Personalmangel bei Versorgern und Netzbetreibern

15.11.2022 – Netzstörungen beseitigen, Betriebsmittel digitalisieren, Ladesäulen installieren oder Zähler austauschen – die Aufgaben für Versorger und Netzbetreiber nehmen zu und werden anspruchsvoller. Gleichzeitig ist Personal knapp. Wir sprachen mit Sarah Pierenkemper vom Institut der deutschen Wirtschaft.

Frau Pierenkemper, mit Ihrem Team forschen Sie intensiv zum Fachkräftemangel. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation in Deutschland ein und was könnte noch auf uns zukommen?

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Sarah Pierenkemper vom Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung am Institut der deutschen Wirtschaft. Foto: Julia Haack / KOFA

Viele Unternehmen kennen das Szenario bereits. Die Auftragsbücher sind voll, aber geeignete Mitarbeitende fehlen. Der Fachkräftemangel ist längst in deutschen Unternehmen angekommen und stellt Betriebe vor eine große Herausforderung. Knapp jedes zweite Unternehmen gab in einer aktuellen Umfrage an, dass der Fachkräftemangel ihre Geschäftstätigkeit beeinträchtigt. Deutschlandweit fehlen schon heute über 500.000 Fachkräfte. Aktuell kann knapp jede zweite Stelle nicht mehr besetzt werden.

Blickt man auf die demografische Entwicklung, wird sich dieser Trend so schnell nicht umkehren. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in den Ruhestand. Zu wenig junge Beschäftigte kommen nach. Prognosen zeigen, dass 30 Prozent aller Beschäftigten in den nächsten 15 Jahren das Renteneintrittsalter erreichen werden.

Die Versorgungswirtschaft beklagt heute schon erhebliche Personalengpässe. Wie sehen die objektiven Befunde zu dieser Branche aus?

Das Gefühl entspricht durchaus der Realität. Es gibt noch nicht in allen Berufen in der Branche deutschlandweit Fachkräfteengpässe, aber beispielsweise bei Sanitär-, Heizungs-, und Klimafachkräften sind über 2.500 Stellen offen, für die es keine passend qualifizierten Arbeitslosen gibt. Bei den Kältetechnikern können über 80 Prozent der offenen Stellen nicht mehr besetzt werden.

Woran könnte das liegen? Warum gibt es so wenig qualifiziertes (technisches) Personal?

Wir sehen zum einen, dass die Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist. Grund hierfür war z.B. die gute Konjunktur. Gleichzeitig gehen immer mehr Beschäftigte in den Ruhestand und zu wenig junge Menschen kommen nach.

Was können Unternehmen tun, um Fachkräfte zu gewinnen? Liegt es nur am Gehalt?

Das Gehalt ist sicherlich ein Faktor, aber nicht der entscheidende. So zeigen Studien, dass eine angenehme Arbeitsatmosphäre, eine gute Work-Life-Balance, aber auch die Arbeitsplatzsicherheit immer wichtigere Entscheidungskriterien für Arbeitnehmer werden. Gerade jungen Beschäftigten sind Flexibilität, Karrierechancen und Weiterbildungsoptionen bei der Jobwahl besonders wichtig.

Wir bewegen uns von einem Arbeitgeber- hin zu einem Arbeitnehmermarkt. Dies erfordert ein Umdenken bei den Unternehmen. Während vor Jahren, als die Bewerbungen noch wäschekorbweise kamen, die Arbeitgeber die Spielregeln bestimmen konnten, geht es nun darum, vermehrt auf die Wünsche und Bedürfnisse der Arbeitnehmenden einzugehen und diese umzusetzen. Es braucht neue Arbeitszeitmodelle mit der entsprechenden Arbeitsplatzgestaltung, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu realisieren. Unternehmen sollten Angebote zur Gesundheitsprävention anbieten und den Teamzusammenhalt stärken.

Gibt es noch andere Möglichkeiten, um mit der angespannten Personalsituation umzugehen?

Digitalisierung ist ein wichtiges Thema. Durch digitalisierte Prozesse können Arbeitsprozesse vereinfacht und verschlankt werden. Aber auch die Ausbildung von eigenem Fachnachwuchs oder passgenaue Weiterbildungsangebote helfen Unternehmen die passenden Mitarbeitenden zu bekommen.

Gleichzeitig gilt es, neue Zielgruppen in den Blick zu nehmen. Das können beispielsweise Menschen mit Migrationshintergrund, Langzeitarbeitslose oder auch Frauen sein, die in technischen Berufen immer noch unterrepräsentiert sind. Alle diese Zielgruppen haben besondere Bedürfnisse, auf die gesondert eingegangen werden muss, und benötigen eine spezifische Absprache. (pq)

www.iwkoeln.de

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