Lernfeld Redispatch 2.0

16.11.2021 – Trotz umfangreicher Herausforderungen hat die Branche einen respektablen Zwischenstand erreicht, meint Peter Müller vom Beratungsunternehmen c.con. Er rät jedoch, die neuen Fristen konsequent im Blick zu halten und empfiehlt, die bis­herigen Erfahrungen auch für kommende Projekte zu nutzen.

Dem Grundsatz nach besteht kein Zweifel, dass die NABEG-Novelle die konsequente Antwort auf die neuen Anforderungen in unserer Stromversorgung darstellt. Die Umsetzungsfrist bis zum 01.10.2021 war fraglos herausfordernd – selbst, wenn man bedenkt, dass diese auf Drängen der Branche ja bereits um ein Jahr verschoben worden war.

Zeitdruck und Komplexität

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Foto: Rawpixel.com / shutterstock.com

Allein die Ausarbeitung der Prozesse im BDEW hat rund 80 Prozent der Umsetzungszeit beansprucht, vor allem da die Prozesse unter hohem Zeitdruck zwischen Stakeholdern mit unterschiedlichen Interessen abgestimmt und dabei neue Beteiligte wie die Anlagenbetreiber eingebunden werden mussten. Teilweise wurden Interessenskonflikte durch verschiedene Prozessvarianten gelöst – VNB-Cluster- oder Einzelanlagenabruf, Planwert- oder Prognosemodell, verschiedene Abrechnungsverfahren –, was die Komplexität deutlich erhöhte, zu Nachbesserungsaufwand führte und weiter führen wird. So wurde die vollständige Einführung des Planwertmodells mindestens bis zum 01.10.2022 verschoben.

Bei den Übertragungsnetzbetreibern existieren zwar etablierte Prozesse zur Redispatch-Abwicklung mit Großkraftwerken. Die Hinzunahme vieler kleinerer Anlagen im Verteilnetz stellt dennoch eine komplexe Prozessanpassung dar. Für viele Verteilnetzbetreiber war das alte Engpassmanagement entweder gar nicht relevant oder ein reines Leittechnikthema. Durch den neuen planwertbasierten Prozess und die dafür notwendige Prognose sowie den Energiehandel und die spätere Abrechnung werden nun Unternehmensbereiche außerhalb der Netzführung tangiert. Allein die für den Datenaustausch relevanten Daten liegen in der Regel in unterschiedlichen Systemen und müssen nun zusammengebracht werden. Oft fehlen hierfür schon konsistente Identifikationsnummern, die dieselben Objekte aus unterschiedlichen Systemen verknüpfbar machen.

Die Hersteller und Dienstleister, die die notwendigen Technologien bereitstellen, sind nicht nur durch die fachlichen Anforderungen und enorme IT-seitige Komplexität (Schnittstellen/Integration, IT-Sicherheit etc.) gefordert. Viele Kunden, die zudem oft individuelle Konfigurationen und Ausprägungen gewohnt sind, erwarten gleichzeitig zum Stichtag passende Lösungen – und das, obwohl die finalen Anforderungen vielfach sehr spät bekannt wurden und vielfach klassische Entwicklungsarbeit nach Lasten- und Pflichtenheft zu leisten war. Angesichts der Auslastung und engen Personaldecke der Anbieter brachte das selbst etablierte Hersteller unter Druck.

Wo steht die Branche beim Redispatch 2.0?

Es ist davon auszugehen, dass das Thema bei allen Beteiligten mittlerweile adressiert ist. Die Anlagenbetreiber sollten durch ihren Anschlussnetzbetreiber informiert worden sein, wobei die Ansprache wohl teilweise erst spät erfolgt ist. Daher dürften die Umsetzungs- und Rückmeldezahlen seitens der Anlagenbetreiber noch gering sein. Es kann zudem angenommen werden, dass unter den Netzbetreibern zumindest rudimentäre Lösungen für die Grundprozesse umgesetzt sind und teilweise auch schon zum Stichtag hätten live gehen können. Bei kleinen Netzbetreibern oder Stadtwerken, die stärker abhängig sind von Dienstleistern verbundener Unternehmen und deren Umsetzungsstand, gibt es wohl noch einen gewissen Nachholbedarf.

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Peter Müller, Berater bei der c.con Management Consulting GmbH

Die IT-Anbieter, die sich im Umfeld von RD 2.0 aufgestellt haben, kommen aus den Bereichen Prognose und Wetterdatenanalyse, Leittechnik und der Abrechnung. Sie haben zum aktuellen Zeitpunkt durchaus Produkte für unterschiedliche Aufgaben ausgeliefert – der Reifegrad ist teilweise noch ausbaufähig. Obwohl viele Hersteller versuchen, über ihre Kernkompetenz hinaus Aufgaben bei der Umsetzung der RD2.0-Prozesse zu übernehmen, muss man festhalten, dass praktisch immer mehrere unterschiedliche Systeme integriert werden müssen. Das betrifft Bestandssysteme und deren Erweiterung, aber auch komplett neue Systeme. Das wird noch Zeit kosten. Außerdem stehen noch personalintensive Individualisierungen und Trainings für jedes Haus an.

Druck durch die Bundesnetzagentur

In diesem Zusammenhang lohnt sich auch ein Blick auf die Position der Bundesnetzagentur. Sie will die Systemsicherheit durch die Prozessänderung nicht gefährden, aber gleichzeitig den zeitlichen Druck aufrechterhalten. Daher belässt sie für die Übergangslösung die operativen Verantwortlichkeiten wie bisher und ergänzt eine finanzielle Regelung für die BKV. Die entstehenden Kosten der Netzbetreiber sollen allerdings im Regelfall nur bis Ende Februar 2022 anerkannt werden. Man sollte auch im Hinterkopf behalten, dass die BNetzA über Connect+ die Anzahl der gemeldeten Teilnehmer nachvollziehen und auch die Abrufe tracken könnte. In der Folge könnte die Behörde hier Druck aufbauen.

Auch aus diesem Grund sollten die Netzbetreiber trotz der Quasi-Fristverlängerung mit Hochdruck an der Fertigstellung der Standardprozesse arbeiten. Zudem wird das Leben einer Zwitterlösung aus Übergangsszenario und Regelprozess wohl eher schwierig. Daher ist davon auszugehen, dass – getriggert von den großen Playern – zu einem Stichtag der Regelprozess für alle Beteiligten notwendig wird.

Lernen für künftige (Digitalisierungs)Projekte

„Die Netzbetreiber sollten trotz der Quasi-Fristverlängerung mit Hochdruck an der Fertigstellung der Standardprozesse arbeiten. Es ist davon auszugehen, dass zu einem Stichtag der Regelprozess für alle Beteiligten notwendig wird.“
Peter Müller

Für alle Beteiligten bietet eine nachfolgende Analyse die Chance, sich zukünftig (noch) besser auf ähnlich komplexe Themen einzustellen. Denn diese werden auf die Branche zukommen.
Grundsätzlich sollten sich Unternehmen jetzt die Frage stellen, wie effizient/effektiv ihre Organisationen für solche Herausforderungen aufgestellt sind. Gibt es klare Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten, insbesondere zwischen Fachbereich und IT? Existieren idealerweise sogar Querschnittsfunktionen und Kommunikationsmöglichkeiten, um bereichsübergreifende Abstimmungen und Entscheidungen schnell und wirksam zu treffen?

Zudem lohnt sich ein kritischer Blick auf die IT – erfahrungsgemäß ist hier mittelfristig „Aufräumen“ geboten: So sollten die Daten zentral und nicht verstreut über diverse Systeme gehalten und auf Datenqualität geachtet werden – etwa durch eine Single source of Truth sowie regelmäßige Qualitäts- und Plausibilitätschecks. Wenige IT-Systeme mit möglichst wenigen Schnittstellen sollten gewachsene Landschaften auf Dauer ersetzen. Das bedeutet auch, offen zu sein für neue IT-Konzepte, wie zum Beispiel SaaS oder Cloud-Lösungen.

Die Erfahrungen aus den aktuell laufenden Projekten zeigen auch, wie wichtig es ist, den oder die beteiligten IT-Dienstleister frühzeitig einzubinden – nicht nur, um sich die notwendigen Ressourcen zu sichern. Erfolgskritisch ist es hier, die benötigten Produkte klar zu beschreiben (inklusive MVP-Definition), umgekehrt sollte man beim Hersteller agile Arbeitsweise einfordern. Wenn man dabei mit den wesentlichen Prozessen respektive Grundfunktionalitäten startet, kann man diese Entwicklungsprozesse gestaffelt über mehrere Lastenhefte abbilden.

Wesentlich für den Erfolg solcher anspruchsvollen Projekte ist auch die frühzeitige Einbindung der betroffenen Stakeholder – im Fall RD 2.0 zum Beispiel die vor- und nachgelagerten Netzbetreiber und Anlagenbetreiber sowie die eigene Präsenz in Arbeitskreisen und Verbänden, um neben fachlichen Anforderungen auch darauf zu achten, dass eine ausreichende Umsetzungszeit gegeben ist.
Nach Erfahrung von c.con ist es empfehlenswert, für diese Aufgaben Projektstrukturen aufzubauen, die abteilungsübergreifend ohne „Silodenken“ agieren und Projekte flexibel und agil umsetzen können. Erfahrene Projektmanager, die mit einem klaren Verständnis der umzusetzenden Anforderungen außerhalb der Linie tätig sind, können in diesen Strukturen dafür sorgen, dass belastbare Zeit- und Lieferpläne entwickelt und umgesetzt werden. (pq)

c.con Management Consulting GmbH
Peter Müller
peter.mueller@ccon.com
www.ccon.com

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