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Maßgeschneiderte Sicherheit

24.07.2026 – Bei der Arbeit mit Strom ist Sicherheit oberstes Gebot. Die Westnetz will besser schützen als gesetzlich vorgeschrieben. Anbieter Iturri entwickelte dafür eine persönliche Schutzkleidung, die Störlichtbögen von bis zu 10kA eine Sekunde lang standhält.

Foto: Westnetz GmbH

Störlichtbögen zählen zu den gefährlichsten Ereignissen in elektrischen Anlagen: Die Luft oder ein anderes Medium ionisiert zwischen zwei leitfähigen Teilen, sodass sehr hohe Ströme durch ein Plasma fließen. Dies erzeugt Druckwellen und lässt Temperaturen auf mehr als 10.000 Grad Celsius hochschnellen. Bei technischen Bauteilen führen diese Ereignisse „nur“ zur Zerstörung, beim Überschlag auf eine Person sind sie jedoch potenziell tödlich.

„Gegen diese und andere Gefahren bildet die persönliche Schutzausrüstung (PSA) gemäß dem sogenannten STOP-Prinzip die letzte Bastion, wenn alle vorherigen Schutzmechanismen versagen“, erläutert Frauke Birnkammer, Hauptansprechpartnerin für die PSA von rund 7.000 Mitarbeiter:innen bei der Westnetz. Wie die Ausrüstung für die jeweiligen Einsatzbereiche beschaffen sein muss, ist durch Gesetze, Richtlinien der Berufsgenossenschaften und interne Vorgaben klar geregelt. Birnkammer und ihre Kolleg:innen beraten und unterstützen den größten deutschen Verteilnetzbetreiber bei der Umsetzung der komplexen Vorschriften – von der Geschäftsführung bis hin zu den Monteur:innen vor Ort. „Sicherheit – darunter auch das Tragen der PSA – wird nur dann konsequent gelebt, wenn die Mitarbeitenden verstehen, dass sie letztlich im Eigeninteresse handeln. Das versuchen wir in Schulungen und vielen Gesprächen zu vermitteln“, berichtet Frauke Birnkammer.

Gleichzeitig fragt sie auch sehr genau nach, wie sich die Schutzkleidung im Arbeitsalltag bewährt. Ihre Erfahrung: „Je bequemer, funktionaler und auch optisch ansprechender die vorgeschriebenen Jacken, Hosen und Shirts sind, desto besser werden sie angenommen.“

Das bedeutet: Gute Schutzkleidung verbindet maximale Sicherheit mit größtmöglichem Komfort. Die besondere Herausforderung bei der Westnetz: Die technischen Anforderungen an die PSA gehen deutlich über die gesetzlichen Vorgaben hinaus.

10 kA für eine Sekunde

Für den Lichtbogenschutz bemisst sich die Schutzklasse in Stromstärke und Zeit: Laut EN 61482-1-2 muss die Schutzkleidung in der APC 1 (Klasse 1) einer Lichtbogenenergie von bis zu 4 kA für 0,5 Sekunden standhalten. Einen deutlich höheren Schutz bietet die APC 2-Klassifizierung, bei der rund 7 kA für 0,5 Sekunden aufgenommen werden können. „Noch zu Zeiten der RWE wurde ein Anforderungsprofil – einschließlich entsprechender Testverfahren – entwickelt, nach dem die PSA sogar einem Lichtbogenereignis von 10kA eine Sekunde lang aushalten muss“, berichtet Frauke Birnkammer. „Leider haben wir lange keinen zweiten Hersteller gefunden, der das umsetzen konnte.“

Dies änderte sich jedoch 2022, als Iturri an der Westnetz-Ausschreibung teilnahm und sich an den 10 kA-Schutz wagte. Bis dato kannte man das Unternehmen nur aus der Feuerwehrtechnik. Doch ihr Angebot, eine PSA zu liefern, deren Lichtbogenschutz sogar über die Schutzklasse APC 2 hinausgeht, und die dabei noch angenehm zu tragen ist, überzeugte.

Robert Barthel, Geschäftsführer der deutschen Iturri GmbH, berichtet: „Das war auch für uns eine Herausforderung, denn konventionell ließ sich dieses Schutzniveau nur mit besonders dicken Materialschichten umsetzen, die im Arbeitsalltag deutliche Einschränkungen für die Beschäftigten mit sich bringen.“ Diese Einschränkung zu überwinden, reizte die Iturri-Fachleute – zumal die Vorteile vermutlich nicht nur Großkunden wie die Westnetz, sondern auch kleinere Netzbetreiber überzeugen könnten. „Wir wollten auch ihnen die Möglichkeit bieten, bestmöglichen Schutz „von der Stange“ zu bekommen“, führt Barthel aus.

Drei Lagen gewinnen

Drei Gore-Tex-Lagen, verbunden durch einen spezielle Kleber, sorgen für den besonderen Lichtbogenschutz. (Foto: W.L.Gore & Associates)

Bei der Umsetzung und Überführung in die Serienproduktion konnte der aus Spanien stammende Ausrüster auf seine Partnerschaft mit GORE-TEX zurückgreifen. Der Hersteller, die W. L. Gore & Associates GmbH mit Fertigung in Putzbrunn, hat neben den bekannten Materialien für Sportbekleidung auch die PYRAD by GORE-TEX LABS Textil- technologie für Schutzkleidung im Portfolio. Diese bietet besonders hohen Schutz vor Störlichtbögen, Hitze und Flammen.

Hersteller Iturri kombinierte die PYRAD- echnologie mit selbst entwickelten Geweben. So entstand ein Material, das Lichtbögen von bis zu zu 10kA eine Sekunde lang standhält – und sich damit in der Ausschreibung bei Westnetz durchsetzte. Es besteht aus drei Lagen, die zu einer einzigen Schicht verbunden werden. Dieses dreilagige Laminat absorbiert die thermische Energie des plötzlich auftretenden Störlichtbogens und verteilt sie auf der PSA-Oberfläche weiter.

Airbag gegen Hitze

Möglich wird dies durch die Kleberschicht zwischen den einzelnen Textillagen, wie Robert Barthel ausführt: „In die Klebelage ist ein Blähgraphit eingearbeitet. Sobald dieser Blähgraphit durch eine hohe thermische Energiezufuhr aktiviert wird, folgt eine chemische Reaktion. Diese führt dazu, dass sich der Graphit im Klebstoff schlagartig aufbläht. Hieraus resultiert dann die Schutzfunktion gegen die blitzartig auftretende Hitze des Lichtbogens – also im Prinzip ein Airbag gegen Hitze.“

Störlichtbogenprüfung einer Iturri Wetterschutzjacke mit Pyrad Technologie gemäß EN 61482-1-2 Box Test. (Foto: W. L. Gore& Associates)

Im Ergebnis kommt auf der ebenfalls feuersicheren Unterseite des Laminats nur ein Bruchteil der freiwerdenden Hitze an. Da der Stoff gleichzeitig nicht schmilzt, sind die Betroffenen im Fall der Fälle nicht nur vor direkten Verbrennungen, sondern auch vor schweren Verletzungen durch schmelzende Materialien geschützt. Nach einem Energieeinschlag erfolgt dementsprechend keine großflächige Verbrennung des Materials – es bildet sich lediglich eine verkohlte oberste Textilschicht. Die Jacken und Hosen bewahren die Träger zusätzlich vor statischer Aufladung nach EN 1149-3/-5 und zeigen sich resistent gegenüber flüssigen Chemikalien nach EN 13034 Typ 6 (PB).

Ergonomisch und bequem

Auch der Tragekomfort überzeugte bei der Westnetz, die auch in dieser Hinsicht möglichst keine Kompromisse machen wollte. Die Monteurteams sollen sich draußen im Feld weitgehend frei bewegen können – möglichst unbeeinträchtigt von Hitze, Kälte oder Regen. „Hier bietet das GORE-TEX-Material klare Vorteile, da es relativ elastisch und atmungsaktiv ist, erläutert Robert Barthel. „Manche Träger bezeichnen die Jacke als Softshell, welche effektiv gegen Wind und begrenzt auch gegen Nässe schützt.“ Besonders herauszustellen sei jedoch das geringe Gewicht: „Obwohl unsere PSA höhere Sicherheit bietet als die Lichtschutzklasse 2, ist sie deutlich leichter als bisher bekannte Lösungen.“

Um den Tragekomfort optimal zu gestalten, bietet Iturri seine 10kA-Jacke als Damen- und auch als Herrenmodelle an. Vorgeformte Ärmel und ein verstellbarer Bund sorgen für zusätzliche Bequemlichkeit. Bei der Hi-Vis-Variante gewährleisten zum Beispiel Reflexstreifen und kontrastfarbige Krägen gute Sichtbarkeit bei der Arbeit. Damit die Kleidungsstücke möglichst lange halten, sind sie teilweise an Ellbogen und Knien mit besonders robustem Material verstärkt.

Foto: Iturri GmbH

Bei den Teams der Westnetz, die die PSA von Iturri im Einsatz testeten, kamen die neuen Produkte gut an: „Unsere Monteure und Monteurinnen haben durchweg positives Feedback zum Tragekomfort gegeben,“ berichtet Frauke Birnkammer, die die Rückmeldungen immer auch an Iturri weiterleitet – damit die PSA kontinuierlich verbessert werden kann. Dabei geht es oft um Details, wie etwa die Frage, wo welche Taschen an der PSA angebracht sind – schließlich gilt es, die unterschiedlichsten Werkzeuge oder Verbrauchsmaterialien während der Arbeit schnell einmal „zwischenparken“ zu können. „Hier ist das Feedback der Mitarbeitenden besonders hilfreich“, betont Frauke Birnkammer. Wenn nötig, ließen sich solche Wünsche umsetzen, ohne dass dabei zwangsläufig eine komplett neue Schutzzertifizierung vorgenommen werden muss.

In hochsichtbarem Warngelb und kräftigem Blau macht die PSA auch modisch etwas her, findet sie – und das sei weit mehr als nur eine ästhetische Forderung: „Eine optisch ansprechende und leichtere Schutzkleidung wird von unseren Mitarbeitenden viel eher akzeptiert und folgerichtig gerne getragen“, so Frauke Birnkammer. Und darauf komme es doch im Ernstfall an, da nur eine genutzte Schutzkleidung Schlimmeres verhindern kann. (cp/pq)

www.iturri.com/en/

www.westnetz.de