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Pläne für die letzte Meile

18.07.2025 – Wie die Verteilnetzbetreiber die Energiewende im lokalen Netz umsetzen wollen und welche Hürden sie dabei befürchten, zeigen aktuelle Umfrageergebnisse von Schneider Electric.

Das Ziel Deutschland bis zum Jahr 2045 klimaneutral zu gestalten, stellt die rund 860 Verteilnetzbetreiber vor große Herausforderungen: Schließlich sollen sie dafür Sorge tragen, Millionen neuer Verbrauchs- und Erzeugungsanlagen ins Verteilnetz zu integrieren. Dabei müssen die lokalen Netzbetreiber – neben der Bewältigung der ansteigenden Lasten durch Wallboxen und Co. – auch das volatile Einspeiseverhalten kleinerer PV-Anlagen berücksichtigen und managen. Einblicke, wie die VNBs diese große Aufgabe stemmen wollen, und wo sie Chancen und Risiken sehen, gibt eine vom Handelsblatt Research Institute (HRI) im Auftrag von Schneider Electric durchgeführte Umfrage unter 105 Entscheidungsträger:innen deutscher Netzbetreiber.

Massive Investitionen

Wie sich die Investitionen in das Verteilnetz bis 2030voraussichtlich entwickeln werden. (Zustimmungswerte, in %)

Wie sich die Investitionen in das Verteilnetz bis 2030 voraussichtlich entwickeln werden. (Zustimmungswerte, in %) (Quelle: Schneider Electric / HRI)

Die Ergebnisse der Schneider-Electric-Studie „Zukunftsfähige Verteilnetze“ zeigen, dass die Netzbetreiber mit starker Investitionstätigkeit auf die anstehende Transformation des Verteilnetzes reagieren wollen. So erwarten fast neun von zehn Befragten (86 Prozent), dass die Investitionen in den Ausbau der Netzkapazität bereits bis zum Jahr 2030 stark ansteigen werden. Ähnliches gilt für die Digitalisierung des Verteilnetzes: Hier prognostiziert die überwiegende Mehrheit (83 Prozent) bis 2030 deutlich zunehmende Investitionen. Auch für die Instandhaltung des Bestandsnetzes rechnen viele Interviewte mit einer
zunehmenden Investitionstätigkeit – wobei rund 50 Prozent nur leicht ansteigende Ausgaben für Bestandsmaßnahmen erwarten. Obwohl fast alle VNBs den Ausbau des Verteilnetzes ganz vorne anstellen, sind
viele jedoch mit den zeitlichen Rahmenbedingungen unzufrieden: Rund 80 Prozent der befragten Entscheider:innen halten die Zeitpläne für den Ausbau der Verteilnetze für (eher) unrealistisch.

Der Hürdenlauf

Trotz der klaren Investitionsbereitschaft dürfte es bei der Umsetzung teilweise haken, denn die Befragten identifizieren gleich mehrere Hürden, die sich für den anvisierten Ausbau des Verteilnetzes als hinderlich erweisen könnten. Wenig überraschend sehen insgesamt 94 Prozent der Verantwortlichen im Personalmangel eine (zum Teil) große Herausforderung, wenn es um die Erweiterung des Verteilnetzes geht.

Zusätzlichen Gegenwind für die ehrgeizigen Ausbaupläne dürfte nach Ansicht vieler Befragter aus dem Baubereich kommen. Vor allem die Engpässe im Baugewerbe (88 Prozent) sowie die oftmals
langwierigen Genehmigungsverfahren (78 Prozent), dürften den Umbauprozess im Verteilnetz teilweise behindern.

Trotz der von Seiten der Politik zugesicherten finanziellen Beteiligung am Transformationsprozess im Verteilnetz, erwarten viele der interviewten Studienteilnehmer:innen finanzielle Engpässe beim Ausbau. Branchenvertreter warnen schon länger davor, das Problem der Finanzierbarkeit von Großinvestitionen zu unterschätzen. Vor allem kleinere Stadtwerke haben bisweilen große Schwierigkeiten, sich mit frischem Investitionskapital zu vernünftigen Zinskonditionen zu versorgen, da die Eigenkapitalverzinsung vieler Stadtwerke kaum wettbewerbsfähig ist.

Welche Herausforderungen Netzbetreiber beim Ausbau des Verteilnetzes sehen.(Zustimmungswerte, in %)

Welche Herausforderungen Netzbetreiber beim Ausbau des Verteilnetzes sehen. (Zustimmungswerte, in %). (Quelle: Schneider Electric / HRI)

Digitale Hoffnung

Bis die „letzte Meile“ flächendeckend im digitalen Zeitalter ankommen wird, dürften an einigen Orten noch veraltete analoge Komponenten das Bild im Verteilnetz bestimmen. Dies belegen auch die Umfrageergebnisse: Demnach sind ebenso viele Studienteilnehmer:innen zuversichtlich, dass ihre Verteilnetze bis 2030 digital steuerbar sein werden, wie dies bezweifeln. Ein Grund für die Unsicherheit dürfte unter an derem im geplanten knappen Zeitkorridor liegen, in dem die Verteilnetze ausgebaut werden sollen.

Grundsätzlich wird die Digitalisierung der Verteilnetze jedoch eher als Chance wahrgenommen. Vor allem die antizipierten Vorteile hinsichtlich der Transparenz im Verteilnetz werden von den befragten VNBs hervorgehoben: 80 Prozent der Studienteilnehmer:innen erhoffen sich von der Digitalisierung mehr Nachvollziehbarkeit über den tatsächlichen Strombedarf und -produktion der ans Netz angeschlossenen Haushalte.

Auch Caroline Pim, Vice President Power Systems DACH bei Schneider Electric, hebt die zentrale Bedeutung der Netztransparenz hervor: „Der erste Schritt zu einem stabilen Netz ist Transparenz. Das heißt, es braucht eine Digitalisierung der Infrastruktur, damit die Netzbetreiber dann in einem zweiten Schritt eine automatisierte Netzsteuerung in Echtzeit implementieren können. So sind die Ortsnetzstationen nicht länger Black Boxes, was Energieverbrauch und -einspeisung oder den Gerätezustand angeht.“

Zudem sollte durch die Digitalisierung der Schritt hin zu einer besseren Integration elektrischer Lasten und erneuerbarer Energieanlagen ins Verteilnetz leichter fallen – zumindest erwartet dies eine Mehrheit (etwas mehr als 70 Prozent) der Interviewten.

Welche Vorteile Netzbetreiber von derDigitalisierung der Verteilnetze erwarten. (Zustimmungswerte, in %) Es konnten bis zu drei Antwortenalternativen ausgewählt werden. (Quelle: Schneider Electric / HRI)

Welche Vorteile Netzbetreiber von der
Digitalisierung der Verteilnetze erwarten.
(Zustimmungswerte, in %)
Es konnten bis zu drei Antwortenalternativen ausgewählt werden. (Quelle: Schneider Electric / HRI)

Es gibt viel zu tun

Bei den Digitalisierungsbemühungen legen die VNBs verschiedene Schwerpunkte für die kommenden Jahre. So geben insgesamt 87 Prozent der Befragten an, sich in den nächsten Jahren verstärkt um den Ausbau von Smart Metern kümmern zu wollen – wobei rund 52 Prozent der Interviewten voll und ganz hinter diesem Vorhaben stehen. Der Strategie, zukünftig verstärkt auf die Errichtung intelligenter Ortsnetzstationen zu setzen sowie die Netzleittechnik zu modernisieren, stimmt das Gros der Befragten ebenfalls (tendenziell) zu. Darüber hinaus haben die interviewten Entscheider tendenziell noch weitere Digitalisierungsthemen wie beispielsweise Predictive Analytics, Geoinformationssysteme oder Big Data auf dem Schirm.

… und täglich grüßt §14a

Bekanntermaßen können die Netzbetreiber mit der seit 2024 gültigen Neuregelung des § 14a EnWG steuerbare Verbraucher wie Wallboxen oder Wärmepumpen im Falle einer Netzüberlastung temporär dimmen. Durch diese Maßnahme sollen kurzfristig auftretende Netzengpässe entschärft werden. Allerdings legen die Studienergebnisse nahe, dass beim Thema rund um den §14a weiterhin einige Vorbehalte das Bild der Verteilnetzbetreiber prägen. Die überwiegende Mehrheit der befragten VNBs geben in der Studie an, dass sie bei der Umsetzung von §14a (teilweise) mit Engpässen beim Fachpersonal und technischem Material rechnen (zusammengenommen 89 Prozent). Genauso deutlich positionieren sich die Befragten hinsichtlich der erwarteten Kosten, die mit der Implementierung von §14a einhergehen: Für 89 Prozent der Entscheider:innen ist klar, dass diese Vorgaben ihre Unternehmen (teilweise) vor große finanzielle Herausforderungen stellen werden. Zudem bezweifeln viele VNBs, dass mit der flächendeckenden Anwendung des Paragraphen mehr Zeit für den physikalischen Netzausbau „erkauft“ werden könne.

Welche digitalen Lösungen Verteilnetzbetreiber in den nächstenJahren verstärkt ausbauen werden. (Zustimmungswerte, in %) (Quelle: Schneider Electric ( HRI)

Welche digitalen Lösungen Verteilnetzbetreiber in den nächsten
Jahren verstärkt ausbauen werden. (Zustimmungswerte, in %) (Quelle: Schneider Electric ( HRI)

Gut gerüstet

Die erfolgreiche Umsetzung der Energiewende auf der „letzten Meile“ ruht nach Ansicht der Studienautoren demnach auf zwei zentralen Säulen: dem gezielten Ausbau der Netzinfrastruktur, um die physikalischen Kapazitäten auszuweiten, sowie der Erhöhung der Leistungsfähigkeit und Stabilität des Netzes unter Einsatz von Digitalisierungsprozessen. Die Netzbetreiber stehen somit in den kommenden Jahren vor einem Strauß an Aufgaben, um ihr Verteilnetz fitfür die Zukunft zu machen. (cp)

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