26.02.2026 – Netze BW testet witterungsabhängigen Freileitungsbetrieb und kurative Netzführung. Das Ziel ist die Anwendung im gesamten Netzgebiet.

Freileitungen der Netze BW sollen zukünftig bei kalter Witterung höher ausgelastet werden. (Bild: Rockafox/stock.adobe.com)
Mehr als 330.000 Erzeugungsanlagen mit insgesamt 8,5 Gigawatt Leistung sind an das Hochspannungsnetz der Netze BW angeschlossen. Das entspricht etwa acht Großkraftwerken, die rund drei Millionen Haushalte versorgen können – Tendenz steigend. Durch die zunehmende Elektrifizierung in Verkehr, Wärme und Industrie steigt zudem der Strombedarf perspektivisch weiter an. Beide Entwicklungen führen zu einer deutlich höheren Auslastung des Stromnetzes.
Um das Hochspannungsnetz (110 Kilovolt) an diese gestiegenen Anforderungen anzupassen, setzt Netze BW nicht nur auf neue Leitungen, sondern optimiert auch den Betrieb des bestehenden Netzes. „Mit den neuen Ansätzen können wir erneuerbare Energien schneller ins Netz integrieren und müssen weniger in den Netzbetrieb eingreifen, um Überlastungen zu vermeiden“, erläutert Fred Oechsle, verantwortlich für die Entwicklung der Stromnetze bei Netze BW. „Das hilft, die Kosten für Netzausbau zu senken, während die Versorgungssicherheit auf gleich hohem Niveau bleibt.“
Ein Ansatz ist der Witterungsabhängige Freileitungsbetrieb (WAFB), bei dem man die Tatsache nutzt, dass die Strombelastbarkeit von Freileitungen maßgeblich von der Temperatur des Leiterseils bestimmt wird: Bei kühlem Wetter und Wind kann die Übertragungskapazität im Einzelfall um über 25 Prozent steigen. In einem aktuellen Pilotprojekt testet Netze BW das Verfahren in der Praxis. Der WAFB ist in Baden-Württemberg besonders anspruchsvoll, da die wechselhafte Topografie – etwa Schwarzwald, Schwäbische Alb und Alpenvorland – regionale Unterschiede bei Wind und Temperatur verursacht.
Daher setzt der Netzbetreiber jedoch nicht auf statische Grenzwerte, sondern misst die tatsächliche Temperatur per Sensor. So können die Leitungen jederzeit optimal genutzt und das Stromnetz deutlich gestärkt werden. Weitere Praxistests sollen zeigen, wie groß das Potenzial tatsächlich ist.
Automatisierung für mehr Netzkapazität

Im Rahmen der kurativen Netzführung muss der Netzbetreiber seltener den Windpark abregeln. (Bild: Netze BW GmbH)
Die Netze BW zählt zudem zu den ersten deutschen Verteilnetzbetreibern, die im Rahmen des Netzausbauplans 2026 die kurative Netzführung in die Netzanalysen ihres Hochspannungsnetzes integrieren.
Bei diesem Verfahren werden Eingriffe in die Erzeugung erst dann – aber dafür automatisiert – ausgelöst, wenn tatsächlich eine Störung wie ein Leitungsausfall eintritt. Im heutigen Betrieb erfolgen solche Maßnahmen dagegen überwiegend präventiv. Jetzt hat Netze BW erstmals die kurative Netzführung praxisnah erprobt: Eine simulierte Störung im Umspannwerk wurde vom zentralen Leitsystem automatisch erkannt und führte dank eines eigenen Algorithmus zur schnellen, automatisierten Abregelung eines Windparks mit 33 Megawatt Leistung, um die Netzstabilität zu sichern.
„Die erfolgreiche Anbindung unseres Windparks an das automatisierte Netzmanagement der Netze BW zeigt, wie moderne Lösungen die Energiezukunft sicher und effizient unterstützen. Wir sind stolz, Teil dieses zukunftsweisenden Pilotprojekts zu sein“, freut sich Georg Honold, technischer Betreiber des Windparks von Schweizer-Honold Energiesysteme.
Die nächsten Schritte
Der witterungsabhängige Freileitungsbetrieb wird künftig auf weiteren Leitungsabschnitten untersucht und in das zentrale Leitsystem integriert. Parallel dazu werden die Möglichkeiten der kurativen Netzführung konsequent weiterentwickelt. Beide Ansätze sollen sukzessive im gesamten Netzgebiet angewendet werden können, um langfristig die Übertragungskapazität des Hochspannungsnetzes zu steigern. (pq)

