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INTERVIEW: Netzüberlastung? Die Ursache liegt oft im eigenen Gebäude

17.06.2026 – Bei Störungen im Stromnetz wird der Fehler schnell beim Energieversorger oder Netzbetreiber vermutet. Doch Analysen zeigen, dass viele Probleme nicht aus dem öffentlichen Netz stammen, sondern innerhalb der Niederspannungsinstallation von Gebäuden entstehen. Wie eine differenzierte Betrachtung der gebäudeinternen Netzqualität helfen kann, hat uns Manuel Rust, Verwaltungsrat der ESS MODERN AG, erklärt. 

Manuel Rust ist Verwaltungsrat der ESS MODERN AG. (Bild: ESS MODERN AG)

Manuel Rust ist Verwaltungsrat der ESS MODERN AG. (Bild: ESS MODERN AG)

Herr Rust, man hört, dass es in kommunal oder gewerblich genutzten Gebäuden immer häufiger zu Störungen in der Stromversorgung kommt. Welche Probleme treten nach Ihrer Erfahrung auf? 

In der Praxis zeigen sich vor allem drei Problemfelder: Spannungsschwankungen, Phasenschieflasten und eine zunehmende Belastung durch Netzrückwirkungen. Diese Effekte entstehen häufig schleichend und werden im normalen Gebäudebetrieb zunächst nicht als Ursache erkannt. Sichtbar werden sie oft erst dann, wenn technische Anlagen störanfälliger werden, Sicherungen auslösen, Steuerungen unzuverlässig reagieren oder Betriebsmittel sich stärker erwärmen als erwartet. 

Gerade in gewerblich oder kommunal genutzten Gebäuden hat sich die elektrische Belastung in den vergangenen Jahren stark verändert. Es kommen immer mehr elektronische Verbraucher hinzu: LED-Beleuchtung, IT-Infrastruktur, Ladeinfrastruktur, Frequenzumrichter, Lüftungs- und Klimatechnik, moderne Steuerungen oder Photovoltaikanlagen. Diese Verbraucher sind einzeln betrachtet meist unproblematisch. In Summe können sie aber zu einer deutlich komplexeren Netzsituation führen. Das interne Niederspannungsnetz wird dadurch teilweise stärker beansprucht, als es bei der ursprünglichen Planung des Gebäudes vorgesehen war. 

Wo liegen die typischen Ursachen? 

Nach unserer Erfahrung liegen die Ursachen häufig nicht allein im öffentlichen Netz, sondern zu einem großen Teil innerhalb der eigenen Gebäudeinstallation. Viele Probleme sind also hausgemacht. Das bedeutet nicht, dass Betreiber etwas falsch machen. Vielmehr wurden viele elektrische Anlagen für Lastprofile geplant, die heute so nicht mehr existieren. 

Typische Ursachen sind ungleich verteilte Lasten auf den drei Phasen, veraltete Verteilerstrukturen, hohe Einschaltströme, nichtlineare Verbraucher oder eine gewachsene technische Infrastruktur, die über Jahre erweitert wurde. Hinzu kommen zunehmend Photovoltaikanlagen, Batteriesysteme oder Ladepunkte, die zusätzliche Dynamik in das lokale Netz bringen können. Auch Anlagen aus der Nachbarschaft können in bestimmten Situationen Rückwirkungen erzeugen, die sich im eigenen Gebäude bemerkbar machen. 

Das Problem ist: Diese Zusammenhänge sind von außen kaum sichtbar. Eine Stromrechnung zeigt den Verbrauch, aber nicht die Qualität der Stromversorgung. Ob Spannungen schwanken, die Phasen ungleich belastet sind oder Oberschwingungen auftreten, lässt sich erst durch eine gezielte Netzqualitätsmessung erkennen. Ohne diese Daten wird häufig an Symptomen gearbeitet, ohne die eigentliche Ursache zu kennen. 

Wie lässt sich Abhilfe schaffen? 

Der erste Schritt sollte immer eine belastbare Analyse sein. Bevor technische Maßnahmen geplant werden, muss klar sein, welche Netzsituation im Gebäude tatsächlich vorliegt. Dafür wird an zentralen Punkten der elektrischen Infrastruktur gemessen, meist an der Niederspannungshauptverteilung oder am Transformator. Erfasst werden unter anderem Spannung, Stromverläufe, Phasenbelastung, Blindleistung und Oberschwingungen. 

Auf Basis dieser Daten lässt sich anschließend entscheiden, welche Maßnahmen sinnvoll sind. Je nach Befund können unterschiedliche technische Lösungen eingesetzt werden: Spannungsstabilisierung, Ausgleich von Phasenasymmetrien, Oberschwingungsfilterung oder Systeme zur Kompensation von Blindleistung. Entscheidend ist, dass die Maßnahme zum konkreten Problem passt. Es gibt keine pauschale Lösung für jedes Gebäude. 

Der Vorteil solcher netzseitigen Maßnahmen liegt darin, dass sie direkt an der bestehenden elektrischen Infrastruktur ansetzen. In vielen Fällen müssen weder Maschinen noch die Gebäudenutzung grundlegend verändert werden. Ziel ist es, die interne Stromversorgung zu stabilisieren, Belastungen zu reduzieren und die Betriebssicherheit zu erhöhen. Für Betreiber kommunaler und gewerblicher Immobilien ist das besonders relevant, weil viele Gebäude im laufenden Betrieb funktionieren müssen und größere Eingriffe organisatorisch schwer umsetzbar sind. 

Langfristig geht es daher nicht nur darum, Störungen zu beseitigen. Es geht darum, Transparenz über das eigene Netz zu schaffen und die elektrische Infrastruktur so zu betreiben, dass sie zu den heutigen Anforderungen passt. Gerade bei wachsenden Lasten durch Digitalisierung, Elektrifizierung und Eigenstromerzeugung wird diese Betrachtung immer wichtiger. 

Also wird die Qualität der Stromversorgung für kommunale und gewerbliche Immobilien zunehmend zu einem entscheidenden Betriebsfaktor. Moderne Verbraucher, Ladeinfrastruktur, Photovoltaik und gewachsene Gebäudetechnik verändern die Anforderungen an interne Niederspannungsnetze deutlich. Viele Störungen entstehen nicht plötzlich, sondern entwickeln sich schleichend und bleiben ohne gezielte Netzqualitätsmessung oft unerkannt. Wer Betriebssicherheit erhöhen, Ausfälle vermeiden und seine elektrische Infrastruktur zukunftsfähig machen will, sollte deshalb nicht nur den Energieverbrauch, sondern auch die Netzqualität systematisch betrachten. (cp) 

www.ess-modern.ch