Vielfältig

Angesichts der Werbekampagnen und digitalen Vertriebsstrecken der „neuen“ Stromanbieter mag manch ein deutscher Grundversorger ein bisschen rückständig wirken – und ohne Frage machen diese Wettbewerber vieles sehr gut.

Aber Versorgungsangebote und Service müssen eben nicht nur für zahlungskräftige Prosumer-Zielgruppen mit E-Fahrzeugen passen, sondern auch für alle anderen. Damit wird das Geschäft schon deutlich schwieriger. Die Herausforderung: einträgliche Geschäftsmodelle ausbauen, ohne die Daseinsvorsorge zu vernachlässigen.

Hier leisten die kleinen und mittleren Versorger sehr gute Arbeit. Den Chatbot auf der Website, das Wärmepumpen- und Ladestromangebot mit App findet man inzwischen fast überall. Gleichzeitig gibt es aber auch die Energieberatung für Senior:innen, das Solardachprogramm für kommunale Dächer oder Dekarbonisierungslösungen für örtliche Gewerbebetriebe. Dass dabei innerhalb der Branche und darüber hinaus zusammengearbeitet wird, nutzt letzten Endes allen und erhält die Vielfalt der Versorgungsbranche als wesentlichen Erfolgsfaktor am Markt. (pq)

IM GESPRÄCH MIT…

Foto: SWP Stadtwerke Pforzheim GmbH & Co. KG

Marcus Ewald, Abteilungsleiter Kundenservice SWP Stadtwerke Pforzheim GmbH & Co. KG

Herr Ewald, viele mittelgroße Stadtwerke schärfen gerade ihre Vertriebsprozesse: Wie positionieren sich die SWP aktuell bei ihren Kund:innen aus vertrieblicher Sicht?

Als Grundversorger für die Region Pforzheim versuchen wir, nah an unseren Privat- und Gewerbekund:innen zu sein. Dies bedeutet für uns, dass wir neben dem klassischen Commodity-Geschäft im Bereich Strom auch weitere Dienstleistungsmodelle und Produkte rund um aktuelle Energiethemen wie etwa Wärmepumpen, PV-Anlagen, E-Mobilität oder Mieterstrom im Portfolio führen. So bieten wir für Privatkunden, Gewerbe und Industrie beispielsweise den Verkauf von Anlagen genauso an wie Miet- oder Pachtmodelle.

Haben Sie ein paar konkrete Beispiele für solche zusätzlichen Angebote im Strom-Vertrieb?

Nun, für Kund:innen, die sich etwa eine Wärmepumpe einbauen lassen wollen, führen wir vorab einen Wärmepumpencheck durch. Zudem nutzen wir unsere Kooperation mit einem Wärmepumpenhersteller und bieten Pakete an, die aus einem Wärmepumpenstromtarif und der passenden Lösung bestehen – einschließlich umfangreicher Beratung. Generell bemerken wir einen Trend hin zu ganzheitlichen und umfassenden Energielösungen: Daher schnüren wir verstärkt Pakete für unsere Kund:innen, um so einen Mehrwert für sie zu generieren und uns nebenbei vom Wettbewerb abzuheben. Hierzu gehört neben den bereits genannten Beispielen auch ein HEMS-System, dessen Einführung für das Jahr 2026 vorgesehen ist. Dabei stellt die HEMS-Lösung für uns ein Bindeglied dar, um im nächsten Schritt den Kund:innen ein schlüssiges und abgestimmtes Energieökosystem anbieten zu können.

Sie sprachen das Thema Wettbewerb an, wo vieles bekanntermaßen immer noch über den Strompreis abgebildet wird. Wie stark verfolgen die SWP diese Differenzierung über den Preis?

Der Strompreis muss für die Kund:innen immer fair und transparent sein, um mit dem Wettbewerb mithalten zu können. Immer nur zu versuchen, auf Teufel komm raus den billigsten Preis anzubieten, funktioniert nicht und ist nach unserem Dafürhalten auch nicht seriös. Wir wollen lieber die Preise für unsere Kund:innen konstant halten und nicht wie einige Anbieter diese im zweiten Lieferjahr stark erhöhen.

Das Thema Preisgestaltung spielt im Commodity-Geschäft Strom eine wichtige Rolle. Welche Herausforderungen sieht sich die SWP gegenübergestellt, um das Commodity-Geschäft darüber hinaus erfolgreich zu betreiben?

Wir stellen immer mehr fest, dass die Anforderungen an digitale Prozesse und Strukturen wachsen. Vor allem viele der jüngeren Leute wollen typische Kundenprozesse, wie beispielsweise die Abwicklung von Umzügen, als voll digitalisierte Customer Journey erfahren. Einige Mitbewerber zeigen mit ihrer Fokussierung auf den digitalen Kunden, wie diese spezielle Zielgruppe erfolgreich angesprochen werden kann. Allerdings können wir als lokaler Grundversorger nicht einfach alle unsere Vertriebs- und Kundenprozesse auf ‚Online‘ umstellen – schließlich gibt es viele Kund:innen, die den analogen Weg bevorzugen. Tatsächlich bleibt das Vis-à-vis-Gespräch oder auch der schriftliche Kontakt in unserer Kundenkommunikation sehr wichtig und trägt dazu bei, dass wir als maßgeblicher Versorger vor Ort wahrgenommen werden – mit kurzen Wegen der Kunden direkt zu uns. Dem tragen wir als Grundversorger gerne Rechnung und bieten daher für die zentralen Kundenprozesse beide Varianten an: Klassisch analog und digital.

Wo wir gerade bei der Optimierung von digitalen Kundenserviceprozessen sind: Wo stehen die SWP hier?

Wir haben eine digitale Lösung als Pilotprojekt implementiert, die das Gespräch während Kundentelefonaten im Hintergrund datenschutzkonform aufnimmt und live transkribiert. Das System fasst dann die Kernpunkte des Gesprächs schriftlich zusammen und stellt diese den Mitarbeiter:innen im Kundencenter zur Verfügung. Auf diese Weise brauchen sich unsere Teams keine Notizen während der Gespräche machen – vor allem Punkte wie Zählernummern, IBAN und ähnliches kann das System fehlerfrei aufnehmen und wiedergeben. Ein weiteres Feature ist, wenn ein Kunde eine Frage zur Gebührenordnung oder Ähnliches hat, sucht das Live-Transkript direkt den passenden Eintrag in unserer Wissensbibliothek und stellt diesen dem Kundenbetreuer noch während des Gesprächs zur Verfügung. Dieser kann somit direkt solche komplexeren Fragen beantworten.

Kann dieser digitale Ansatz auch für den Vertrieb nutzbar gemacht werden?

Sicher, in einem zukünftigen Schritt planen wir, dass dieses System unseren Servicemitarbeiter:innen automatisch auch passende vertriebliche Fragen während des Gesprächs vorschlägt, die für unsere Vertriebsteams relevant sind. Dies könnte so aussehen, dass, wenn in einem Kundentelefonat das Thema PV-Anlagen zur Sprache käme, auch direkt Fragen zum Dachwinkel, Ausrichtung oder Fläche gestellt werden. Unterm Strich erwarten wir, dass wir unsere Vertriebs- und Kundenserviceprozesse durch den Einsatz digitaler Tools dieser Art noch weiter optimieren können. (cp)

www.stadtwerke-pforzheim.de

Teurer Strom

Bei durchschnittlich 40,1 Cent/kWh lag der Strompreis für Haushaltskund:innen zum Stichtag 1. April 2025. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lebten 2024 in Deutschland 4,2 Millionen Menschen in Haushalten, die ihre Strom- und Gasrechnungen nicht bezahlen konnten. Auch die zahlende Mehrheit freut sich nicht mehr über Post vom Stromversorger. Das legt zumindest eine repräsentative Umfrage im Auftrag von Octopus Energy nahe, der zufolge 67 Prozent der Stromkund:innen den Brief vom Versorger mit der Angst vor Preiserhöhungen, Nachzahlungen oder anderen finanziellen Belastungen verbinden. (pq)

www.bundesnetzagentur.de | www.statista.com
www.bundesregierung.de | www.octopus.energy

10 Millionen Lieferanten- und Vertragswechsel 

bei Haushaltsstromkunden wurden 2024 gezählt. Der Anteil der Kund:innen in der Grundversorgung sank im Vergleich zum Vorjahr um 2 % auf 23 %.
Quelle: Bundesnetzagentur

Foto: Jürgen Fälchle / stock.adobe.com

Kreative Konzepte

Mit meinGaming bieten die SWK Stadtwerke Krefeld GmbH einen Tarif speziell für Gamer an. Entwickelt wurde das Angebot mit WhatsApp-Beratung und KI-Wechselassistenten gemeinsam mit YouTuber Limcube und seinem Netzwerk. E.ON kooperiert mit United Internet Media, Vermarkter der E-Mail-Portale WEB.DE und GMX. Rund 35 Millionen monatlich aktive Nutzer:innen können damit von Ökostrom- und Erdgasprodukten zu besonderen Konditionen profitieren. Die Stadtwerke Münster und eClou haben eine App entwickelt, mit der Hausverwaltungen Ein- und Auszüge digital melden und neuen Mietern direkt Strom oder Glasfaser anbieten können. (pq/pms)

www.swk.de | www.eon.com | www.eclou.net | www.stadtwerke-muenster.de

Foto: png-jpeg-vector / stock.adobe.com

Beliebt

Im Energieversorger-Check überzeugen klassische Stromanbieter mit 87 Prozent positiven Rezensionen (4–5 Sterne). Bei „grünen“ Versorgern liegt der Wert bei 77 Prozent. Der Anteil kritischer Bewertungen (0 bis 2 Sterne) ist bei grünen Energieanbietern mit über 19 Prozent etwas höher als bei klassischen Versorgern (11 Prozent).

www.trustpilot.de

Foto: BNetzA

„Unsere Daten zeigen: Wer die Grundversorgung verlässt, kann mehrere hundert Euro pro Jahr sparen“

Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur

Die enercity AG hat mit dem Beratungsunternehmen inno2grid seit Januar 2024 zwei Geschäftsmodelle für gewerbliche Kunden entwickelt, die Dekarbonisierung und Energieeffizienz verbinden. Pilotprojekte in einem realen Fertigungsunternehmen in Hannover mit hohem Wärmebedarf und Ziel der Dekarbonisierung sowie einem simulierten Wohn- und Gewerbequartier in Hannover mit Wärmepumpen, BHKWs, und Energiemanagement sollen als Blaupause für weitere Kunden dienen – mit Fokus auf skalierbare Lösungen und langfristige Partnerschaften. (pq)

www.enercity.de www.inno2grid.com

Dynamische Tarife – regional und bundesweit

Ergänzend zum dynamischen Tarif für Kund:innen im Grundversorgungsgebiet hat die MVV Energie in Kooperation mit dem digitalen Stromanbieter Ostrom einen bundesweiten dynamischen Tarif aufgelegt. Ostrom ist Lieferant, von der MVV Energie erhalten die Kund:innen bei Abschluss ein smartes Energiemanagementsystem, das vorhandene Anlagen überwacht und unter Berücksichtigung der Börsenpreise steuert. (pq)

www.mvv.de

Von der Börse ins Kundenportal

Seit Januar 2025 bieten die Stadtwerke Meerbusch Willich einen dynamischen Stromtarif mit digitalem Kundenportal an. Grundlage ist die gesetzliche Vorgabe zur Einführung dynamischer Tarife sowie die cloudbasierte Plattformlösung von epilot.

www.stadtwerke-service.de   www.epilot.cloud

Dynamische Stromtarife

Dynamische Stromtarife sind nach §3 EnWG Stromlieferverträge, welche die Preisschwankungen der Spotmärkte innerhalb von einer Stunde (Day-Ahead-Markt) oder von 15 Minuten (Intraday-Markt) im Arbeitspreis abbilden.

Sorglos flexibel

Der Hagener Versorger Mark-E bietet mit dem Flex Charge Tarif einen 24-monatigen Festpreis und die Möglichkeit, beim Laden des E-Autos Geld zu sparen. Mit der Option „Flex-Laden“ können Nutzer:innen ihr E-Auto dann laden lassen, wenn der Strom am Markt günstig ist. Dafür schreibt Mark-E zehn Cent pro kWh in Form von „Flex Coins“ gut, die automatisch von der Stromrechnung abgezogen werden. Zudem übernimmt Mark-E bei Bedarf die Installationskosten des intelligenten Messsystems. (pms)

www.mark-e.de



Flexible Tarife
müssen seit 2025 allen Smart Meter-Kund:innen angeboten werden, lohnen sich aber nur für Verbraucher mit hohen, zeitlich verschiebbaren Lasten und/oder Stromspeichern.

www.neon.energy | www.w-hs.de

 

White Label-Lösungen, die zum Beispiel die Zählerfreunde, Rabot Energy oder Exnaton anbieten, fokussieren sich auf Haushalte mit Elektrofahrzeugen, Wärmepumpen, Speichern und Erzeugungsanlagen. (pq)

www.zaehlerfreunde.de
www.rabot.energy | www.exnaton.ai

Serviceoffensive

Die Stadtwerke Osnabrück haben ihren Kundenservice ausgebaut und sich Unterstützung vom Dienstleister TMA Telesmart geholt. Dieser übernimmt Teile des Energievertriebs und der telefonischen Betreuung. Parallel setzen die Stadtwerke stärker auf digitale Hilfe: Der Chatbot Klara erledigt inzwischen etwa die Hälfte aller Standardfälle, ergänzt durch einen neuen Voicebot für die Hotline. Trotz Automatisierung investieren die Stadtwerke auch in den persönlichen Kontakt, etwa mit einem zusätzlichen Kundenzentrum und neuen Betreuungsmöglichkeiten. (pms)

www.stadtwerke-osnabrueck.de

 

KI-Kollegen

Auf der Plattform von Aristech arbeiten Voice- und Mailbots zusammen. Am Telefon erfassen die elektronischen Assistenten Anfragen in natürlicher Sprache, leiten einfache Prozesse direkt ein und
strukturieren komplexere Gespräche für die spätere Bearbeitung.
Werden mehrere Anliegen gleichzeitig genannt, erkennt das System
diese, priorisiert sie und bereitet die Übergabe an Mitarbeitende vor
– inklusive Kontaktdaten, einer zusammenfassenden Darstellung
des Anliegens sowie potenziellen Antwortvorschlägen. (pms)

www.aristech.de

 

Foto: Langmatz GmbH


Das neue Glasfaser-Übergabesystem
von Langmatz verspricht Kostenersparnis beim Glasfaserausbau: Durch die intelligente Kombination aus Schacht, Hauseinführung und vorkonfektionierten Abschlusspunkten werden die Montageschritte bei der Installation drastisch reduziert. In der Regel genüge ein einziger Termin mit dem Endkunden. (pq)

www.langmatz.de

In nahezu allen HEMS ist die PV-Überschuss-Regelung für BEV, Wärmepumpen und Batteriespeicher umgesetzt. Die Funktion dynamischer Stromtarif für BEV, Wärmepumpe und Batteriespeicher ist jeweils in ca. 60% der Systeme integriert. 77% der HEMS können gen rell einen §14a-Steuerbefehl empfangen und umsetzen – 49% über eine Relais-Steuereinrichtung umsetzen und 35% über das EEBus-Protokoll. Bei weiteren 26% ist dies in Planung. Für beide Varianten gerüstet, sind derzeit 19% der HEMS.

www.campus-feuchtwangen.de