Stadtwerkestudie 2022: Spagat zwischen Transformationsbedarf und Finanzierungsdruck

01.06.2022 – Laut der Stadtwerkestudie 2022, für die EY und der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) deutschlandweit 100 Stadtwerke und regionale Energieversorger befragt haben, stehen Dekarbonisierung und Cyber-Sicherheit bei den Versorgern besonders im Fokus.

Für 72 Prozent der deutschen Stadtwerke spielte den Studienautor:innen zufolge die Dekarbonisierung bereits im vergangenen Jahr eine entscheidende Rolle. Der Krieg in der Ukraine erhöhe den Druck auf die Stadtwerke indes weiter, die Daseinsvorsorge in den Bereichen Strom, Wärme und Mobilität mit der stärkeren Ausrichtung auf Klimaschutz zu vereinen.

Rund zwei Drittel (64 Prozent) der Stadtwerke geben in der aktuellen Studie an, bereits eine eigene Dekarbonisierungsstrategie vorliegen zu haben. Jedoch seien auch die kommunalen Gesellschafter gefragt, einen strategischen Rahmen für die Reduzierung von Kohlenstoffemissionen vorzugeben. „Damit Stadtwerke ihre Schlüsselrolle für die nachhaltige Transformation erfolgreich ausfüllen können, benötigen sie dringend einen strategischen Rahmen. Dabei stehen auch die kommunalen Gesellschafter in der Pflicht“, sagt Andreas Siebel, Partner bei EY und Sektorleiter Energy & Resources. Wichtig sei, dass die kommunalen Eigner ihren Stadtwerken auch den notwendigen finanziellen Spielraum einräumen, damit sie die notwendigen Investitionen auch tätigen können.

Entspannt fühlt sich der Spagat für Stadtwerke zwischen Transformationsbedarf und Finanzierungsdruck nicht an. Foto: iStock.com/lankogal

Neue Kooperationen bei Stadtwerken notwendig

Ein weiteres Ergebnis der aktuellen Studie ist, dass bereits heute 88 Prozent der Stadtwerke auf Kooperationen setzen. Diese finden zumeist untereinander statt und nach Ansicht von 89 Prozent der Befragten soll dies auch weiterhin so bleiben. Lediglich 42 Prozent gehen davon aus, dass Stadtwerke Kooperationen mit Unternehmen aus anderen Branchen eingehen werden. Die häufigsten Kooperationsfelder liegen im Bereich der Energiedienstleistungen und Shared Services, wie jeweils 59 Prozent der Studienteilnehmer angeben.

„Bestehende Kooperationen unter Stadtwerken sind oftmals historisch gewachsen und bestehen insbesondere seit der Liberalisierung der Energiemärkte 1998, etwa in Form eines gemeinsamen Einkaufs“, sagt Metin Fidan, ebenfalls Autor der Stadtwerkestudie 2022, Partner bei EY und Leiter Green Transformation & Mining and Metals in der Region Europe West. „Dabei geht es vor allem um Kostenersparnisse und Effizienz. Für die aktuellen Herausforderungen wie die digitale und nachhaltige Transformation braucht es aber auch neue Formen der Kooperation, die auf Innovation zielen.“

Mehr Aufgaben bei stagnierender finanzieller Situation

Laut der Stadtwerkestudie 2022 beschäftigen sich Stadtwerke am intensivsten mit der Digitalisierung generell (89 Prozent) und der Daten- und Cybersicherheit im Speziellen. Weitere wichtige Aufgabenfelder sind der Studie zufolge die Optimierung interner Prozesse (82 Prozent), die Gewinnung qualifizierter Mitarbeiter (82 Prozent), die Dekarbonisierung allgemein (67 Prozent) sowie speziell bei der Eigenerzeugung (72 Prozent). „Während die Aufgabenliste der kommunalen Versorger immer länger und dringlicher wird und damit immense Investitionsbedarfe verbunden sind, droht die finanzielle Situation sie zunehmend zu beschränken“, sagt Andreas Siebel. Die befragten Stadtwerke schätzten den geschäftlichen Erfolg ihres jeweiligen Unternehmens im Jahr 2021 mehrheitlich als sehr gut ein, wobei die Befragung vor dem Ukraine-Krieg stattfand. Gleichwohl sank die Umsatzrentabilität der befragten Versorger bereits seit 2017 jährlich im Schnitt um drei Prozent jährlich.

Aktives Finanzmanagement wird für Stadtwerke wichtiger

Vor diesem Hintergrund werde das aktive Management der Finanz- und Liquiditätssituation für Stadtwerke immer wichtiger. Um diese zu verbessern, nutzt gut die Hälfte der Befragten Kosten-Benchmarks, jeweils 48 Prozent bündeln Aufgaben in Shared-Service-Centern und nutzen Dienstleister zur Kostensenkung. Kreditrahmenverträge wurden von 47 Prozent der befragten Unternehmen neu verhandelt, aber nur 27 Prozent nutzen hierfür Bankenkonsortien. Die Finanzierungsfähigkeit scheint bei 87 Prozent der Studienteilnehmer so solide, dass sie ohne Kommunalbürgschaften ihres Gesellschafters arbeiten können. Auch hier könnten den Studienautorinnen zufolge neue Wege zusätzliche Chancen bieten: Frisches Kapital könne beispielsweise von privaten Investoren wie Versicherern, Altersvorsorge-Anbietern und Pensionskassen deutscher DAX-Konzerne kommen, die nach Anlagemöglichkeiten in Infrastrukturprojekten suchen. (ds)

www.ey.com
www.bdew.de

Share