Digitalisierung neu denken

19.11.2021 – Inselsysteme, Datensilos, Exceltapeten, ausufernde Integrations- und Migrationsprojekte – viele Experten überrascht nicht, dass die Vorgaben zu Redispatch 2.0 nicht planmäßig umgesetzt werden konnten. Mit zehn Jahren Branchenerfahrung forscht und berät Rene Beele von SoftProject zur Digitalisierung der Netze. Seine Meinung zu den Gründen und Lösungsansätzen.

Selten wurde ein so massiver regulatorischer Eingriff in die Breite und Tiefe des bestehenden Gefüges der Aufgabenteilung deutscher Stromnetzbetreiber vorgenommen. Und selten wurden dabei standardisierte Regelwerke mit so heißer Nadel gestrickt wie beim Redispatch 2.0. Vor allem die kleineren und mittleren Netzbetreiber ohne eigene Netzengpässe – von Anlagenbetreibern kleinerer EEG-Anlagen ganz zu schweigen – wurden mit einer unüberschaubaren, undurchdachten und in Teilen unvollständigen Informationsflut konfrontiert.

Die letzten regulatorischen Vorgaben durch Festlegungsverfahren der Bundesnetzagentur liegen erst wenige Wochen zurück. Die meisten Netzbetreiber konnten dadurch nicht annähernd den von der Regulierung erhofften Stand erreichen. Es bleibt außerdem abzuwarten, wie viele Netzbetreiber in den nächsten Wochen noch umfassend nachjustieren müssen.

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Foto: urbans / shutterstock

Digitalisierung der Netze: Zwischen Anspruch und Realität

Von Regulierungs- und Verbändeseite wurde stets betont, welche bedeutende Rolle die „Digitalisierung der Netze“ einnehmen sollte. Mit ihrer Hilfe – so wohl die Hoffnung bei Redispatch 2.0 – sollte in agiler Vorgehensweise die Brücke geschlagen werden von trägen netzstrukturellen Anpassungen hin zur erfolgreichen Integration fluktuierender Einspeiser. Man gewann fast den Eindruck, es handele sich um eine „digitale Transformation der Netze qua Verordnung“.

Dabei wurde jedoch folgendes vernachlässigt: Beim Redispatch 2.0 handelt es sich nicht (nur) um eine Novelle, sondern um eine gänzlich neue Qualität bestehender Netzführungsprozesse. Die (überfälligen) Gesprächsversuche des BDEW mit der BNetzA Mitte September sind gleichzeitig ein spätes Eingeständnis der Branche: Die IT-Abteilungen und das notwendige Digitalisierungs-Know-how in den Fachbereichen genießen bei den wenigsten Netzbetreibern den Stellenwert, der für eine nachhaltige Digitalisierung der Netze notwendig ist.

Den wenigsten Netzbetreibern dürfte es bisher gelungen sein, die Komplexität dieser neuen Anforderungen in einem kosteneffizienten und nachhaltigen IT-Betriebskonzept abzubilden. Bei einigen wurden Bestandssysteme in Eile ertüchtigt, bei anderen wurde aus Sorge einer Überforderung auf Komplettlösungen mit sich teilweise zu anderen Systemen überlappenden Funktionen gesetzt. Kurzfristige Zielerreichung: teilweise! Nachhaltige Zielerreichung: Fehlanzeige! Aber ist das nun ein Resultat mangelhafter Regulierung? Ich meine nicht! Die Versorger haben das Heft selbst in der Hand.

Neue Systemkonzepte gefordert

Bisher lag in der Leitwarte der ÜNBs die Entscheidungshoheit über ein aufgrund von Netzengpässen netztechnisch notwendiges Eingreifen. Der VNB erhielt Anweisungen vom ÜNB und setzte diese über sein Leitsystem um. Der Impuls der RD 2.0-Projektverantwortlichen aus dem Umfeld der Leitwarte lag nahe, die erste Anfrage für eine technische Lösung beim Leitsystemhersteller zu stellen. Führungskräfte mit Nähe zu EDM-Systemen haben aufgrund der benötigten Stamm- und Bewegungsdaten im Zuge der Marktkommunikation eine zentrale Rolle in diesen Systemen gesehen. Andere wiederum im GIS- oder ERP-System.

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Rene Beele, SoftProject GmbH

Ob Netzleittechnik, EDM oder ein anderes Kernsystem: Alle wurden für eine ganz spezifische Aufgabenstellung entwickelt und spielen dort ihre Stärken aus. Es fehlt diesen Systemen jedoch an übergreifenden Workflows und integriertem Eventhandling, an einheitlichen Datenstrukturen und performanten Datenbanksystemen sowie an einem effizienten Schnittstellenmanagement – Anforderungen, die spätestens mit Redispatch 2.0 IT-technische Realität geworden sind.

IT-Lebenszyklen und Release-Zeiträume werden aufgrund von steigenden Sicherheitsanforderungen, regulatorischen Anpassungen und aufkommenden neuen Geschäftsmodellen immer kürzer. Dies erfordert zum einen ein effizientes Schnittstellen-Management, um die jeweilige Sprache der Kernsysteme in ein für das Drittsystem verständliches Format zu übersetzen. Zum anderen braucht es neuartige Benutzeroberflächen, in denen sich unterschiedliche Anwender intuitiv zurechtfinden und ihre systemübergreifenden Aufgabenstellungen medienbruchfrei bearbeiten können. Anwendungsfälle wie diese sind wiederum exakt die Stärke einer Digitalisierungsplattform wie der X4 BPMS. Diese gehören damit als neuer Typ Kernsystem in die Mitte der bestehenden IT-Landschaft bei Versorgern. Auf der Kostenseite lassen sich daneben Skaleneffekte immer besser durch Cloud-Technologien heben.

Treiber für Plattform-Lösungen

Im Zuge der regulierten Informationspflichten durch Redispatch 2.0 wurde unter anderem die neue Marktrolle des „Data Providers (DP)“ geschaffen. Aus Effizienzgründen wurden die DA/RE-Plattform und das RAIDA-System als zentrale Systeme entwickelt, die den vollständigen Datenaustausch zwischen den beteiligten Marktakteuren ermöglichen – mit hoher Standardisierung der Datenformate. Und das als Single-Point-of-Contact aus einem Rechenzentrum heraus, welches sich außerhalb der eigenen Domäne des Netzbetreibers befindet – Cloud-Plattformlösungen mit dem Übertragungsweg Internet. Die neue Normalität.

„Es wird Zeit, die rein funktionale Sicht um eine prozess- und anwender­orientierte und damit zukunftsfähige und nachhaltige Sicht zu erweitern.“
Rene Beele, SoftProject GmbH

Bei den Verteilnetzbetreibern verbleiben immer noch große Aufgabenbereiche, die – wie so oft – zunächst manuell gelöst und isoliert betrachtet werden. Dabei könnte ein konsequent durchdachtes IT-Konzept für Redispatch 2.0 dafür sorgen, dass hierfür ebenfalls Plattformlösungen aus der Cloud genutzt werden.

Hand aufs Herz: Bei wie vielen Netzbetreibern werden die Ressourcen-IDs durch die Anlagenbetreiber noch telefonisch erfragt und Stammdaten per Excel-Listen in losen E-Mails übermittelt? 80-90 Prozent? Dabei könnte ein Stammdatenportal zur medienbruchfreien, digitalen Kommunikation zwischen den Marktrollen EIV und ANB und mit Schnittstelle zum Data Provider Abhilfe schaffen. Netzbetreiber könnten aus ihrem Wissens- und Technologievorsprung heraus sogar Dienstleistungen für Anlagenbetreiber übernehmen, so wie es etwa die Kreiswerke Main-Kinzig aufzeigen. Beispiele und zukünftige Anwendungsfälle für zentrale Services in der Energiewirtschaft gibt es viele.

Mut zum Umdenken

Die Digitalisierung beginnt nicht mit Redis­patch 2.0 – sie hört aber auch nicht dort auf. Ganzheitliche, vollintegrierbare Digitalisierungsplattformen sind der Schlüssel, ressourceneffiziente Prozesse aufzubauen und diese im Unternehmen zu verankern. Sie stellen einen hohen Wiederverwendungsgrad einmal entwickelter Lösungskomponenten sicher, sie fördern das Miteinander zwischen IT-Abteilungen und Fachbereichen und gewährleisten die notwendige Flexibilisierung von oftmals monolithischen Systemstrukturen. Hieraus entstehen neue Möglichkeiten in der (Teil-) Ausgliederung von Hauptprozessen an Dienstleister oder Kooperationsmöglichkeiten mit Netzbetreibern benachbarter Konzessionsgebiete, sodass Prozesse viel effizienter abgebildet werden können. Kostenteilung für bestimmte Aufgaben, statt Redundanz bei knapp 900 Verteilnetzbetreibern. Zusätzlich beschleunigen können EVU die digitale Transformation durch den Low-Code-Ansatz: Mit diesem können auch „Citizen Developer“ ohne Programmierkenntnisse mit etwas Unterstützung komplexe Geschäftsprozesse digitalisieren und automatisieren.

Mit einer zentralen Digitalisierungsplattform als neuem Kernssystem entstehen effiziente 1:1- statt 1:n-Systembeziehungen und standardisierte Datenmodelle. Damit kann man flexibel auf die sich schnell wandelnden Anforderungen reagieren ohne jedes Mal wieder alle Systeme gleichzeitig ertüchtigen zu müssen.“ (pq)

SoftProject GmbH
Rene Beele
rene.beele@softproject.de
www.softproject.de

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