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Drachenstrom

12.05.2026 – Mit seiner Flugwindkraftanlage bringt das Unternehmen EnerKíte eine Technologie in den Markt, bei der ein mobiles „Kite-System“ Strom erzeugt und über eine Basisstation einspeist.

Foto: EnerKíte GmbH

Mobile Stromversorgung aus Windenergie erscheint spontan kaum vorstellbar, denn selbst Kleinwindkraftanlagen können ihren Einsatzort nur schwerlich wechseln. Mit seiner Flugwindkraftanlage hat das Unternehmen EnerKíte eine Lösung entwickelt, die eine mobile und hochverfügbare Stromerzeugung gewährleistet. Das Kite-basierte System eignet sich besonders, um eine autarke Energieversorgung von bis zu 100 kW bereitzustellen und dabei den Strom auch an solchen Orten verfügbar zu machen, wo Niederspannungsnetzanschlüsse fehlen.

Der Aufbau

Die EnerKíte-Lösung besteht aus drei Hauptkomponenten: einer mobilen Bodenstation, einem vollautomatisch gesteuerten Flügel (Kite) sowie drei Seilen, die den Kite mit der Basis verbinden und lenken. Die eigentliche Stromerzeugung folgt dabei dem physikalischen Prinzip der zyklischen Pumpbewegung, die während des sogenannten Achtenfluges des Kites zum Tragen kommt. Während seines Steigfluges im vordefinierten Höhenkorridor zieht der Kite am Seilsystem. Diese Zugkräfte werden dann durch die Drehbewegung der Generatorwinde in der Basisstation zu Strom umgewandelt.

Alle zentralen elektrotechnischen Komponenten wie etwa der Generator, Leistungselektronik, Pufferspeicher, Netzanschluss und Steuerungssoftware sind in der mobilen Bodenstation integriert. „Im Gegensatz zu klassischen Windkraftanlagen haben wir das ‚Brain‘ komplett am Boden. Dies erleichtert die Wartung und steigert die Betriebssicherheit, da keiner mehr eine Gondel oder einen Mast hinaufklettern muss“, erklärt Florian Breipohl, CEO von EnerKíte.

Beim Start des Systems hängt der Kite-Flügel über einen Arm verbunden am Drehkranz der Basisstation. Der Drehkranz selbst wird beim Startprozess aktiv von einem Motor gedreht. Über eine Software werden die Steuerseile des Kites beim Start gelockert und der Flügel steigt während der Drehbewegung des Arms langsam auf. Sobald der Kite genug eigenen Auftrieb besitzt, stoppt die Drehbewegung des Arms und der Flügel setzt seine Startphase allein fort, bis er die vorgegebene Flughöhe erreicht, ab der die eigentliche Stromproduktion beginnt.

Im Erntemodus

Über die Drehbewegung des Mastes wird der Auftrieb für den Start des Kites erzeugt. (Foto: EnerKíte GmbH, Daniel Seiffert)

Sobald der Flügel die „Erntehöhe“ erreicht hat, beginnt die Stromerzeugung. Hierzu fliegt der Hochleistungskite in einem Windfenster zwischen rund 200 und 300 Metern Höhe eine Flugbahn in Form einer Acht ab. Wenn der Flügel seine maximale Ernte-Flughöhe erreicht hat, geht er in einen Gleit-Sinkflug über. In dieser Sinkflugphase wickeln sich die Seile wieder zurück und es wird kein Strom produziert. Hat der Kite seine vordefinierte minimale Starthöhe für den Achtenflug wieder erreicht, beginnt der Erntezyklus von neuem.

Dieses Flugmuster ist unter Effizienzaspekten nahezu optimal, wie Florian Breipohl ausführt: „Unsere Lösung hat eine Zykleneffizienz von neun zu eins: Das heißt, der Kite befindet sich zu rund 90 Prozent im aufsteigenden Ernteflug und zu 10 Prozent in der schnellen Rückholung. In der Praxis dauert so ein Zyklus rund eine Minute, wobei auf den Ernteflug etwa 54 Sekunden und auf die Rückholung sechs Sekunden fallen.“

6.000 Volllaststunden

Da die Flugwindkraftanlage bei ausreichenden Höhenwinden auch nachts betrieben werden kann, produziert sie bis zu 6.000 Volllaststunden pro Jahr und erreicht somit eine höhere Auslastung als viele gängige Wind- oder Solaranlagen. In der aktuellen Konfiguration besitzt das System eine Gesamtleistung von 100 kW, wobei in der mobilen Bodenstation ein 80-kWh-Lithium-Titanat-Pufferspeicher integriert ist. Der Speicher ist notwendig, da der erzeugte Strom nicht direkt aus dem Generator in die lokalen Verbrauchsstellen oder -netze eingespeist wird. Ausgehend vom Speicher – und über einen Bachmann Power-Plant-Controller gesteuert – kann der produzierte 400 V-Drehstrom für eine autarke Stromversorgung vor Ort genutzt werden – etwa zum Betrieb von Ladesäulen, industriellen Microgrids oder landwirtschaftlichen Betriebsgebäuden. Er kann jedoch auch ins lokale Netz eingespeist werden oder durch einen nachgelagerten externen Trafo ins Mittelspannungsnetz fließen.

Leise durch die Nacht

Mit ihren 18 Tonnen-Gesamtgewicht passt die EnerKíte-Anlage auf einen handelsüblichen Tieflader und kann auf vielen Flächen ohne ein tiefes Betonfundament betrieben werden, erklärt Nicole Algeier, COO und Projektierungsingenieurin von EnerKíte: „Unseren Berechnungen zufolge kann das System aus Genehmigungsgründen nur auf rund 12 Prozent der Fläche in Deutschland nicht aufgestellt werden, etwa in Flughafen- oder Windradnähe. Wenn wir einzelne Strukturen, Wohnbebauung oder Straßen in direkter Nähe haben, müssen wir aus technischen Gründen einen Radius von 100 Metern Abstand zur Bodenstation einhalten, um den Kite sicher zu betreiben.“

Auch in Bezug auf die Sichtbarkeit des Kites sowie möglicher Lärmemissionen hat das Entwicklerteam ein Auge gelegt: „Den Kite kann man von der Wahrnehmung her mit einem Segelflugzeug vergleichen – zumal die Seile bereits ab 50 Metern nicht mehr sichtbar sind. Zudem hört man das Rauschen des Kites nur während des Start- und Landevorgangs, wenn er über einen hinwegfliegt. Die Bodenstation an sich produziert nur Geräusche bei der Rotation des Zahnradantriebs während der kurzen Start- und Landephase.“

Damit die Lösung überhaupt Strom erzeugen darf, wird sie als sogenanntes mobiles Hindernis regulatorisch in den Luftraum integriert. Zum Zweck der Flugsicherheit verfügt der Kite über eine nächtliche Befeuerung und kann herannahenden Objekten autonom ausweichen, indem das System die Flughöhe des Flügels absenkt oder im Notfall komplett landet.

Sicherheits- und Flugradien der EnerKítes. (Foto: EnerKíte GmbH)

Flexibler Einsatz

Neben „klassischen“ Anwendungsbeispielen wie der Bereitstellung von Ladeinfrastruktur oder zur Anbindung von Industrieanlagen mit einem Energieverbrauchsband von 500 bis 2.000 MWh, sind weitere Einsatzszenarien denkbar, bei denen die konventionelle Windkraft ungeeignet erscheint. „Wir können unser System auch direkt in Offgrid-Küstenregionen aufstellen, indem wir die Basisstation auf einen küstennahen Ponton fixieren. In Kombination mit einer Ladelösung ließen sich somit wassergebundene E-Fahrzeuge auch ohne einen Netzanschluss aufladen“, skizziert Algeier weitere Use Cases.

Erste Pilotanlage steht

Die Entwickler sehen den EnerKíte eher als Ergänzung zu den etablierten Erneuerbaren und nicht als Konkurrenz zu ihnen. Ihrer Ansicht nach ist der EnerKíte insbesondere mit PV-Parks gut kombinierbar, da er kaum Verschattungen produziert. Eine erste Pilotkundenanlage ist bereits von einem hessischen Dreherei- und Fräsereibetrieb erworben worden, der das System zur Eigenstromproduktion nutzen will. Weitere Vorhaben befinden sich zudem in der Abstimmung mit örtlichen Behörden, etwa für Projekte bei Wacker-Chemie oder DB-Infrago. Auch erste lokale Energieversorger haben ihr Interesse bekundet. Der Produktionsstart der Serie ist für 2030 vorgesehen. (cp)

www.enerkite.de