Energie neu denken

23.08.2021 – Der Umbau unserer Stromerzeugung ist dringend erforderlich – und geht nach wie vor nur langsam voran. Theoretisch ist der Wandel zu schaffen.

Der Report des Weltklimarats IPCC, der Anfang August der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, lässt wenig Raum für Interpretationen: Wenn wir nicht schnell handeln, wird es auf unserem Planeten schon bald relativ ungemütlich. Dass diese Entwicklung auch unsere nächste Umgebung betrifft, haben die vergangenen zwei Monate ebenfalls eindrücklich gezeigt: Starkregen und Waldbrände haben in ganz Europa Menschenleben gekostet, Eigentum und Infrastruktur zerstört. Die wirtschaftlichen Schäden gehen in die Milliarden.

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Quelle: ZSW, BDEW; Stand 04/2021

Auf dem Weg zur Begrenzung der Schäden spielt der Umbau der Energieversorgung eine zentrale Rolle: Ob der Kohleausstieg vorgezogen wird, entscheidet sich nach der Bundestagswahl. Sicher ist: Der Ausbau der Erneuerbaren und ihre Integration in die Netze ist eine der dringlichsten Aufgaben für die Energiewirtschaft – und die Politik, die hierfür einen geeigneten Rahmen schaffen muss.

CO2-Bilanz Energiewirtschaft
Im Jahr 2020 lagen die CO₂-Emissionen durch Stromerzeugung in Deutschland laut BDEW bei 118 Millionen Tonnen und sind damit im Vergleich zum Vorjahr um 16 Prozent gesunken. Erhebungen der Agora Energiewende zeigen allerdings, dass mit der wirtschaftlichen Erholung die Kraftwerke bereits im ersten Halbjahr 2021 den Vorjahreswert um 20 Millionen Tonnen CO₂ übertroffen haben.

Der Anteil Erneuerbarer Energien am Stromverbrauch im Jahr 2020 erreichte mit 46,2 Prozent einen neuen Höchstwert. Der Zuwachs im Vergleich zu 2019 betrug 12,3 Terawattstunden. Bis in zehn Jahren soll ein Zielwert von 65 (EEG 2021) beziehungsweise 70 Prozent (EU Green Deal) erreicht werden – prinzipiell ist das möglich.

Grüner Strom ist gefragt

Erfreulicherweise steigt die Nachfrage nach grünem Strom: Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag von E.ON nutzen 27,6 Prozent der Deutschen zuhause Ökostrom und fast jedes Stadtwerk hat zwischenzeitlich Grünstromprodukte im Portfolio. Auch bei den gewerblichen Kunden steigt die Nachfrage. Zudem wächst in allen Verbrauchssegmenten das Interesse an eigenen Erzeugungskapazitäten: Einer weiteren E.ON-Umfrage zufolge haben fast ein Viertel (23,4 Prozent) der Unternehmen bereits erneuerbare Energien auf dem Firmengelände installiert.

Produkte und Services für solche Projekte – von der privaten PV-Anlage über das Solar-Contracting für Gewerbetreibende bis hin zur Umsetzung von Bürgerwindparks – könnten mittelfristig ein überaus lukratives Geschäftsfeld für Stadtwerke und Netzbetreiber werden.

Die eigenen Investitionen der Versorger in den Ausbau der Erneuerbaren sind laut BDEW seit 2014 rückläufig, obwohl sich einige Akteure stark engagieren. So haben sich bei der RWE die Investitionen in neue Windkraft- und Solaranlagen sowie Batterieprojekte jetzt auf 1,8 Milliarden Euro verdoppelt, die aktuell im Bau befindlichen Projekte sollen 3,9 GW grünen Strom liefern. Die meisten Anlagen entstehen allerdings im Ausland.

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Quelle: ZSW, BDEW; Stand 04/2021

Doch auch beim „heimischen“ Ökostrom geht es langsam bergauf – beschafft beispielsweise durch Power Purchase Agreements (PPAs) mit den Betreibern ausgeförderter Anlagen. Auch innovative Ansätze wie etwa lokale Prosumer-Plattformen werden von einigen Versorgern erfolgreich erprobt. Aber wird der Ausbau der Erneuerbaren konsequent genug verfolgt?

Erholung bei der Windkraft?

Während weltweit die installierte Windkraft-Leistung ansteigt, gibt es in Deutschland erst wenig Anlass zu Optimismus: Insgesamt wurden laut Erhebungen der Deutsche WindGuard im ersten Halbjahr 2021 deutschlandweit 240 Windkraftanlagen mit 971 MW Leistung in Betrieb genommen. Das sind zwar 62 Prozent Wachstum gegenüber dem Vorjahreszeitraum, gleichzeitig gingen jedoch 140 MW durch Stilllegungen vom Netz. Zum Vergleich: Zwischen 2014 bis 2017 wurden rund 3,5 bis 5,5 GW pro Jahr zugebaut. Die Ausschreibung der Bundesnetzagentur für Windenergie an Land zum 1. Februar 2021 war erneut deutlich unterzeichnet: Bei einer ausgeschriebenen Menge von 1.500 MW wurden 91 Gebote mit einem Volumen von 718 MW eingereicht.

Windenergie Photovoltaik Ausbauziele
Quelle: © BMWi; Entwurf Wind-auf-See-Gesetz (WindSeeG); Entwurf Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) 2021

Um die im EEG 2021 festgelegten Ausbauziele für das Jahr 2022 zu erreichen, wäre, Experten zufolge, ein weiterer Netto-Zubau von gut 1,2 GW an Land notwendig, auf See müssten bis 2030 zusätzlich etwa 80 GW bereitgestellt werden. Diese Ziele sind nicht besonders ehrgeizig und berücksichtigen auch noch nicht den erwarteten erhöhten Strombedarf bis 2030. Ob sie erreichbar sind, muss dennoch als fraglich gelten: Unklare Flächenausweisungen, komplizierte Planungs- und Genehmigungsprozesse, Artenschutzkonflikte und regelmäßige gerichtliche Auseinandersetzungen behindern den Ausbau nach wie vor massiv. Im eilig beschlossenen Bundesklimaschutzgesetz sind zwar Erleichterungen für das Repowering vorgesehen, viele andere Probleme werden aber nicht angegangen, wie auch Lothar Schulze, Vorstandschef des Wirtschaftsverbands Windkraftwerke bemängelt. Zudem sei die Bundesregierung noch weit von ihrem Ziel, zwei Prozent der Landesfläche Deutschlands für Windanlagen zu reservieren, entfernt. „Derzeit sind 0,9 Prozent der Fläche dafür ausgewiesen, doch nur 0,5 Prozent mit modernen Anlagen nutzbar“, so Schulze.

Baden-Württemberg hat mit einer Vermarktungsoffensive zur Verpachtung von landeseigenen Flächen im Wald reagiert. „Im Rahmen der Vermarktungsoffensive wird ForstBW neue, für eine Windenergienutzung geeignete Flächen identifizieren, interessierten Projektierern anbieten und nach einem eigens ausgearbeiteten Bewertungssystem verpachten“, berichtet Forstminister Hauk und fordert ein „situationsangepasstes und schlankes“ Verfahren für die Verpachtung. Ein weiteres positives Signal: Bei der landwirtschaftlichen Rentenbank verdreifachten sich im ersten Halbjahr 2021 die Finanzierungen für Windkraftanlagen auf 291 Millionen Euro.

Strombedarf: Stromverbrauchs-Prognose 2030 angehoben
Das BMWi hat im Juli 2021 seine Stromverbrauchsprognose für 2030 gesteigert. Dabei bezog sich Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier auf eine Studie des Prognos-Instituts, das den Verbrauch auf 645 bis 665 TWh beziffert. Der BDEW gab sogar 700 TWh an. Bislang ging die Bundesregierung von einem Strombedarf von 580 TWh im Jahr 2030 aus. Als wesentlichen Grund für die Anpassung der Prognose nennt die Bundesregierung den beschleunigten Ausbau der Elektromobilität von bislang 10 Millionen auf nunmehr 14 Millionen Elektroautos im Jahr 2030 aus sowie den Anstieg der in Neu- und Bestandsgebäuden verbauten Wärmepumpen. Ein weiterer Grund für die Anpassung ist der angestrebte Markthochlauf für die Erzeugung von Wasserstoff: Bis 2030 sollen 19 statt 14 TWh Wasserstoff produziert werden.

Solarboom

Der Ausbau der Solaranlagen entwickelt sich dagegen gut: Laut dem Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) wurden ein Viertel mehr Solaranlagen auf deutschen Dächern installiert als im Vorjahr, genau 184.000, mit einer Leistung von rund 4,9 GW. Bei der letzten Ausschreibung zum 1. Juni 2021 über 510 MW wurden 242 Gebote mit einem Umfang von 1.130 MW eingereicht, sprich: die Branche ist bereit für einen beschleunigten Ausbau. Vor diesem Hintergrund wurden im Klimaschutzgesetz die Ausschreibungsmengen für Photovoltaikanlagen ab dem kommenden Jahr um 4,1 GW auf insgesamt sechs GW angehoben.

Gestärkt wird der Photovoltaik-Ausbau durch die Initiativen einiger Bundesländer zur Erschließung von Dachflächen, auch innovative Konzepte wie Agri-PV, schwimmende Solar-Anlagen oder Bürger-Beteiligungsmodelle für die Erschließung öffentlicher PV-Flächen befinden sich in der Erprobung. Der BDEW fordert allerdings, dass der Betrieb von PV-Anlagen entbürokratisiert und attraktiver werden müsse: Die Anlagenbetreiber sollten die Wahl haben, ob sie den Sonnenstrom selbst verbrauchen, an der Börse oder in der Strom-Community vermarkten.

So positiv diese Entwicklung ist – allein durch den Ausbau der Solarenergie ist die Energiewende in unseren Breiten nicht zu schaffen.

Und der Rest…

Und das ist nicht der einzige kritische Punkt, denn um aus der fluktuierenden Einspeisung eine zuverlässige „Stromautobahn“ zu machen, muss auch in den Netzen einiges geschehen: Neben dem Ausbau der Stromtrassen überall in Deutschland müssen die Verteilnetze transparent und die Stromflüsse steuerbar werden. Wir werden wirtschaftliche Stromspeicher, zuverlässige Kommunikationstechnik und dezentrale Prozesse, wie etwa Redispatch 2.0, Prosumer-Handel, Mieterstrom und Lastmanagement brauchen. Die Versorger und Netzbetreiber wissen, was zu tun ist, aber sie benötigen dringend die entsprechenden Handlungsspielräume.

Die Coronakrise hat gezeigt, dass die Politik schnell und entschlossen handeln kann, wenn es notwendig ist – und, wo wir besser werden können. Zur Bewältigung der Klimakrise müssen wir diese Erfahrungen nutzen. Die Stromerzeugung spielt dabei eine Schlüsselrolle, denn für ein klimaneutrales Deutschland und eine klimaneutrale Welt brauchen wir viel sauberen Strom. (pq)

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