Schwierige Balance beim Redispatch 2.0

16.11.2021 – Die Umsetzung des neuen Engpassmanagements – Redispatch 2.0 – wurde (erneut) verschoben. Ein Grund, die Hände in den Schoß zu legen, ist das jedoch nicht. Die neuen Fristen stehen und Redispatch 2.0 ist sicher nicht das letzte Digitalisierungs­projekt, das die Branche bewältigen muss.

Wirklich überraschend kam sie nicht, die Übergangslösung, mit der der BDWE den „gesicherten Einstieg in den Redis­patch 2.0“ ermöglichen wollte. Bereits der ursprünglich anvisierte Termin im Oktober 2020 war auf Drängen der Branche verschoben worden und ab dem Spätsommer diese Jahres häuften sich kritische Stimmen bezüglich der neuen Umsetzungsfrist. So etwa seitens des edna Bundesverbands Energiemarkt und Kommunikation e.V., der bereits im Juli ein Stimmungsbild der Branche veröffentlichte: Redispatch 2.0 wurde von den Befragten dabei als Projekt mit der höchsten Relevanz genannt, aber auch als das Vorhaben gesehen, das den mit Abstand größten Aufwand verursachte. Rund zehn Prozent der Befragten gingen schon zum damaligen Zeitpunkt davon aus, nicht rechtzeitig starten zu können.

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Foto: Mr.Jakrapong phoaphom / shutterstock.com

Verhaltener Start bei Redispatch 2.0

Noch deutlichere Ergebnisse lieferte im September eine nicht repräsentative Marktbefragung der Horizonte Group, an der Netz- und Anlagenbetreiber, Lieferanten/Vertrieb, Systemhersteller und Dienstleister teilnahmen. Nur etwas mehr als die Hälfte der Befragten sah sich gut vorbereitet. Ende September teilte die Initiative connect+ dem 50,2 Magazin mit, das System RAIDA stehe heute schon allen Nutzern zum produktiven Redispatch-2.0 zur Verfügung. Über 700 Netzbetreiber, Einsatzverantwortliche und Lieferanten hätten sich für die Nutzung von RAIDA registriert. Etwa 250 dieser Prozessteilnehmer tauschten bereits produktiv Daten aus (Stand 21.9.2021). Die anspruchsvollere DA/RE-Plattform der TransnetBW, die neben dem reinen Datenaustausch auch die Koordination und Optimierung der Redispatch-Maßnahmen zwischen den einzelnen Netzgebieten übernehmen soll, meldete 25 Teilnehmer.

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Quelle: Nicht repräsentative Marktbefragung (16.9. – 24.9.21), www.horizonte.group

Fehler wiederholt?

Für die Verantwortlichen bei connect+ zeigt die Abweichung zwischen 700 registrierten und 250 aktiven Nutzern vor allem, „dass die komplexen RD 2.0-Daten- und Marktkommunikationsprozesse nicht ohne Weiteres umsetzbar sind“. Viele neue Prozessteilnehmer würden vor große Hürden gestellt.

Dieser Erklärung kann man folgen. So lagen Anfang Oktober, als der Regelbetrieb starten sollte, die letzten regulatorischen Vorgaben durch Festlegungsverfahren der Bundesnetzagentur als Grundlage für die Detailausgestaltung der Redispatch 2.0-Lösungskonzepte erst seit wenigen Wochen vor. Da wird es für Systemhersteller, Dienstleister und Anwender schon schwierig, termingerecht zu liefern, zu testen und zu starten. Das gilt insbesondere, da die einschlägigen IT-Häuser nicht über unbegrenzte freie Ressourcen verfügen. Auch Netzbetreiber und Stadtwerke hierzulande sind für die Einführung neuartiger, digitaler Prozesse über die Marktrollen hinweg oder das Vernetzen von unterschiedlichsten IT-/OT-Systemen und Anlagen meist nicht wirklich gut aufgestellt. Dass es trotzdem einige Netzbetreiber geschafft haben, zum 1. Oktober produktiv zu gehen, verdient größte Hochachtung.

Parallelen zum Smart Meter-Rollout?

Für Rüdiger Winkler, Geschäftsführer des edna Bundesverbands, erinnert die Historie von Redispatch 2.0 an den Smart Meter-Rollout – ebenfalls ein überaus intelligentes und sinnvolles Digitalisierungsprojekt der Energiewirtschaft, das aufgrund der ständig steigenden Komplexität, mangelnder Abstimmung respektive Einbindung der beteiligten Akteure und vielfältiger bürokratischer Hürden nur sehr verzögert in die Umsetzung kommt.

Gleichzeitig warnte Winkler schon im September davor, mit irgendwelchen unfertigen „Prototypen“ an den Start zu gehen, nur um Termine zu halten. Beim Smart Meter-Rollout gab es die Quittung für dieses Vorgehen vor dem OVG Münster. Im Falle von Redis­patch 2.0, wo es ja zumindest mittelfristig um Systemsicherheit geht, könnten die Folgen weitaus gravierender sein.

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Daten gemäß Allgemeiner Beschreibung der Übergangslösung vom BDEW

Andere Wege statt aktueller Redispatch 2.0-Plan?

Gäbe es Alternativen zum Redispatch 2.0? Mittelfristig definitiv nicht. Ungeachtet der Ausgestaltung einzelner Prozesse ist eine Umstellung oder besser gesagt Dezentralisierung des Netzengpassmanagements unter Einbeziehung kleinerer Anlagen zwingend erforderlich, ebenso wie der Einspeisevorrang der regenerativen Erzeuger und der bilanzielle Ausgleich der abgesenkten Mengen. Auch eine netzübergreifende Optimierung und Planung von Eingriffen ist in einer zunehmend dezentralen Stromversorgung das einzig probate Mittel, um Effizienz zu steigern und Synergien zwischen Netzbetreibern zu heben.

Alternativen beim Projektmanagement können sicher bei allen Beteiligten diskutiert werden. Insbesondere seitens der Politik und Regulierung würde es sicher helfen, wenn der Zeit- und Kostenrahmen erst nach Verabschiedung der Vorgaben und Prozesse definiert würde. Dann wäre man vielleicht auch zu einer Lösung gekommen, wie sie sich Andrea von Haniel, Geschäftsführerin der E-Werke Haniel Haimhausen OHG und Gründungsmitglied der Initiative evu+, gewünscht hätte: „Für alle im Markt wäre ein pragmatisches Stufenmodell sinnvoll gewesen, das bei größeren Anlagen beginnt und sukzessive (mit gewachsener Erfahrung) auf kleinere Gebiete und Anlagen ausgeweitet wird.“ Sie verweist zudem darauf, dass kleine VNB (und damit deren Netzkunden) derzeit pro Anlage und Jahr mit etwa 2.000 bis 3.000 € belastet werden. Beim Blick auf die Kosten sollte man allerdings nicht vergessen, dass für das bisherige Redispatch-Management allein 2019 rund 1,2 Milliarden Euro aufgewendet werden mussten. Die Energiewende und die dafür notwendigen Maßnahmen weiter zu verzögern, würde vermutlich noch teurer werden.

Keine Zeit zum Ausruhen

Die BDEW-Übergangsregelung wurde von der um die Systemsicherheit besorgten Bundesnetzagentur ausdrücklich begrüßt und räumt nun eine Verlängerung bis zum 1. März 2022 ein. Dann soll ein dreimonatiger, verpflichtender Testbetrieb aller Redispatch 2.0-Prozesse starten. Auch die Anerkennung der Kosten endet wohl zu diesem Termin, die endgültige Implementierung ist für Juli 2022 geplant. Dieses Datum sollte man ernst nehmen, denn die Bundesnetzagentur weist ausdrücklich darauf hin, die Übergangslösung stelle „keine vom Gesetz abweichende Vorgabe dar, sondern nur eine vorweggenommene Verständigung über die Ermittlung des bilanziellen Ausgleichs“. Die Beschlusskammer 6 hat überdies mitgeteilt, dass sie das Vorgehen „übergangsweise, längstens bis zum 31.05.2022, tolerieren wird“. Es gibt also in den nächsten Monaten noch einiges zu tun. Wenn es gelingt, wird ein Meilenstein für die Stromversorgung der Zukunft und die anstehende Digitalisierung erreicht sein. (pq)

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