Rollout: Bereit für den Massenstart?

22.11.2021 – Geplant ist der Smart Meter Rollout seit rund fünf Jahren, der offizielle Startschuss fiel allerdings erst Anfang 2020. Mit den Pflichteinbaufällen für die ersten drei Jahre sind die Messstellenbetreiber nach allgemeinem Bekunden auf einem guten Weg. Doch was kommt danach?

Seit den Grundsatzentscheidungen zum Stufenmodell und der darin enthaltenen Prognose für die Einbaufälle 2030 steht die Zahl von 15 Millionen Smart-Meter-Gateways (SMGW) im Raum. Anfangs zumindest hinterfragt, muss man nach der Verschärfung der Klimaziele – Stichwort Klimaneutralität 2045 – konstatieren, dass die Zahl zumindest nicht völlig aus der Luft gegriffen ist. Studien gehen bis 2030 bereits von 10-15 Millionen Elektroautos, sechs Millionen Wärmepumpen und drei Millionen PV-Dachanlagen aus, die für die Erreichung der Zwischenziele bis zu diesem Zeitpunkt notwendig werden.

„Das bedeutet, dass in sehr absehbarer Zeit die Inbetriebnahme von einer Million intelligenter Messsysteme pro Jahr notwendig wird, Tendenz steigend“, rechnet Ruwen Konzelmann, Head of Business Unit Smart Energy beim Gateway-Hersteller Theben AG, vor. „Eine Menge Holz“, ergänzt er, denn für die Erreichung dieses Ziels seien massentaugliche, also digitalisierte und automatisierte Prozesse in allen Bereichen notwendig. Er erläutert, wie diese beim Hersteller hinterlegt sind und wo es gegebenenfalls noch Spielraum für Optimierungen gibt.

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Foto: VladyslaV Travel photo / shutterstock

Komplexe Bestellvorgänge

Nach erfolgreichen Feldtests in der Test-PKI kommt es zur ersten Bestellung in der Wirk-Umgebung. Dabei wird zunächst die kaufmännische Bestellung im Regelfall innerhalb von 1-2 Werktagen vorab bestätigt. Konzelmann: „Schon dieser Vorgang hat es in sich: Schulungen für die Sichere Lieferkette müssen absolviert und eine verschlüsselte Kommunikation etabliert werden, was teilweise schon die Einbeziehung der IT-Abteilung verlangt.“ Für die spätere Verschlüsselung und Signierung schutzwürdiger Daten muss nämlich bereits bei der Bestellung ein sicherer Austausch zwischen Hersteller und Messstellenbetreiber erfolgen. Dazu wird eine S/MIME-verschlüsselte E-Mail-Kommunikation eingerichtet, über die der elektronische Lieferschein „eLS“ (hier elektronischer Bestellschein „eBS“) in einer verschlüsselten Mail an den Hersteller gesendet wird. „Parameter zum SIM-Handling, der WAN-Kommunikation und weiterer Konfigurationsdaten außerhalb der IKD (Initiale Konfigurationsdatei) werden heute über unseren Webkonfigurator zusammengefasst und als XML-Datei ausgeleitet“, erläutert Konzelmann. Diese Datei ist Bestandteil des eBS und wird zusammen mit diesem an den Hersteller übermittelt. „Wir lernen hier dazu und arbeiten an immer weiter vereinfachten Prozessen.“

Messgeräte: Keine Produktion ohne Tests

Bevor die Fertigung der Geräte beginnen kann, ist ein Freigabetest durch den Kunden erforderlich. „Den Ablauf des Tests stimmen wir mit dem Kunden nach Eingang des eLS ab“, erklärt Konzelmann. Nach der Bereitstellung und der Durchführung des Tests erfolgt die Freigabe durch den Kunden, die Serienfertigung der bestellten Stückzahlen beginnt.

Die Grundgeräte liegen in der Regel bei Theben bereits aufgebaut und vollständig geprüft auf Lager. Ruwen Konzelmann bestätigt, dass die Lieferfähigkeit trotz der aktuellen Engpässe am Bauteilemarkt gegeben sei. Kurzfristig könnten sich Schwankungen in der Verfügbarkeit auf die Lieferzeiten auswirken. In den nächsten Monaten will Theben jedoch eine Unabhängigkeit von diesen Teilen erreichen. Auch den Bestell-, Liefer- und Produktionsprozess will Theben weiter optimieren.

Sichere Lieferkette (SiLKe)

Nach dem Aufspielen der Firmware und der Kundenkonfiguration werden die Gateways verpackt und zum Versand bereitgestellt, die SiLKe („Sichere Lieferkette“) beginnt. Der Liefertag wird durch den Hersteller mit dem vom Kunden benannten Logistik-Ansprechpartner abgestimmt. Dementsprechend wird die SiLKe-Box von der Spedition aus der sicheren Fertigung abgeholt. Innerhalb von 24h erreicht die Lieferung den Kunden und wird dort einem berechtigten Mitarbeiter ausgehändigt. Geschulte Mitarbeiter prüfen danach Box und Inhalt auf Unversehrtheit beziehungsweise Manipulationshinweise. Die SMGWs werden in eine Box des Kunden umgelagert und die Lieferbox innerhalb von zehn Werktagen durch die Spedition abgeholt.

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Theben hat seine Produktion auf die steigenden Einbauzahlen angepasst. Foto: Theben AG

Damit die Voraussetzungen der SiLKe erfüllt sind, müssen Vorbereitungen getroffen werden. Zunächst muss das Lager den Voraussetzungen aus der Prozessbeschreibung für die SiLKe entsprechen. Die Mitarbeiter des Kunden müssen entsprechend geschult sein und den sogenannten „pyKey“, das Schließ- und Öffnungsmittel der SiLKe-Boxen, erhalten. Außerdem müssen Mitarbeiter, pyKey und Box in der Datenbank des Herstellers angelegt werden und Mitarbeiter in der Einmalcode-Datenbank registriert sein.

„Wir machen uns gerade intensiv Gedanken um die Vereinfachung der Sicheren Lieferkette und wollen hier im nächsten Jahr Fortschritte für unsere Kunden erreichen“, verrät Konzelmann. Außerdem will Theben bis zum Jahresende die TR-Zertifizierung abgeschlossen haben.

Einbau und Montage

Für eine erfolgreiche Montage und Inbetriebnahme ist das Zusammenspiel von SMGW und Gateway-Administration-System ein ebenso entscheidender Faktor wie die WAN-Kommunikation. All dies muss vorab getestet werden. „Aus Erfahrungswerten sehen wir, dass Erfolgsquoten von 90 Prozent und mehr möglich sind“, berichtet Konzelmann. Die Mobilfunkerreichbarkeit bliebe dabei ein kritisches Thema, auch „Handarbeit“ und vorhandene Interpretationsspielräume bildeten nach wie vor mögliche Fehlerquellen. Sein Fazit: „Der Abstimmungsaufwand ist damit noch nicht auf einem Niveau, das für den eingangs erwähnten Massen-Rollout geeignet wäre. Standardisierung und Automatisierung werden daher für die nächsten Jahre Dauerthemen sein, gleiches gilt für die weitere Optimierung der Interoperabilität.“

Zudem gibt der Theben-Manager zu bedenken, dass das Smart Meter Gateway nur Teil eines Systems ist, das mit weiteren Komponenten funktionieren muss – so etwa stehe die Schnittstelle zwischen ERP-System und GWA-System momentan im Fokus der Arbeiten. „Da spielt es dann auch eine Rolle, ob ein Gateway oder 500 im Betrieb sind oder welche Tarifanwendungsfälle umgesetzt sind.“

Skalierung des Rollouts

Insgesamt gewinnt man jedoch den Eindruck, dass die Kinderkrankheiten des Rollouts allmählich überwunden sind und nun die Erhöhung der Mengen ansteht – nicht nur, um die sich abzeichnenden Einbaufälle abdecken zu können, sondern insbesondere auch, um die Wirtschaftlichkeit zu verbessern.

Einen gewissen Eindruck hatte im Frühjahr das Urteil des OVG Münster in der Branche hinterlassen. Innerhalb von vier Monaten hatte die Bundesregierung mit einer Novelle des Messstellenbetriebsgesetzes reagiert. „Kein alltäglicher Prozess,“ betont auch Ruwen Konzelmann, „er zeigt auch, welchen Wert das intelligente Messsystem als Infrastruktur für die Klimawende besitzt.“ Das sorge für hohe Planungs- und Investitionssicherheit, auch hinsichtlich der entstehenden Use Cases Mehrsparten- bzw. Submetering und Netzdienlichkeit, welche ein Skalieren des Rollouts ermöglichen und auch die Wirtschaftlichkeit des Rollouts steigern.

Auch von Seiten des Herstellers Theben herrscht daher Zuversicht: „Bei allen sicherlich noch bestehenden To-Dos: wir sind auf dem richtigen Weg und biegen auf die Zielgerade ein! Mit unserem Produktportfolio werden wir alle Kunden auch weiterhin bestmöglich unterstützen – versprochen.“ (pq)

Theben AG
Ruwen Konzelmann
ruwen.konzelmann@theben.de
www.theben.de

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