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Schlau ab Werk

03.08.2026 – Mit digitalisierten Niederspannungsverteilungen (NSV) will das Überlandwerk Groß-Gerau für mehr Transparenz im eigenen Netz sorgen. Das Ingenieurbüro Eidt und Jean Müller lieferten die vorkonfigurierte und vorparametrierte Pilotstation.

Foto: Jean Müller GmbH

Die Anforderungen an die Niederspannungsnetze verändern sich grundlegend: So müssen etwa Lastflüsse präziser bewertet werden und der Netzausbau gezielter erfolgen – das alte Prinzip, die lokalen Verteilnetze einfach zu überdimensionieren, stößt an seine Grenzen. Mit diesen Fragestellungen hat sich auch die Überlandwerk Groß-Gerau GmbH (ÜWG) beschäftigt, wie Lars Nehrkorn, Abteilungsleiter Technische Planung bei der ÜWG berichtet: „Unsere bisherigen Niederspannungsverteilungen lieferten nur kumulierte Momentaufnahmen des Stromverbrauchs auf Ortsnetzebene. Zwar haben wir die Trafobelastungen historisch erfasst und dokumentiert, doch uns fehlte bis dato die Möglichkeit, Einzelstromkreise in der NSV abgangsstrangscharf zu messen und diese Daten zu speichern, um sie zu nutzen.“

Doch gerade für die Planung zukünftiger Netzerweiterungen seien diese Informationen entscheidend, da sie eine wesentlich belastbarere Grundlage bilden und so eine gezieltere Dimensionierung neuer Betriebsmittel erlauben. Um erste Erkenntnisse für die zukünftige Netzausbaustrategie im Groß-Gerauer Netzgebiet ableiten zu können, wurde daher in einer Pilotanlage eine vorkonfektionierte Niederspannungsverteilung samt intelligenter Messtechnik von Jean Müller und dem Ingenieurbüro Eidt in der Kleinstadt Ginsheim-Gustavsburg aufgebaut. „Mit dieser neuen voll digitalisierten NSV können wir nun genau verstehen, wie sich die Transparenz auf der Abgangsebene für einen präziseren Netzausbau einsetzen lässt und welche Daten künftig tatsächlich benötigt werden“, führt Nehrkorn weiter aus.

Vollausstattung

Für das Pilotvorhaben wurde das Ingenieurbüro Eidt ins Boot geholt, das die Integration der neuen TOKEO smartgrid-Leisten sowie des PLVario-II-Systems von Jean Müller übernehmen sollte. Die Gesamtlösung erfasst sämtliche relevanten elektrischen Kenngrößen und übernimmt zudem die Datenaufbereitung sowie -speicherung. So lassen sich unter anderem Lastverläufe oder Lastspitzen nicht nur in Echtzeit beobachten, sondern auch langfristig historisieren. Durch vorkonfigurierte Schnittstellen für die Fernwirktechnik ist die Anlage bereits für die geplante Anbindung an die Netzleitstelle der Mainzer Netze GmbH vorbereitet, welche die Netzführung übernehmen soll.

Ein weiterer Unterschied zu gängigen Niederspannungsverteilstationen zeigt sich auch bei der Montage. Während in der Regel Primär- und Sekundärtechnik erst auf der Baustelle vor Ort aufgebaut und vernetzt werden, kommt die Pilotanlage bereits im Werk komplett aufgebaut, geprüft und parametriert zu ihrem zukünftigen Arbeitsort. „Früher mussten zunächst die Leisten in der NSV montiert und anschließend die gesamte Messtechnik einzeln verdrahtet werden. Dafür waren häufig unterschiedliche Monteure am Werk: Zuerst kam der Primärtechniker für die Leisten, danach folgte der Kollege aus der Sekundärtechnik für die Anbindung der Messtechnik“, berichtet Dorian Müller, Produktmanager für Messelektronik bei Jean Müller: „Die Pilotanlage in Ginsheim-Gustavsburg wurde jedoch als komplette Einheit praktisch anschlussfertig angeliefert und musste nur noch von unten mit dem Verteilnetz verbunden und die Leisten beschriftet werden. Im Prinzip wie ein Musterhaus für NSV“.

Auch Fabian Eidt vom gleichnamigen Ingenieurbüro sieht darin einen wesentlichen Benefit. Das System sei bewusst so konzipiert worden, dass Netzbetreiber eine möglichst kompakte, weitgehend vorgefertigte und einfach zu installierende NSV erhalten: „Unser Ziel war eine Lösung, mit der sich die einzelnen Abgänge ohne großen Integrationsaufwand erfassen lassen. Gleichzeitig wollten wir die gesamte Inbetriebnahme vereinfachen“, so Eidt.

Die Monteurteams können auf andere Messdaten – etwa auf Abgangsebene – zugreifen, die sie für ihren Einsatz benötigen. (Foto: Jean Müller GmbH)

Plug and Play

Bei der Inbetriebnahme setzt Jean Müller in diesem Projekt auf ein durchgängiges Plug-and-Play-Konzept. Die verbauten Messgeräte werden hierzu automatisch erkannt und vorkonfiguriert, sodass eine manuelle Parametrierung vor Ort – etwa von Spannungsbereichen oder Stromwandlern – weitgehend entfällt. Möglich wird dies, da die TOKEO smartgrid-Leisten bereits im Werk zusammen mit der Messelektronik geprüft und alle relevanten Parameter hinterlegt wurden. So erkennt der zentrale Datensammler die installierte Hardware automatisch, verarbeitet die eingehenden Messwerte und stellt die Daten der übergeordneten Fernwirktechnik – soweit angeschlossen – unmittelbar zur Verfügung.

Eine Datenbasis, zwei Blickwinkel

Für die Visulisierung und Nutzung der Daten wurde das PLVario-II-System direkt ab Werk mit in die Gesamtlösung integriert. Die gewonnenen Messdaten werden dabei abhängig vom jeweiligen Nutzerkreis unterschiedlich aufbereitet. Hierzu lassen sich beispielsweise zwei separate Netzwerkparameter konfigurieren, sodass jede Nutzergruppe ausschließlich auf die für sie relevanten Informationen zugreifen kann. „Jede Partei bekommt die Daten, die sie benötigt. Während die Netzführung vor allem Lastflüsse oder Betriebszustände im Blick hat, interessieren den Monteur vor Ort eher aktuelle und historische Einzelmesswerte. Mit PLVario kann ein Servicetechniker bei einer Fehlermeldung bereits vor der Anfahrt zur NSV auf aktuelle Betriebsdaten und historische Lastverläufe zugreifen. Dadurch lässt sich häufig schon eingrenzen, wann und an welchem Abgang Unregelmäßigkeiten aufgetreten sind – was die Fehlersuche beschleunigt“, stellt René Gamber, Teamleiter Application Engineering bei Jean Müller, ein typisches Praxisszenario dar.

Die Leitwarte hat über das PLVario-II-System einen vordefinierten Zugriffskreis von Messdaten – etwa den Blick auf die Aktual- sowie Min/Max-Werte. (Foto: Jean Müller GmbH)

„Fernwirk-Ready“

Auch auf die Fernwirktechnik wurden von Seiten der Projektbeteiligten ein gesondertes Augenmerk gelegt, wie Lars Nehkorn erläutert: „Noch bevor die Station final über die Fernwirktechnik an die Mainzer Leitstelle angebunden wird, war es für uns als Betriebsführer der Anlage wichtig, dass wir von Anfang an die gemessenen Daten erst einmal lokal in der NSV speichern können. Da wir Stand jetzt nicht genau wissen, wie wir die Fernwirkprozesse im Detail aufsetzen, war es von Vorteil, dass die Anlage bereits komplett Fernwirk-Ready ausgeliefert wurde.“

Um die Flexibilität der Fernwirkanbindung möglichst hoch zu halten, unterstützt die NSV die gängigen Kommunikationsstandards wie Modbus TCP, Modbus RTU oder MQTT. Damit lässt sich die Anlage an nahezu alle am Markt verbreiteten Fernwirklösungen anbinden. Die hohe Kommunikationsfähigkeit der Gesamtlösung schafft noch weitere Mehrwerte für die Betriebsführung: So können die Technikteams viele Aufgaben von der Zentrale aus erledigen, indem sie von außen über die digitalen Schnittstellen auf die Anlagensoftware zugreifen. Auf diese Weise lassen sich unter anderem Updates aufspielen, ohne dass ein Monteur extra raus zur NSV fahren muss, um dies händisch vor Ort zu erledigen. Zudem ist die Lösung mit einer automatisierten Reportingfunktion ausgestattet, die im Bedarfsfall selbstständig Mails an die zuständigen Personen sendet – etwa, wenn die Anlage bestimmte Schwellenwerte unter- oder überschreitet.

Selbst wenn die Fernwirktechnik einmal ausfallen sollte, bleiben die Messdaten in der NSV erhalten. Sie werden intern gespeichert und können bei Bedarf vor Ort ausgelesen werden – wahlweise direkt aus dem internen Speicher oder über eine entnehmbare SD-Karte. Damit gehen keine wichtigen Messdaten mehr verloren und die ÜWG bleibt über die Vorgänge in ihrem Netz weiterhin informiert. (cp)

www.jeanmueller.de

www.eidtgmbh.de

www.uewg.de