23.07.2026 – Bis zur massentauglichen CLS-Infrastruktur und der Erschließung der damit verbundenen wirtschaftlichen Potenziale ist noch einiges zu tun. Wir sprachen mit Dr. Sören Patzack, Partner Digitalisierung bei BET Consulting, und Leon Bücher, Leiter Kompetenzteam Smart Metering, über den Status quo, die Hürden und Chancen des Steuer-Rollouts.

Dr. Sören Patzack, Partner Digitalisierung, BET (li.) und Leon Bücher,
Leiter Kompetenzteam Smart Metering, BET. Fotos: BET Consulting GmbH, Claudia Fahlbusch
Wo steht die Branche tatsächlich?
Leon Bücher: Der Steuerungs-Rollout hat die reine Konzept- und Laborphase inzwischen verlassen. Erste Marktteilnehmer verfügen über produktive End-to-End-Strecken und bauen Steuerungseinrichtungen in relevanten Stückzahlen ein. Nach unserer aktuellen Markthochrechnung waren Ende des zweiten Quartals 2026 rund 65.000 Steuerungseinrichtungen installiert. Damit ist die Branche deutlich weiter als noch vor einem Jahr. Gemessen an den perspektivisch mehreren Millionen steuerbaren Verbrauchs- und Erzeugungsanlagen steht sie allerdings weiterhin am Anfang.
Besonders stark treten derzeit wettbe- werbliche Messstellenbetreiber auf. Nach unserer Markteinschätzung entfallen rund 70 Prozent der bislang installierten Steuerungseinrichtungen auf wMSB. Bei einem relevanten Teil der großen gMSB erwarten wir deshalb den eigentlichen Übergang in den Massenprozess erst im Jahr 2027.
Und wie sieht es mit der Infrastruktur aus?
Sören Patzack: Die Infrastruktur ist aus unserer Sicht besser als ihr Ruf, aber noch nicht so betriebssicher und standardisiert, wie es erfolgreiche Demonstrationen einzelner Steuerungsvorgänge vermuten lassen. Die wesentlichen Komponenten sind am Markt verfügbar. SMGW, Steuerboxen, CLS-Managementsysteme und digitale Schnittstellen können grundsätzlich zusammenarbeiten.
Entscheidend ist aber, ob dieser Vorgang mehrere tausend Mal pro Tag automatisiert, nachvollziehbar, abrechenbar und mit beherrschbaren Fehlerquoten durchgeführt werden kann. Hier besteht der größte Nachholbedarf. Ausnahmefälle, Störungen, Gerätewechsel, fehlerhafte Stammdaten, nicht vorbereitete Kundenanlagen und unterschiedliche Systemversionen sind vielfach noch nicht ausreichend automatisiert. Die größte Herausforderung liegt dabei in der digitalen Abbildung der Kundenanlage in den IT-Systemen und der damit verbundenen Marktkommunikation. Hierfür sind vielfach noch die Netzzugangsprozesse und damit verbunden Netzzugangsportale zu ertüchtigen.
Welche typischen Schwierigkeiten und Hindernisse werden deutlich?
Leon Bücher: Tatsächlich hakt es in der Praxis noch an vielen Stellen. Das beginnt mit den ERP-Landschaften, die nicht für die Bestellung und den Betrieb komplexer Mess- und Steuerungsprodukte entwickelt wurden. Häufig fehlen geeignete Produktmodelle, Gerätekombinationen, Statuslogiken und Abrechnungsprozesse – und speziell in SAP-Systemen sind Anpassungen langwierig und sehr kostenintensiv. Hinzu kommen in der MaKo Schwierigkeiten bei der eindeutigen Zuordnung von Markt- und Messlokation, Steuerungseinrichtung, steuerbarer Anlagen und Netzanschlusspunkten. Die Kundenanlage muss hierüber ebenfalls als „digitaler Zwilling“ in der Marktkommunikation abgebildet werden.
Weder der Universalbestellprozess noch die durchgängige Steuerungskette ist bei allen VNB und MSB schon vollständig umgesetzt. In der Praxis sind Systeme, Formate und Fehlerroutinen noch nicht überall ausreichend stabil.
Auch bei den Kundenanlagen und Zählerschränken gibt es Hürden: Typische Probleme sind fehlender Einbauplatz, fehlende Spannungsversorgung, ungeeignete Leitungswege oder nicht vorhandene digitale Schnittstellen zur Wärmepumpe, Wallbox, zum Speicher oder Wechselrichter. Im Ergebnis kann die Installation der Steuerbox erfolgreich sein, während die eigentliche Anlage trotzdem noch nicht digital steuerbar ist. Im Feld gilt es also mit Relaiskontakten, proprietären Herstellerschnittstellen und digitalen Kommunikationsstandards zu arbeiten.
Bei den Netzbetreibern fehlen häufig die digitalen Voraussetzungen für die Steuerung – etwa die Zuordnung von Anlagen zu Netzsträngen und Ortsnetzstationen. Der Steuerungs-Rollout muss deshalb eng mit der Digitalisierung der Netztopologie und dem Aufbau von Netztransparenz verbunden werden.
Und nicht zuletzt müssen die Installateure für die energiewirtschaftlichen und digitalen Inbetriebnahmeprozesse fit gemacht werden.
Lässt sich ein Steuerungs-Rollout in der Grundzuständigkeit wirtschaftlich umsetzen – und wenn ja, wie?
Sören Patzack: Ja, der Steuerungs-Rollout kann wirtschaftlich umgesetzt werden. Das zeigen ja auch die Geschäftsmodelle mehrerer wMSB, die schon relevante Stückzahlen innerhalb des bestehenden regulatorischen Erlösrahmens installieren und mit den heutigen POG bereits gutes Geld verdienen.
Ein Selbstläufer ist das jedoch nicht. BET hat das BMWE bereits bei der Herleitung der Preisobergrenzen für Steuerungseinrichtungen beraten. Auf dieser Grundlage und aus unseren aktuellen Projekten kennen wir sowohl die regulatorische Kalkulationslogik als auch die realen Kostenstrukturen der Messstellenbetreiber. Nach unseren Projekterfahrungen können die durchschnittlichen CAPEX- und OPEX-Kosten eines effizient aufgestellten gMSB unterhalb der vorgesehenen Preisobergrenze liegen.
Voraussetzung dafür ist standardisierte Hardware, die in ausreichender Stückzahl beschafft wird. Es braucht schlanke Beschaffungs- und Logistikprozesse und möglichst wenige Vor-Ort-Termine. Marktkommunikation und Abrechnung müssen möglichst weitgehend automatisiert sein und natürlich muss ein skalierbares Betriebsmodell für GWA und CLS-Management existieren. All das erfordert sinnvolle Make-or-Buy-Entscheidungen, die der Größe des MSB gerecht werden.
Der größte Kostentreiber ist übrigens häufig nicht die Steuerbox selbst, sondern die Summe aus IT-Integration, Installation, Nacharbeiten, Fehlerklärung und späterem Betrieb.
Was bedeutet das für gMSB und Verteilnetzbetreiber?
Sören Patzack: Für gMSB ist es essenziell wichtig, dass sie nun ihre Business- und Rolloutpläne anpassen und dabei den Steuerungs-Rollout berücksichtigen. Denn künftig müssen deutlich höhere Investitionen im Messstellenbetrieb getätigt werden – das muss finanziert und kaufmännisch im Unternehmen abgebildet werden. BET begleitet gerade viele gMSB dabei, ihre Business- und Rolloutpläne für CLS anzupassen, oder teilweise überhaupt erst aufzubauen.
Dabei zeigt sich oft auch, dass über den regulierten Business Case hinaus weitere wirtschaftliche Potenziale entstehen: Neben der Steuerung nach § 14a EnWG respektive § 9 EEG, liegen die zum Beispiel in der marktlichen Optimierung von Speichern, Wärmepumpen und Elektrofahrzeugen sowie in den Bereichen dynamische Tarife, intelligentes Laden oder Einbindung von HEMS. Die strategische Chance des CLS-Kanals liegt gerade darin, eine gemeinsam nutzbare, sichere Infrastruktur für regulierte und marktliche Anwendungen bereitzustellen.
Für Verteilnetzbetreiber liegt der Nutzen der Infrastruktur nicht zwingend in unmittelbaren Erlösen. Wirtschaftlich relevant ist aber definitiv die Möglichkeit, mit einer funktionierenden CLS-Infrastruktur neue Verbraucher und Erzeuger schneller zu integrieren und vorhandene Netzkapazitäten besser auszunutzen beziehungsweise auch die Netze gezielter auszubauen. Gleichzeitig sinken die Engpass- und Störungsrisiken und unnötige pauschale Abregelungen können vermieden werden.
Was raten Sie?
Sören Patzack: Nicht zu lange auf die vermeintlich endgültige Lösung warten. Die wesentlichen technischen Bausteine sind verfügbar. Unternehmen sollten jetzt eine beherrschbare End-to-End-Kette aufbauen, unter realen Bedingungen lernen und diese anschließend konsequent industrialisieren. (pq)


