Mehr Energie tanken

20.09.2021 – Der schleppende Ausbau der Ladeinfrastruktur hat den Markthochlauf der Elektromobilität bislang gehemmt. Nun will die Politik die Rahmenbedingungen verbessern. Die Branche hat viele innovative Konzepte, die jetzt ihren Weg in die Praxis suchen.

Ein Auto, mit dem man nicht zuverlässig mobil ist, lässt sich schwer verkaufen – da helfen auch großzügige Kaufprämien und aufwändige Werbekampagnen wenig. Genau das erleben wir bei den Elektrofahrzeugen: Obwohl zahlreiche Studien zeigen, dass viele private, öffentliche und gewerbliche Nutzer prinzipiell gerne bereit wären, auf emissionsarme Antriebe umzusteigen, nehmen die Zulassungszahlen bislang nur zögerlich zu: Aktuell fahren gerade einmal knapp 365.500 (von 48,25 Millionen) Pkw mit rein elektrischem Antrieb auf Deutschlands Straßen, ein Anteil von 1,2 Prozent. Bei den Neuzulassungen sind es immerhin 6,7 Prozent.

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Bild: iStock.com / peterschreiber.media

Wesentliche Hemmnisse sind zu geringe Reichweiten der meisten aktuell verfügbaren E-Fahrzeuge einerseits und das Fehlen von einfach verfügbaren Lademöglichkeiten. Momentan werden E-Fahrzeuge daher überwiegend von Nutzern gekauft, die relativ wenig fahren und vor allem: über Lademöglichkeiten zuhause oder am Arbeitsplatz verfügen. Hier findet – auch mangels Alternativen – zur Zeit die große Mehrheit der Ladevorgänge statt. Doch wie wird sich die Ladeinfrastruktur entwickeln?

Laden zuhause

Private Wallboxen können seit Ende 2020 mit je 900 Euro gefördert werden. Bis Juli 2021 wurden rund 620.000 Ladepunkte beantragt, die Nachfrage übersteigt laut BMVI „alle Erwartungen“. Doch ganz glatt läuft der Aufbau dieser Infrastruktur noch nicht. Je nach Netzanschluss ist die Installation teuer, manche Netzbetreiber lehnen sogar die Anschlussgenehmigung mit Verweis auf fehlende Netzreserven ab. Wird die Box genehmigt, beklagen die Käufer einer aktuellen Studie der UScale GmbH zufolge lange Wartezeiten für die Ladestation und die Handwerker. Nach der Installation hatte knapp ein Drittel der Nutzer Probleme beim Laden, mit dem Service-Partner ist nicht einmal die Hälfte zufrieden. Smarte Technologien wie etwa die Kopplung des Ladepunkts mit PV-Anlagen oder Speichern interessieren die Nutzer sehr, werden aber noch als wenig transparent wahrgenommen. Mit qualifizierten Beratungs- und Serviceangeboten könnten die Stadtwerke vermutlich bei den Kunden punkten und im besten Fall sogar das Netz entlasten.

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Mit Blick auf die Marktentwicklung der Elektromobilität könnte das Ladeinfrastrukturpotenzial In Gebäuden mit drei oder mehr Wohnungen demnächst nicht mehr ausreichen. Quelle: Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena)

Die Eigentümer und Verwalter größerer Wohnimmobilien stehen vor zusätzlichen Herausforderungen. Der Netzanschluss ist oft technisch aufwändig und gerade im städtischen Raum sind für vielfaches, zeitgleiches Laden oft keine ausreichenden Kapazitäten vorhanden. Vermutlich lassen sich die Wünsche der Mieter und die neuen Rechte von Wohnungseigentümern auf einen eigenen Ladepunkt vielfach nicht einlösen. Hier könnten Technologien greifen, die beispielsweise eine Leistungsbegrenzung am Netzanschluss mit einem intelligenten Lastmanagement kombinieren. Der passende rechtliche Rahmen existiert leider immer noch nicht. Eine Studie der dena kommt zu dem Ergebnis, dass 2030 in Gebäuden mit mehr als drei Wohnungen zwischen 0,6 und 1,1 Millionen Stellplätze fehlen werden.

Laden im Betrieb

Das BMVI unterstützt die Installation von Ladestationen für kommunale und gewerbliche Flotten bereits seit 2015 mit einem Gesamtvolumen von rund 551 Millionen Euro, rund 13.325 Ladepunkte wurden bereits gefördert. Das Problem auch hier: Je nach Netzgebiet werden Genehmigungen oft nur erteilt, wenn der Kunde zunächst auf eigene Rechnung umfangreiche Netzverstärkungsmaßnahmen beauftragt – und das können und wollen sich nur wenige Unternehmen leisten. Allerdings geht es auch anders: Netzbetreiber, die über digitale Informationen aus ihrem Ortsnetz verfügen und bereit sind, sich mit innovativen Energiemanagement-Lösungen auseinanderzusetzen, können hier den nötigen Service bieten. Die großen Versorger bringen gerade die ersten Standardlösungen für Gewerbekunden auf den Markt und auch manch ein kleines Stadtwerk hat sich mit Kreativität und Engagement schon als echter „Möglichmacher“ für Elektromobilität erwiesen.

Öffentliche Ladeinfrastruktur

Nach Angaben der Bundesnetzagentur waren zum Februar 2021 auf dem gesamten Bundesgebiet 33.811 öffentlich zugängliche Normal- und 5.630 Schnellladepunkte in Betrieb. Alle Experten sind sich einig, dass das bei weitem nicht ausreicht. Seit März 2021 fördert das BMVI daher im Rahmen der Offensive „Ladeinfrastruktur vor Ort“ zusätzlich öffentlich zugängliche Lademöglichkeiten an Supermärkten, Hotels, Restaurants, Schwimmbädern oder Sportplätzen mit rund 300 Millionen Euro. Bis zum 30. Juli gingen insgesamt 2.400 Anträge mit einem Zuwendungsvolumen von 130 Mio. Euro ein. Um hier weitere Synergien zu erschließen, stellt die Nationale Leitstelle Ladeinfrastruktur bereit, um Flächenanbieter und Investoren zusammenzubringen. Die Frage, ob oder unter welchen Bedingungen, die Ladesäulen dann ans Netz angeschlossen werden können, ist damit allerdings auch hier nicht geklärt.

Auf Basis des Schnellladegesetzes, das seit Juli 2021 in Kraft ist, startet demnächst die europaweite Ausschreibung von 1.000 Schnelllade-Standorten, die zusammen das „Deutschlandnetz“ bilden sollen. Insgesamt ist ein Volumen von rund 2 Milliarden Euro vorgesehen.

Ladeinfrastruktur: Was brauchen wir?

Doch wie viele und welche Ladestationen benötigt Deutschland? Die Nationale Leitstelle bietet das sogenannte StandortTOOL an, das anhand von Verkehrsnachfragemodellierung sowie unterschiedlichen regionalen, ökonomischen, sozialen und verkehrsbedingten Grundbedingungen erste lokale Prognosen ermöglicht. Aktuell werden in Fachkreisen vor allem die benötigten Ladeleistungen im öffentlichen Raum diskutiert, denn noch dominieren Normalladestationen die Ladeinfrastruktur abseits der Autobahnen. Aufgrund der langen Ladezeiten sind diese bei den E-Mobilisten nicht besonders beliebt – und eben auch lange besetzt.

Um allen, die unterwegs laden wollen oder müssen, diese Möglichkeit zu bieten, werden AC-Ladestationen allein also nicht ausreichen. Schnelllade-Hubs könnten Abhilfe schaffen – wenn sie zentral erreichbar sein sollen, werden sie aber auch in der Niederspannung benötigt.

Förderung allein reicht nicht

Viele Weichen sind bereits richtig gestellt, nun steht die Steuerung der Ladeinfrastruktur, diesseits und jenseits des Netzanschlusses ganz oben auf der Agenda. Denn ohne einen verbindlichen rechtlichen Rahmen zur Laststeuerung sind den Netzbetreibern enge Grenzen für den Anschluss neuer Ladepunkte gesetzt und vielerorts bereits erreicht. Die Technik ist vorhanden, die Mehrzahl der Kunden sieht kein Problem. Ausbaumaßnahmen für die Verteilnetze werden sich auch dann nicht überall vermeiden lassen und die Politik muss sich fragen, wer die Kosten dafür trägt. In einem Land auf dem Weg zur Klimaneutralität sollte das eine Gemeinschaftsaufgabe sein. Die neue Bundesregierung wird vor der Aufgabe stehen, das klar zu kommunizieren und die Lasten fair zu verteilen. (pq)

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