Interview: „Wir müssen schneller werden“

25.11.2021 – E.ON hat inzwischen mehr als 70.000 intelligente Messsysteme in Deutschland ausgerollt. Für Dr. Malte Sunderkötter, Geschäftsführer der E.ON-Unit e.kundenservice Netz und verantwortlich für E.ONs Smart Meter Rollout in Deutschland, ist das allerdings kein Grund zur Euphorie.

Herr Dr. Sunderkötter, eigentlich könnten Sie mit dem erzielten Ergebnis doch sehr zufrieden sein.

Tatsächlich haben wir mehr Smart Meter installiert als jeder andere Energieversorger und unter den aktuellen regulatorischen Bedingungen das Maximum geschafft. Trotzdem ist das aus unserer Sicht viel zu wenig, um die Klimaziele zu erreichen und die Energiewende weiter voranzutreiben. Bereits im Mai hatte unser CEO Leo Birnbaum vom „jämmerlichen Rollout der Smart Meter“ gesprochen, und dass wir uns „hierzulande zu Tode verwalten“. Das klingt hart, beschreibt aber die Lage ziemlich gut.

Können Sie das etwas konkreter erläutern?

Wir liegen beim Smart Meter Rollout hinter Ländern wie England, Schweden oder Italien viele Jahre zurück. In Schweden hat E.ON beispielsweise in einer ersten Rollout-Welle bereits zwischen 2004 und 2009 eine Million Smart Meter verbaut, bis Ende 2024 werden 1.000 bis 1.200 Geräte pro Tag hinzukommen. Ohne Digitalisierung und zügigen Smart Meter Rollout gelingt aber keine effiziente Energiewende und kein erfolgreicher Hochlauf der Elektromobilität. Fakt ist: Deutschland muss hier dringend umdenken und sich vom Rollout im Schneckentempo verabschieden. Denn wir brauchen das intelligente Messsystem als zentralen Bestandteil der digitalen Netzinfrastruktur.

Mit Smart Metern hätten wir in Echtzeit einen Überblick, was gerade wo passiert. Wir könnten flexibler reagieren, die Netze besser auslasten und steuern. Und wir könnten ganz neue Produkte anbieten, mit günstigen Tarifen, dann, wenn gerade viel Strom verfügbar ist.

Was hat die Umsetzung bislang gehemmt?

Malte Sunderkoetter Eon
Dr. Malte Sunderkötter, Geschäfts­führer der E.ON-Unit e.kundenservice Netz GmbH. Foto: e.kundenservice Netz GmbH

Wir haben einfach viel zu komplizierte technische Vorgaben und Marktprozesse, die dem Kunden keinen erkennbaren Mehrwert bringen. Zu viele Behörden sind mit verteilten Kompetenzen und Verantwortlichkeiten zuständig, es fehlt aber eine Gesamtverantwortung. Diese Behörden haben einen beispiellosen Katalog an technischen Anforderungen an die Geräte und die Prozesse zur Interaktion der Marktteilnehmer vorgegeben. So ist für die unterschiedlichen Einbauklassen, die vom gesetzlichen Rollout in Deutschland betroffen sind, eine umfassende Zertifizierung sowie die Markterklärung durch das BSI erforderlich. Im Urteil des OVG Münster aus dem Frühjahr 2021 wurde die vom BSI gelebte Praxis für die Freigabe für nichtig erklärt. Dies hat dazu geführt, dass trotz zwischenzeitlicher Nachbesserung des Messstellenbetriebsgesetzes die Freigabe für weitere Einbaufälle (insbesondere Einspeiser) weiter verschoben wurde.

Was ist aus Ihrer Sicht jetzt dringend erforderlich?

Die Digitalisierung des Netzes unter anderem mit Hilfe von Smart Metern ist – neben dem Netzausbau – für das Gelingen der Energiewende entscheidend. In der dezentralen Energiewelt müssen Millionen wetterabhängig schwankende Erzeuger und zunehmend flexible Verbraucher ausgeglichen werden. Ursprünglich klar definierte Rollen zwischen Energieerzeugern auf der einen und Verbrauchern auf der anderen Seite gehen ineinander über. Millionen von Haushalten und Unternehmen werden zu „Prosumern“, die nicht nur Energie konsumieren, sondern über eigene Photovoltaik- oder Windkraft-Anlagen in die Verteilnetze einspeisen. Deren Synchronisation bedeutet eine wachsende Systemverantwortung durch den Verteilnetzbetreiber, die nur durch einen intelligenten digitalen Betrieb möglich ist. Diese Aufgaben machen Smart Meter zu den Navigationssystemen der Energiewende. Sie überwachen den Energiefluss in den Netzen und ermöglichen eine Steuerung von flexiblen Verbrauchern oder Einspeisern über einen gesicherten Kommunikationskanal.

Und was bedeuten intelligente Messsysteme für den Kunden?

Smart Meter haben nicht nur einen Nutzen für E.ON als Netzbetreiber, sondern insbesondere auch für unsere Kunden. Sie haben in Zukunft die Möglichkeit, ihren Stromverbrauch in Echtzeit abzulesen. Das bedeutet einen viel besseren und detaillierten Überblick über den eigenen Verbrauch. Kunden können ihren Verbrauch so gezielt optimieren und über flexible Tarife zusätzlich Kosten sparen, weil sie Strom dann verbrauchen können, wenn viel da ist.

Was fordern Sie konkret?

Deutschland muss beim Rollout endlich drei Gänge hochschalten: Wir brauchen schlanke unbürokratische Prozesse, sowohl bei der Zertifizierung unserer Geräte als auch für Softwareupdates im Livebetrieb – und einen konsequenten Ausbau des LTE-Netzes. Auch für Investments in digitale Betriebsmittel brauchen wir die nötige finanzielle Luft. Digitalisierung denkt dabei nicht in fünfjährigen Regulierungsperioden: Wir brauchen stärkere Anreize, die einen zügigen Rollout der intelligenten Messinfrastruktur und damit einhergehende First-Mover-Risiken honorieren. Außerdem müssen für eine Beschleunigung und Ausweitung des verpflichtenden Rollouts auf alle Einspeiser (steuerbar und nichtsteuerbar) und flexible Verbraucher zeitnah die regulatorischen und prozessualen Vorgaben geschaffen werden. (pq)

e.kundenservice Netz GmbH
Dr. Malte Sundkötter
www.eknetz.de

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