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Dominoeffekte bei der Digitalisierung

22.03.2022 – Stadtwerke und Energieversorger beginnen, Vertriebs-, Kunden- und Marktprozesse neu auszurichten. Innovative Digitalisierungskonzepte können dabei wichtige Anstöße geben.

Wenn bestimmte Ereignisse eine Kette unaufhaltsamer Folgeeffekte auslösen, spricht man üblicherweise von Dominoeffekten. Tatsächlich lässt sich auch bei der Digitalisierung in der Energiewirtschaft beobachten, dass die ersten Steine fallen – und eine lange Reihe fundamentaler Veränderungen anstoßen. Ausgelöst wird diese Bewegung durch das zunehmend unattraktive Stromgeschäft bei steigendem Kostendruck, durch gewandelte Kundenerwartungen und potenziell attraktive neue Geschäftsfelder etwa in den Bereichen Metering, Energieeffizienz, Erneuerbare Erzeugung, Elektromobilität oder Smart City, wo sich allerdings auch zahlreiche, teilweise branchenferne Wettbewerber positionieren. Weitere Anstöße gibt eine neue Generation von Fach- und Führungskräften, die Prozesse neu denken und Digitalisierung selbstverständlich einbeziehen. Nicht zuletzt profitiert die Branche von ausgereiften IT-Konzepten, Tools und Services, die sich in anderen Märkten längst bewähren.

Nicht zu unterschätzen in diesem Zusammenhang ist auch die Rolle der großen Versorger, die in den letzten Jahren eine erhebliche Innovationskraft entwickelt haben. Sie können heute nicht nur vieles bereitstellen, was eine kleineres Stadtwerk braucht, um seinen Kunden zum Beispiel überzeugende Elektromobilitätsangebote zu machen oder Erneuerbare Erzeugung zu ermöglichen. Sie haben auch den Geist der Branche verändert.

Dominosteine

Foto: iStock.com/ Floriana

Neues Denken bei der Digitalisierung der Versorgungsbranche

Betrachtet man die unterschiedlichen Studien zum Digitalisierungsgrad der Versorgungsbranche, zeigt sich beispielsweise, dass 78 Prozent derzeit eine hohe Aktivität im Bereich der digitalen Kundenzentrierung entwickeln und neue Anwendungsfälle planen (Digital@EVU 2021). Auf den Websites selbst kleiner Stadtwerke wird das sichtbar. Insgesamt 76 Prozent der EVU sehen demnach die Optimierung und Digitalisierung von Prozessen als oberste Priorität für Kompetenzentwicklung. Schlüsselprojekte sind beispielsweise die Ablösung von SAP ISU – entweder durch Einführung von S4/HANA oder einen Wechsel des ERP-Systems und die Bereitstellung von Kundenportalen. Auch der Prozessautomatisierung und Standardisierung, beispielsweise in Form einer digitalen Bauakte, wird hohe Bedeutung eingeräumt (Utility 4.0 Studie 2021).

Grafik Utility 40 Studie prego services

Quelle: Utility 4.0 Studie 2021, prego services GmbH

Im Werkzeugkasten von Stadtwerken tauchen immer häufiger Kunden-Apps, Chatbots, KI-basierte Planungstools, Cloudlösungen für Mess- und Sensordaten und andere innovative Lösungen auf. Kooperationen werden selbstverständlicher: Gerade kleine und mittlere Versorger arbeiten immer häufiger mit Start-ups und Hochschulen, mit anderen Werken oder sogar mit spezialisierten Unternehmen aus den neuen Versorgungsmärkten zusammen, die die Stadtwerke als wichtige Schnittstelle zum Kunden mit Lösungen und Services ausstatten. Die Vorbehalte gegen Neues nehmen ab, die Neugier und die Veränderungsbereitschaft wachsen. Viele Digitali­sierungsprojekte sind sehr erfolgreich – und stoßen weitere Schritte an.

Dynamik erhalten

In der Gesamtsicht greift das Bild der virtuos geplanten Installationen aus kleinen Steinen, die in einer einzigen fließenden Bewegung fallen, doch nur eingeschränkt. Im letzten „Barometer zur Digitalisierung der Energiewende“ von Ernst&Young erreichte die Branche 44 von 100 Punkten. Zentrale Meilensteine auf dem Weg zur Digitalisierung der Energiewirtschaft werden in der Regel nicht in der vorgesehenen Zeit erreicht, die Ergebnisse erfolgreicher Forschungsprojekte können nicht in die Praxis übernommen werden, wichtige regulatorische Weichenstellungen erfolgen nicht. Bürokratieabbau, eine bessere Ausstattung der zuständigen Behörden und eine konsequente Beschleunigung wichtiger Gesetzesvorhaben könnten da helfen – das sieht die neue Bundesregierung ganz richtig.

Der Studie Digital@EVU 2021 zufolge sind 80 Prozent der Unternehmen mit der Verbreitung von digitalisierungsrelevanten Kompetenzen im Unternehmen nicht sehr zufrieden. Die für die Utility 4.0 Studie 2021 befragten Stadtwerke und Netzbetreiber bemängeln vor allem mangelnde Zeit und Manpower für Digitalisierungsprojekte (81, 8 Prozent). Dieses Problem hat sich durch Corona und die jüngsten Entwicklungen am Energiemarkt definitiv noch verschärft. Über die Hälfte benennen IT-technische und organisatorische Hindernisse – also Hausaufgaben, die in den Unternehmen selbst erledigt werden müssen. Die Beispiele auf den folgenden Seiten können dabei vielleicht unterstützen. (pq)