Power Solutions GmbH. „Tatsächlich bieten sich für Flottenbetreiber und Gewerbeunternehmen zahlreiche Optionen, ihr Stromsystem gleichzeitig nachhaltig und fit für die Elektromobilität zu machen: PV-Anlagen auf dem Dach, dem Carport oder verfügbaren Freiflächen kombiniert mit Speichern, Energiemanagementsystem und Wallboxen oder Ladesäulen sind heute in unterschiedlichen Konzepten technisch umsetzbar.“

Auf genau solche Lösungen hat sich der Münchner Anbieter spezialisiert und unterstützt auch Stadtwerke bei der Umsetzung. Ein eindrucksvoller Demonstrator befindet sich am Münchner Hauptsitz von BayWa r.e. Hier errichtete das Unternehmen ein stationäres Batteriespeichersystem aus neuen und Second-life-Batterien sowie eine umfangreiche Ladeinfrastruktur mit Normal- und Schnellladern mit integriertem Energie- und Lastmanagement. Die verfügbare Ladeleistung liegt bei knapp 1 MW. Dreh- und Angelpunkt der Lösung ist der Batteriespeicher: „Bei diesem System, das sich übrigens individuell für praktisch jede Ausgangssituation konfigurieren lässt, wird die nicht verbrauchte Strommenge am Anschlusspunkt gespeichert. Diese steht dann als Ladeleistung zur Verfügung“, erläutert Schüler.

Energiemanagementsystem organisiert Verteilung der Anschlussleistung

Das integrierte Energiemanagementsystem organisiert die Ladevorgänge so, dass die verfügbare Anschlussleistung bestmöglich bzw. kundenspezifisch auf die vorhandenen Verbraucher verteilt wird. Eine Grundlage hierfür bilden hochgranulare Prognosen zum Ladeverhalten, die dem Batteriespeicher als „synthetische Lastgänge“ vorgegeben werden. „So wird die benötigte Ladeleistung zuverlässig bereitgestellt, gleichzeitig werden Lastspitzen und teure Ausbaumaßnahmen vermieden“, führt Thiemo Schüler aus. Mit diesem System, das bei Bedarf noch um PV-Komponenten ergänzt werden kann, sei es durchaus möglich, je nach Ladezeiten annähernd autarke Systeme zu betreiben und damit gleichzeitig einen Beitrag zur Stabilität des Verteilnetzes zu leisten.

Für Unternehmen mit höherem Energiebedarf bietet es sich an, die Ladeinfrastruktur als Komplettlösung inklusive Service zu beziehen. Dabei betreibt der Besitzer der Liegenschaft die Ladestationen nicht selbst, sondern stellt lediglich den Standort zur Verfügung, alles andere übernimmt der Technologie- und Service-Anbieter. BayWa r.e. nimmt dabei die Rolle des Betreibers ein, gleichermaßen wird jedoch das notwendige Investment durch den Kunden getätigt. (pq)

BayWa r.e. Power Solutions GmbH
Thiemo Schüler
powersolutions@baywa-re.com
www.baywa-re.com

Dominik Froehler_BayWa r.e.
Foto: BayWa r.e. AG

Nachgefragt bei Dominik Fröhler Geschäftsführer, BayWa r.e. Operation Services GmbH

Der Ausbau der Elektromobilität hat an Fahrt aufgenommen, aber das Ziel der Bundesregierung, bis 2030 zehn Millionen Elektrofahrzeuge auf die Straßen zu bringen, ist noch weit entfernt.

Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Die Politik hat schon viele gute Ansätze und Förderungen für die Verkehrswende in Deutschland geschaffen. Aber oft stehen Regulierungen im Weg, die das „Tun“ ausbremsen und den Wettbewerb und damit einhergehende Kostensenkungen zum Teil verhindern. Ein Beispiel ist das Thema Eichrecht oder die aktuell wieder diskutierte Pflicht, Ladesäulen mit Kartenlesegeräten auszustatten bzw. nachzurüsten.

Wie sehen Sie die dezentrale Erzeugung in diesem Zusammenhang?

Um den Umstieg auf E-Mobilität nachhaltig zu gestalten und die Sektorenkopplung zu beschleunigen, sollte der Eigenstromverbrauch aus erneuerbaren Energien – zum Beispiel über PV-Dachanlagen – mehr begünstigt und von Umlagen und Steuern befreit werden, sowohl bei privat als auch gewerblich genutztem PV-Strom. Gleichzeitig könnten Prosumer an den Gesamtkosten zur Finanzierung der Netzinfrastruktur und Bilanzkreisbewirtschaftung beteiligt werden, etwa mittels einer Infrastrukturabgabe.

Gibt es internationale Vorbilder?

Bei vielen Punkten kann Deutschland von anderen europäischen Ländern wie Schweden und den Niederlanden lernen, die das Thema E-Mobilität mit Dynamik und Pragmatik vorantreiben. Dort gibt es nicht nur Steuervorteile für E-Fahrzeuge – in Schweden bei der KFZ-Steuer und in den Niederlanden bei der Firmenfahrzeugbesteuerung – sondern teilweise schon Verbote für Verbrenner in bestimmten Regionen sowie ein beschlossenes Verbrenner-Verbot ab 2030. So ein Enddatum hilft natürlich bei der Kaufentscheidung und würde auch in Deutschland die Verkehrswende voranbringen. (pq)

Share