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Bereit für die Wende

06.12.2023 – Digitalisierung und Netzstabilisierung in den Niederspannungsnetzen sind zentrale Themen für Politik und Stromversorger. Aber wie offen sind die Besitzer von Wärmepumpen oder PV-Anlagen für diese Themen und neue Technologien? Eine Umfrage im Saarland gibt Einblicke.

Die steigende Zahl an Projekten für die verstärkte und intelligente Integration erneuerbarer Energiequellen und die Ertüchtigung der Verteilnetze ist überaus willkommen und notwendig. Um jedoch die Potenziale solcher Projekte voll auszuschöpfen und auch außerhalb der Forschung nutzbar zu machen, ist es entscheidend zu verstehen, wie offen Haushalte für neue Technologien sind und wie hoch ihre Kenntnisse über den eigenen Einfluss auf die Netzstabilität sind.

Die meisten saarländischen Haushalte sind offen für Flexibilitätshandel und die Unterstützung bei der Netzstabilisierung. (Foto: anatoliy_gleb / shutterstock.com)

Im Rahmen des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz geförderten Forschungsprojektes FlexChain ging das August-Wilhelm Scheer Institut gemeinsam mit dem Projektpartner Stadtwerke Saarlouis GmbH und dem assoziierten Projektpartner StoREgio GmbH dieser Fragestellung nach, insbesondere im Hinblick auf die Bereitschaft der Haushalte, Flexibilitäten bereitzustellen. Flexibilitäten sind hierbei zeitliche Verschiebungen von Lasten durch Prosumer. Nachfrage und Angebot an elektrischer Energie werden dabei je nach Auslastung des Stromnetzes verschoben und angepasst. Eine der Schlüsselkomponenten ist das „Matching“ zwischen der Nachfrage nach Flexibilität und dem verfügbaren Angebot. Hier setzt das FlexChain Projekt an: Ein benutzerfreundliches, dezentral organisiertes Informations- und Kommunikationstechnologie-System (IKT) soll vorhandene Flexibilitätspotenziale sowie Bedarfe identifizieren und die Prognose von Netzengpässen ermöglichen.

Thema Netzstabilität im Haushalt

Das Forschungsprojekt befindet sich aktuell am Ende der Forschungs- und Entwicklungsphase und wurde vor kurzem mithilfe von zwei Haushalten in einem Feldtest im Netzgebiet der Stadtwerke Saarlouis prototypisch umgesetzt. „Es ist uns ein ganz wichtiges Anliegen, dass sich auch Haushalte in Zukunft ein bisschen netzdienlicher verhalten können. Und da freuen wir uns, mit FlexChain ein potenzielles passendes Instrument gefunden zu haben, das in diese Richtung zielt“, kommentiert Guillem Tänzer, Mitarbeiter der Stadtwerke für innovative Projekte. Die Systeme der beiden Teilnehmenden befinden sich zurzeit in der Anfangs- und Aufbauphase und sollen im Laufe des restlichen Jahres getestet werden. 2024 sollen die Ergebnisse anschließend ausgewertet werden und Informationen darüber liefern, ob das in FlexChain erforschte System alltagstauglich ist. Um nach Durchführung der Feldtests die breitere Umsetzung des Forschungsprojekts erreichen zu können und auch weitere Forschungsmöglichkeiten zu eröffnen, ist es von entscheidender Bedeutung zu verstehen, welche Ressourcen verfügbar sind, wie bereit Haushalte sind, diese bereitzustellen und ob sie sich ihres Einflusses auf die Netzstabilität bewusst sind. Für diesen Zweck führten die FlexChain Projektpartner im Sommer 2023 eine Online-Umfrage unter Kunden des Netzbetreibers in Saarlouis durch, die eine PV-Anlage und gegebenenfalls Energiespeicher, Wallbox und Wärmepumpe betreiben. Ziel der Umfrage war es, Einblicke in die Meinungen und Einstellungen in Bezug auf die Energiewende und die Unterstützungsbereitschaft für Forschungsprojekte wie FlexChain oder andere innovative Lösungen zu gewinnen. Die Daten wurden anonymisiert erhoben und sollen dazu beitragen, ein vertieftes Verständnis für die Herausforderungen und Chancen im Bereich erneuerbarer Energien zu entwickeln.

Offen und flexibel

Nachhaltigkeit und Umweltaspekte sind für rund 80 Prozent der Befragten Motivation für die Auseinandersetzung mit dem Thema Energieeffizienz. (Grafik: AWS-Institut)

Die Ergebnisse zeigen, dass die Haushalte prinzipiell für Flexibilitätshandel und die Unterstützung bei der Netzstabilisierung offen sind, allerdings auch weiterer Wissensaustausch notwendig ist, um die Probleme des Energiesystems der Zukunft behandeln zu können. Besonders im Bereich Information und Öffentlichkeitsarbeit wünschen sich einige Teilnehmende mehr Aktivität seitens der Verteilnetzbetreiber. „Dort sollte mehr Öffentlichkeitsarbeit betrieben werden, damit die Privatperson auch ein klein wenig verfolgen kann, wie das eigene Handeln die Probleme im öffentlichen Verteilnetz praktisch forciert oder etwas dämpft.“ Rund 80 Prozent der Befragten gaben ihren Bedarf an Informationen über mögliche Beiträge von Haushalten zur Energiewende als Grund für ihre Motivation zur Teilnahme an der Umfrage und ihr Interesse an diesem Projekt an. Dieses Ergebnis bestätigen auch die Teilnehmenden an dem vor kurzem gestarteten Feldtest. Es fehle jedoch an Transparenz, um sich netzdienlich verhalten zu können, kommentierte ein Feldtestteilnehmer. Der Beitrag der Haushalte beschränke sich darauf, Steuerung zuzulassen und Informationen und Schnittstellen zur Verfügung zu stellen.

Angemessene finanzielle Vergütung

Das Forschungsprojekt FlexChain legt besonderen Wert auf die Gewährleistung der Nachteilslosigkeit bei der Bereitstellung von Flexibilitäten und dem finanziellen Handel. Das bedeutet, dass die Haushalte weiterhin uneingeschränkten Zugriff auf ihren selbst erzeugten Strom haben und gleichzeitig eine angemessene finanzielle Vergütung für ihre Flexibilitätsbereitstellung erhalten. Die Umfrage ergab, dass diese Aspekte von den Teilnehmer:innen auch als wesentliche Voraussetzungen für ihre Bereitschaft zur Unterstützung des Netzbetreibers bei der Stabilisierung des Stromnetzes identifiziert wurden (keine Nachteile durch Verschiebung: 73 Prozent, freie Verfügung über den produzierten Strom: 57 Prozent, angemessene finanzielle Vergütung: 81 Prozent). Interessanterweise stieg des Weiteren die Bereitschaft zur Unterstützung und das Bewusstsein über den Einfluss des eigenen Haushalts auf die Netzstabilität im Durchschnitt mit zunehmender Anzahl an bereits erworbenen Energietechnologien und durchgeführten Investitionen im Haushalt.

Die Hälfte aller befragten Besitzer einer PV-Anlage in privaten Haushalten hat auch bereits in ein Energiespeichersystem investiert. (Grafik: AWS-Institut)

Die am häufigsten kombinierten Energietechnologien in den Haushalten waren PV-Anlagen und Energiespeichersysteme, wobei alle Energiespeichersysteme jünger als fünf Jahre waren. Diese Kombination konnten 49 Prozent der Teilnehmenden aufweisen. Im Allgemeinen sind die meisten Energietechnologien in den Haushalten weniger als fünf Jahre alt. Eine Ausnahme bilden Photovoltaik- und Wärmepumpensysteme, die teilweise älter als fünf oder sogar 15 Jahre waren.

Investitionen in Speicher und Wallboxen

Um einen Überblick über die genutzten Technologien und Zukunftspläne zu erhalten, fragte das Team vom August-Wilhelm Scheer Institut auch nach bereits installierten Technologien sowie geplanten Investitionen. Jeweils ein Drittel der Befragten besaßen bereits eine, zwei oder drei der abgefragten Stromteilnehmer im Haus (PV-Anlage, Energiespeicher, Wallbox, Wärmepumpe), lediglich 8 Prozent der Befragten gab an, alle abgefragten Technologien zu nutzen. Die Umfrage zeigte auch, dass eine Tendenz zu weiteren Investitionen besteht. Etwa vier von zehn Haushalten planen, in ihre Photovoltaik-Anlagen zu reinvestieren, während der gleiche Anteil auch eine Investition in Energiespeichersysteme in Erwägung zieht. Darüber hinaus planen ein Drittel der Haushalte in den nächsten drei Jahren die Investition in eine Wallbox, wohingegen die wenigsten Haushalte sich zu Investitionen in Wärmepumpen äußern. Hier sprechen sich weniger als zwei von zehn Haushalten für eine zeitnahe Investition aus. (bs)

www.swsls.de
www.aws-institut.de
www.storegio.com