28.08.2026 – Elektromobilität: Mit jedem intelligent gesteuerten Ladepunkt wächst ein komplexes Netzwerk aus Plattformen, Partnern, Protokollen und Datenströmen, das neue Anforderungen an die Cybersicherheit stellt.
Der Ladevorgang eines Elektrofahrzeugs beruht auf einem komplexen Zusammenspiel verschiedener technischer Organisationen und Systeme. Dazu gehören Abrechnungen, Roaming, das Fahrzeug, der Netzbetreiber und intelligente Energiemanagementsysteme eine Rolle. Die verstärkte Interaktion all dieser Systeme vergrößert die Angriffsfläche für Cyberangriffe.
Manipulationen bleiben unbemerkt
Die häufigste Fehleinschätzung ist, dass die Ladesäule das alleinige Ziel solcher Angriffe ist. Es reicht ein Einblick in die Infrastruktur, über die mit den verschiedenen Systembeteiligten kommuniziert wird – dazu zählen Dienstleister, das Backend oder Verschlüsselungssysteme. Ein Angreifer kann potenziell Zugriff auf angeschlossene Ladepunkte, Kundendaten sowie energiewirtschaftliche Steuersysteme erhalten. Die steigende Zahl an Mobilitätsanbietern, Plattformen und Betreibern macht es schwieriger, das gesamte System zu überwachen, zu schützen und abzusichern.
Ein weiteres Problem ist, dass nicht jeder Cyberangriff automatisch die Infrastruktur lahmlegt. Derartige Manipulationen können über einen längeren Zeitraum unbemerkt bleiben. Im Bereich des Smart Charging sind dies veränderte Zählerstände, kompromittierte Kundendaten, verfälschte Abrechnungsdaten und leicht veränderte Ladeparameter. Sind die Manipulationen unauffällig, werden sie möglicherweise zu spät erkannt und weiten sich auf das Gesamtsystem aus. Es muss zusätzlich eine kontinuierliche Überprüfung und Überwachung im Geräteverhalten, Kommunikationsmuster oder Steuerungsparameter erfolgen.
Eine zentrale Rolle spielen digitale Identitäten und Zertifikate. Plug-and-Charge-Szenarien nach ISO 15118-2 ermöglichen beispielsweise sowohl einen komfortablen Ladevorgang als auch eine automatisierte Authentifizierung von Fahrzeug und Ladepunkt. Die Sicherheit hängt damit nicht nur von Passwörtern oder Zugangskarten, sondern auch von einer funktionierenden Public-Key-Infrastruktur und einem zuverlässigen Management kryptografischer Schlüssel ab.
Neue Technologien, neue Risiken
Durch Technologien wie Vehicle-to-Grid (V2G) und Vehicle-to-Home (V2H) wird das Risikoprofil komplexer. Elektrofahrzeuge sind nicht mehr nur Verbraucher – sie können die Energie speichern und wieder abgeben. Fahrzeugbatterien sind dann ein steuerbares Element des Energiesystems. Für die Energiewirtschaft bietet es einen Vorteil; zeitgleich entstehen neue Möglichkeiten für weitere Manipulationen.
Werden Lastmanagementparameter gezielt verändert, können zahlreiche Ladepunkte gleichzeitig aktiviert, deaktiviert oder in ihrer Leistung gesteuert werden. Ein einzelner kompromittierter Ladepunkt hat nur begrenzte Auswirkungen – werden jedoch viele Systeme koordiniert manipuliert, können daraus Lastspitzen oder andere unerwünschte Schalthandlungen entstehen. Im schlimmsten Fall wäre die Stabilität des Stromnetzes gefährdet. Entscheidend ist, welche Steuerbefugnisse einzelne Systeme besitzen und wie sich diese im Fall einer Kompromittierung begrenzen lassen.
„Technologisch braucht es dafür unter anderem Zero-Trust-Prinzipien, Netzwerksegmentierung, sichere Firmware-Updates, kontinuierliches Monitoring und ein professionelles Zertifikats- und Schlüsselmanagement. Ebenso wichtig ist ein systematisches Threat Modeling: Unternehmen müssen nachvollziehen, über welche Pfade sich ein Angreifer durch das Ökosystem bewegen könnte und an welchen Stellen ein Vorfall besonders hohe Auswirkungen hätte“, sagt Konrad Fels, Head of EV Charging Business Development bei NTT DATA. (rp)



