24.07.2026 – Messdaten aus tausenden von Ortsnetzstationen deutschlandweit wurden von Technologieanbieter SMIGHT analysiert. Die Ergebnisse geben klare Hinweise zum Steuerungsbedarf in der Niederspannung.

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Um einen sicheren Netzbetrieb zu gewährleisten, dürfen Netzbetreiber auch in den unteren Spannungsebenen über das CLS am intelligenten Messsystem steuernd eingreifen. Die Vorgaben sind in Kraft, doch lange fehlten die Grundlagen für die Beurteilung der tatsächlichen Gegebenheiten in den Niederspannungsnetzen. Das ändert sich sukzessive – digitale Stationsmesstechnik ist breit verfügbar und etabliert sich in der Praxis. „Damit können wir erstmals einen umfassenderen Blick auf die realen Last-, Einspeise- und Netzsituationen im deutschen Niederspannungsnetz werfen“, konstatiert Oliver Deuschle, Geschäftsführer von SMIGHT.
Tatsächlich können die Karlsruher auf eine breite Datenbasis zurückgreifen. Zwischen Januar 2023 und April 2026 haben über 160 VNB aus dem gesamten Bundesgebiet minutenscharf vierphasige Messungen in rund 5.000 Ortsnetztrafos durchgeführt – sowohl in städtischen als auch in eher ländlichen geprägten Netzen. Diese Messungen an ingsgesamt etwa 40.000 Niederspannungsabgängen hat der Karlsruher Technologieanbieter nun ausgewertet.
Viel Leistungsreserve

Histogramm der relativen Wirkleistung gemessener Niederspannungsabgänge. (Grafik: SMIGHT GmbH)
Dabei zeigte sich: Die Situation in den Niederspannungsnetzen hat sich zwar deutlich verändert, Grund zur Besorgnis besteht jedoch nicht, wie Oliver Deuschle erklärt: „Reale Lastprofile weichen inzwischen zwar erheblich von klassischen Standardprofilen ab, die Auswertung der gemessenen Niederspannungsabgänge zeigt aber, dass das deutsche Niederspannungsnetz im Mittel aktuell noch über deutliche Leistungsreserven verfügt.“ Für die Analyse wurden die Monatsmaxima der absoluten Wirkströme auf Abgangsebene betrachtet und auf die jeweiligen Sicherungswerte normiert. Der Hochpunkt der Verteilung liegt dabei bei rund 15 Prozent Auslastung im Lastfall und etwa 24 Prozent im Rückspeisefall.
„Das bedeutet natürlich nicht, dass es keine kritischen Netzsituationen gibt“, ordnet Oliver Deuschle ein. „Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass aktuell keine flächendeckende strukturelle Überlastung des Niederspannungsnetzes erkennbar ist. Vielmehr treten kritische Situationen lokal und punktuell auf.“ Die Ausbauplanung und Vorbereitung steuernder Eingriffe müssten somit auf spezifische Hot Spots und lokale Gleichzeitigkeitseffekte fokussieren.
Problem Rückspeisung

In den Sommermonaten speisen rund zwei Drittel der Trafostationen täglich Energie in die Mittelspannung zurück. (Grafik: SMIGHT GmbH)
Doch wodurch entstehen solche Probleme in der Praxis? Um diese Frage zu beantworten, analysierte SMIGHT kritische Abgänge – rund 1.400 von etwa 50.000 – mit einer Belastung von mehr als 80 Prozent des Sicherungswertes im 95. Perzentil des Effektivstroms. Hier liegen nicht nur kurzfristigen Lastspitzen, sondern auch strukturell hohe Dauerauslastungen vor. Anhand der Richtung des Wirkstroms bei maximalem Effektivstrom differenzierte man die Ursachen der Belastung. Dabei zeigt sich ein bemerkenswertes Phänomen: Kritische Abgangsauslastungen sind inzwischen häufiger einspeisegetrieben als lastgetrieben. Oliver Deuschle ordnet ein: „Die Diskussion über Netzengpässe fokussiert sich bislang auf steuerbare Lasten. Die Messdaten zeigen jedoch, dass die Einspeiseseite zunehmend an Bedeutung gewinnt. Einspeisemanagement wird damit immer wichtiger – und das längst nicht mehr nur in ländlichen Netzgebieten.“ Noch deutlicher wird diese Entwicklung auf Ebene der Ortsnetzstationen. Hier wurde untersucht, in wie vielen Trafostationen mindestens einmal pro Tag ein 15-Minuten-Intervall mit negativem Wirkleistungsfluss – also Rückspeisung in die Mittelspannung gemessen wurde. In den Sommermonaten ist dies bei rund zwei Dritteln der betrachteten Trafostationen der Fall.
„Das Niederspannungsnetz fungiert also nicht mehr primär als Verbrauchsnetz, sondern zunehmend auch als dezentrale Einspeiseebene“, fasst Oliver Deuschle zusammen. Die Herausforderung verschiebt sich dadurch in die übergelagerten Spannungsebenen, denn die Rückspeisung aus der Niederspannung muss in Mittel- und Hochspannungsnetzen aufgenommen und koordiniert werden. Der SMIGHT-Geschäftsführer ist daher überzeugt, dass die zentrale Aufgabe der kommenden Jahre weniger im klassischen Lastmanagement liegen wird. Entscheidend sei vielmehr die Spannungsebenen übergreifende Koordination von Einspeisung, Flexibilität und Netzbetrieb. Das birgt jedoch neue Herausforderungen: Datenqualität, Interoperabilität der Systeme, standardisierte Schnittstellen und die Koordination der Prozesse zwischen Spannungsebenen sind die Voraussetzung für eine durchgängige Steuerung.
Marktmechanismen begrenzt wirksam

Relative Energiemenge im Vergleich zum Börsenpreis (Tagesbeispiel). (Grafik: SMIGHT GmbH)
Parallel dazu stellt sich die Frage, ob Marktmechanismen bereits heute netzdienliches Verhalten fördern. Aus der Praxis zeigt sich: Negative Börsenpreise treten zwar häufig in Phasen hoher PV-Einspeisung auf – eine systematische Entlastung des Netzes lässt sich daraus aber noch nicht ableiten. Das deutet darauf hin, dass flexible Verbraucher und Speicher bislang noch nicht in ausreichendem Umfang vorhanden oder steuerbar sind, um netzdienlich auf Marktanreize zu reagieren. Dynamische Tarife allein bewirken daher noch kaum Veränderungen im Netz.
Herausforderung Steuerkette
Oliver Deuschle betont vor vor diesem Hintergrund die Bedeutung technischer Lösungen: „Einspeisemanagement nach §9 EEG und Laststeuerung nach §14a EnWG ermöglichen gemeinsam ein aktives Eingreifen – auf Basis realer Messdaten, nicht auf Preissignale allein.“ Dabei sei das Monitoring nur der erste Schritt: „Perspektivisch muss daraus ein dynamischer Zwilling des Netzes entstehen, der Live-Daten, Wetterinformationen, Topologie und Netzmodelle miteinander verknüpft“, so der SMIGHT-Geschäftsführer. Gleichzeitig gewinne die HS/MS-Koordination an Relevanz: Wenn übergelagerte Netzbetreiber Steuersignale in die Niederspannung weitergeben, müssen Niederspannungsnetzbetreiber technisch bereit sein, diese zu empfangen und auszuführen. Das setzt eine durchgängige Steuerkette – von der Messung bis zum Steuerbefehl – voraus, wie sie SMIGHT derzeit mit einem dynamischen Netzmanagementsystem (SMIGHT NeMS) aufbaut. (pq)


