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Werkzeug für Netzverträglichkeit

09.09.2025 – Der Speicherexperte green flexibility hat mit REGIOlink ein Werkzeug entwickelt, das Batteriespeicher systemdienlich und netzverträglich in regionale Stromnetze integrieren soll.

Im Allgäuer Immenstadt hat Green Flexibility eine erste Referenzanlage mit REGIOlink realisiert. (Foto: green flexibility development gmbh)

Großbatteriespeicher gelten ohne Frage als zentraler Baustein der Energiewende. Sie können kurzfristige Schwankungen ausgleichen, den Redispatch-Bedarf senken und die Integration erneuerbarer Energien stabilisieren. Die aktuelle TenneT-Studie „Quo vadis, Großbatteriespeicher?“ macht deutlich: Das Potenzial ist riesig. Bis 2045 könnten laut Netzentwicklungsplan bis zu 54,5 GW an Großbatteriespeichern ans Netz gehen. Voraussetzung ist jedoch, dass Standort und Betriebsweise systemdienlich sind, andernfalls drohen zusätzliche Engpässe statt Entlastung.

„Alle sind sich einig, dass wir die Speicher brauchen, weil wir die Flexibilität benötigen“, sagt Christina Hepp, Director Strategy bei green flexibility. „Aber wie man das umsetzt, ist eine offene Frage. Das System und die Mechanismen sind heute einfach nicht dafür ausgelegt.“ Für den Großteil der Netzbetreiber sind Speichersysteme eine willkommene Stütze. Doch sobald es darum geht, den Speicher technisch und betrieblich einzuordnen, fehlt es häufig an klaren Bewertungsgrundlagen und belastbaren Erfahrungswerten. Und auch wenn Netzbetreiber ihr eigenes Netz gut kennen, bleibt oft unklar, wie, wann und unter welchen Bedingungen ein Speicher sinnvoll eingesetzt werden kann. Schon bei der Anschlussplanung stehen viele Akteure vor grundlegenden Fragen.

Diese Hürden zu beseitigen, war der Ausgangspunkt für das REGIOlink-Modell – ein Werkzeugkasten für die netzverträgliche Integration großer Speicherprojekte. green flexibility, Spezialist für Planung, Bau und Betrieb von Großspeichern, entwickelte daraus ein Werkzeug für die netzverträgliche Integration der eigenen Speicherprojekte. Ziel ist es, Speicher flexibel, aber gezielt und abgestimmt auf das lokale Netz einzusetzen. „Wir haben gesehen, dass es keinen Standard gibt, keine Werkzeuge, keine klaren Regeln. Deshalb wollten wir eine Lösung entwickeln, die praktisch funktioniert – für beide Seiten“, betont Hepp.

Vom Preissignal zur Praxis

REGIOlink besteht aus mehreren Bausteinen, die gemeinsam eine netzverträgliche Speicherfahrweise ermöglichen. Am Anfang steht eine netzbezogene Analyse des Netzes, die sich auf zwei wesentliche Datenquellen stützt: Auf der Bezugsseite wird die Jahreshöchstlast herangezogen, um keine zusätzlichen Lastspitzen zu erzeugen. Auf der Einspeiseseite betrachtet das Modell vergangene Redispatch-Maßnahmen, um den Speicher gezielt dort wirken zu lassen, wo Engpässe typischerweise auftraten.

Zusätzlich fließen Lastprofile, Erzeugungsdaten und bekannte Engpasssituationen auf Basis öffentlich zugänglicher Netzkennzahlen in die Bewertung ein. Auf dieser Basis wird eine Flexibilitätsbewertung durchgeführt, die viertelstundenscharf ermittelt, in welchem Zeitfenster ein Speicherbetrieb voraussichtlich netzdienlich oder potenziell belastend wäre. Die daraus abgeleiteten Ergebnisse bilden die Grundlage für ein projektspezifisches Vertragswerk, das die Betriebsweise präzise regelt und definiert, wann und wie häufig Einschränkungen stattfinden können. Die Kommunikation erfolgt automatisiert über eine gesicherte Datenschnittstelle (API). Einschränkungen werden spätestens am Vortrag um 7:00 Uhr übermittelt vor Schließung der PRL- und Day-Ahead-Märkte, um wirtschaftliche Planungssicherheit zu gewährleisten.

Ein Live-Dashboard sorgt zusätzlich für Transparenz und zeigt dem Netzbetreiber die tatsächliche Speicherfahrweise und deren Wirkung auf das lokale Netz.

Praxisbeispiel Immenstadt

Zur offiziellen Inbetriebnahme des 33-MWh-Speichersystems in Immenstadt waren verschiedene Vertreter:innen aus Politik und Wirtschaft anwesend. (Foto: green flexibility development gmbh)

Ein erstes Projekt mit REGIOlink-Elementen läuft derzeit im Netzgebiet von AllgäuNetz. Der Speicher ist direkt an ein Umspannwerk angeschlossen. Das Netz weist eine Besonderheit auf: Vor allem im Winter, wenn zahlreiche Schneekanonen gleichzeitig zum Einsatz kommen, treten starke Lastspitzen auf. In der Flexibilitätsbewertung wurde festgestellt, dass das eigentliche Risiko nicht in der Einspeisung, sondern im möglichen Speicherbezug in Lastspitzenzeiten liegt. Deshalb wurde vereinbart, dass der Speicher in maximal 10 Prozent der Jahresviertelstunden bei der Leistungsaufnahme eingeschränkt werden kann. Wann diese Einschränkungen konkret erfolgen, teilt der Netzbetreiber automatisiert spätestens zwei Tage vor dem betreffenden Zeitraum mit. So kann der Betreiber die Einschränkung in der Vermarktung berücksichtigen und wirtschaftlich integrieren.

Diese „dynamischen Leitplanken“ sind vertraglich fixiert und geben beiden Seiten ein hohes Maß an Planungssicherheit. „Gerade weil jedes Netz anders ist, braucht es diese individuelle Betrachtung“, sagt Hepp. „Statische oder pauschale Einschränkungen, wie z.B. ein 7 bis 17 Uhr-Verbot, wie es teilweise angewendet wird, löst keine Probleme, sondern schafft neue.“

Brücke in eine neue Speicherwelt

REGIOlink ist derzeit primär mit Speichern von green flexibility im Einsatz. Das Unternehmen will mit dem Werkzeug gezielt zeigen, wie eigene Speicherprojekte von Beginn an netzverträglich gedacht und betrieben werden können. Ob sich daraus eine eigenständige Produktlinie entwickelt, ist offen. „Das hängt davon ab, wie gut sich das skalieren lässt – und wie sich der regulatorische Rahmen entwickelt“, erklärt Hepp. Langfristig sieht green flexibility aber auch die Politik in der Pflicht. „Wir brauchen standardisierte Vertragswerke, einheitliche Begriffe wie ‚netzdienlich‘ oder ‚netzneutral‘“, fordert Hepp. Netzneutrales/netzdienliches Verhalten solle eher belohnt statt pauschal bestraft werden, weshalb es mehr Anreize geben solle. Bis dahin will das Unternehmen die Lücke füllen und mit REGIOlink eine Brücke bilden, die Speicher und Netz zusammenbringt, indem es sich an der Realität orientiert und nicht an der Theorie. (pms)

www.green-flexibility.com